John Alexander Moreno ist vor 13 Jahren verschwunden. 20 Jahre alt war er damals. Ein Jahr später war sein Leben bereits vorbei. In der Statistik ist er bloss ein weiteres Opfer des kolumbianischen Bürgerkriegs. Diesem Krieg, der seit mehr als 50 Jahren andauert. Für seine Mutter Blanca Moreno war er der einzige Sohn. Wegen ihm steht sie jeden Freitag vor der Kirche gegenüber der Metrostation in Medellin. Sie will, dass John Alexander nicht vergessen geht.

Über die Bedingungen eines Friedens verhandeln die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) und die kolumbianische Regierung nun schon seit fast drei Jahren. Blanca Moreno wünscht sich diesen Frieden, doch sie glaubt nicht daran. Denn während am Verhandlungstisch in Havanna über den Frieden gesprochen wird, geht das Morden im Land weiter. Betroffen ist vor allem die Landbevölkerung, die versucht, inmitten dieses Wahnsinns zu überleben. Die Situation ist auch in diesem Jahr nicht anders als in den Jahren zuvor. Dennoch wiederholt der Präsident Juan Manuel Santos wie ein Mantra, dass der Friede nah sei. Er glaubt daran. Er muss. Doch Frieden machen ist schwierig.

«Was ist das Wichtigste?»

Carlos Enrique Gutiérrez unterrichtet Englisch an einer öffentlichen Schule in Medellin. Seine Schüler sind Teenager und hätten alles andere im Kopf als den Friedensprozess, sagt er. Gutiérrez aber, 55-jährig, wacher Blick, noch lebhaftere Gestik, ist ein Denker. Er mag Ordnung. Gedankliche Ordnung in den lang andauernden kolumbianischen Konflikt zu bringen, ist allerdings schwierig – selbst für ihn.

Glaubt der Lehrer, dass die Verhandlung mit den FARC dem Land Frieden bringen kann? Gutiérrez zweifelt. Er fragt stattdessen: «Wo beginnt man damit, Frieden zu machen?» Vielleicht indem geschaut werde, dass die Leute Zugang zu Bildung haben, einen Job finden, gut verdienen, es ein Verkehrsmittel gebe, das die Menschen pünktlich zur Arbeit bringe, ein Gesundheitswesen existiere, das funktioniere? «Was ist das Wichtigste? Wo würden Sie beginnen?»

Carlos Gutiérrez glaubt schon, dass bei den Verhandlungen in Havanna vonseiten der FARC ein politischer Gedanke dahinter steht. Aber das sei nur ein ganz kleiner Teil. Denn wenn Politik die Hauptabsicht der FARC sei, hätte sie nicht damit begonnen, mit Kokain Geld zu machen. Viele Kolumbianer glaubten, dass die FARC schlicht Geschäftsleute sind, die im illegalen Bereich agieren, sagt er. «Oder haben Sie schon mal davon gehört, dass die FARC irgendwo eine gute Brücke gebaut haben, damit die Bauern ihr Gemüse schneller auf den Markt bringen können?» Nein, die FARC interessiere sich überhaupt nicht für die Bedürfnisse der Bevölkerung. Im Gegenteil: Je schlechter eine Strasse, umso besser. Denn das mache es für die Polizei schwieriger, dort hinzukommen, sagt Gutiérrez.

Aarón Zea (23) ist exzentrisch und so selbstbewusst, dass er auch mal Hemd zu Rock kombiniert. Er wohnt in einer Wohngemeinschaft im Zentrum von Medellin. «El Centro» ist eine der rausten Gegenden der Stadt. Aber auch der Ort, an dem sich der Pulsschlag des stets aufgeregten Medellins zeitweise fast überschlägt. Hier gibt es süsse Erdbeeren, reines Kokain, kurze Röcke, fettiges Gebäck und derbe Pornos auf engstem Raum zu kaufen.

Zea hat Freunde, die das Zentrum meiden, weil hier Raubüberfälle zur Tagesordnung gehören. Medellin ist aber auch die Stadt, in der Seilbahnen und Rolltreppen gebaut wurden, um Bewohner der armen Bezirke an den Hügeln mit dem Rest der Stadt zu verbinden und mitten in den Slums riesige Bibliotheken errichtet wurden. Viel hat sich hier verändert, seit Aarón Zea geboren wurde. Damals galt Medellin als die gefährlichste Stadt der Welt. Es war die Zeit von Pablo Escobar, die Zeit der mächtigen Drogenkartelle. Anders als heute war der Krieg damals in der Stadt.

Tot wegen eines Hundehaufens

Der 23-Jährige weiss diese brodelnde Stadt für sich zu nutzen. Für ihn ist Medellin eine Spielwiese. Er ist überall mit seinem Rennvelo unterwegs. Durch seine Arbeit in verschiedenen Projekten in den armen Stadtvierteln weiss Zea auch, dass sein Leben nicht das Leben aller in diese Stadt ist. Er sagt, was sein Land von anderen unterscheide, sei die Gewalt – die Normalität der Gewalt. Sie sei in Kolumbien etwas so Alltägliches geworden, dass nach einem Mord fünf Minuten Panik herrsche und dann alles wieder seinen gewohnten Lauf nehme.

Die Gewalt dieses Konflikts habe die Seele der Kolumbianer derart durchdrungen, dass selbst alltägliche Probleme mit Gewalt gelöst würden. Zea macht ein Beispiel: «Da ist eine Frau und der Nachbarshund kackt in ihren Garten. Es gibt Streit, weil die Frau, will, dass der Nachbar es wegmacht. Der will aber nicht. Der Streit wird immer heftiger. Irgendwann geht die Frau zu einer der bewaffneten Gruppen in Medellin, klagt über den Nachbarn, am Ende ist jemand tot, und das wegen eines Häufchens in Nachbars Garten.»

«Frieden wird falsch verstanden»

Ob er an den Erfolg der Friedensverhandlungen glaube? Aarón Zea sagt: «Ich glaube, Frieden wird ganz oft falsch verstanden. Für mich ist Frieden wie ein Haus, in dem jeder den anderen akzeptiert.» In diesem Haus lebten ein Schweizer, ein Kolumbianer, ein Israeli, ein Gringo, ein Afrikaner, Männer wie Frauen, ein Katholik, ein Protestant, ein Stummer, ein Homosexueller und ein Rothaariger zusammen und akzeptierten sich in ihrer Andersartigkeit. Aarón Zea ist sich sicher, dass Frieden nie mit Waffen erreicht wird. Aber dass Friede auch nicht eine Unterschrift unter einem Vertrag bedeute. Diese Unterschrift ändere doch nichts daran, wie die Nachbarn in Medellin mit dem Hundehäufchen umgehen, sagt er.

Um die Unterschriften unter diesen Friedensvertrag wird in Havanna gerungen. Bei den Gesprächen geht es um fünf festgelegte Verhandlungspunkte. Eine Einigung erzielt wurde bei der Landreform, der Möglichkeit der politischen Partizipation der ehemaligen Guerilleros und bei Strategien zur gemeinsamen Drogenbekämpfung. Ein wichtiger Verhandlungspunkt, der noch ansteht, betrifft die Guerilleros selber. Wie soll der Staat mit den Tätern umgehen? Werden sie bestraft oder wieder eingegliedert? Was können solche tun, die nur töten gelernt haben? Was ist gerecht? Straflosigkeit um des Friedens willen?

Wider das Vergessen

Nicht weit von da, wo Aarón Zea wohnt, steht Blanca Moreno jeden Freitag vor der Kirche. Gemeinsam mit ihr stehen da rund ein Dutzend Frauen. Sie sind ein kleiner Teil einer grossen Vereinigung, die sich «Caminos de Esperanza Madres de la Candelaria» nennt. Alle Mitglieder sind wie Blanca Moreno Angehörige von verschwundenen Personen. Jede Woche erinnern sie mit Transparenten an ihre Söhne, Töchter, Ehemänner und Brüder, die verschleppt, entführt und meist getötet wurden – von Guerilla, Paramilitär und Militär.

Blanca Moreno weiss, wie es sich anfühlt in einer Leichenhalle zu stehen und den eigenen Sohn unter den Toten zu suchen – ihn nicht zu finden. John Alexander Moreno verliess sein Zuhause zwei Tage vor Weihnachten. 13 Jahre ist es her. Er folgte einem Jobangebot. Als Viehtreiber auf einer Finca sollte er arbeiten. Er fand nicht, was man ihm versprach. Denn John Alexander kehrte nie mehr zurück. In der Finca angekommen, soll er gezwungen worden sein, für die Paramilitärs zu arbeiten. Als er nach einem Jahr fliehen wollte, wurde er verpfiffen und erschossen. 33 Jahre alt wäre er heute.

Erzählt hat das Blanca Moreno ein Mann, der zwei Jahre nach dem Verschwinden ihres Sohns bei ihr auftauchte. Der Mann war ebenfalls auf der Finca. Er berichtete ihr das Wenige, was sie heute über das Verschwinden und den Tod ihres Sohns weiss. Wo John Alexander verscharrt wurde, weiss sie nicht.

Gebrochene Herzen

Das ist Krieg. Doch warum glaubt Blanca Moreno nicht an den Frieden? Sie sagt: «Es lässt sich sehr schön über den Frieden sprechen, aber der Frieden ist in Kolumbien sehr weit weg.» Warum? «Weil die FARC-Guerillas über Frieden sprechen und trotzdem töten.» Und auch, weil die Regierung die Guerillas töten lässt. In den Nachrichten werde der Tod dieser Guerillas als Erfolgsnachricht vermeldet. Aber diese Guerilleros hätten eine Familie, eine Mutter, eine Schwester und Kinder, sagt Blanca Moreno und schiebt nach: «Die Mütter der toten Guerilleros haben nun ein zerbrochenes Herz.» Blanca Moreno kennt sich aus mit gebrochenen Herzen. Wenn das Töten weitergehe, werde es nie Frieden geben, sagt sie. «Wollen wir Frieden, müssen wir das Leben von allen Menschen schützen – auch von Guerillas und Paramilitärs.»

Es gibt noch einen zweiten Grund, weshalb sie wenig Hoffnung auf Frieden in ihrem Land hat. Frieden, sagt sie, beginne in den Häusern. Aber in so vielen Häusern würden Kinder in Armut aufwachsen, erhielten kaum Bildung, wenig Fürsorge und oft sei auch nicht genug Essen da. Was wohl tue ein Bub, wenn eine der bewaffneten Gruppen in sein Dorf kommt und ihm sagt: Komm mit, wir geben dir Essen und alles, was du brauchst? «Solange es Armut gibt. So lange wird es in Kolumbien auch keinen Frieden geben», sagt Blanca Moreno.

Und doch gibt es Hoffnung. Ein Beispiel ist Blanca Moreno selber. Diese Frau, die trotz ihres Verlustes keine gebrochene Frau ist. Sie sagt – gracias a Dios – habe sie den Mördern ihres Sohnes vergeben können – und zwar von Herzen. Sie habe Täter im Gefängnis besucht und mit ihnen über den Konflikt gesprochen. Spricht sie über diese Männer, schwingt kein Hass mit – eher Mitgefühl.

Seit Ende Juli gilt eine Waffenruhe zwischen Regierung und FARC. Präsident Santos hat den Kolumbianern versprochen, dass in den nächsten drei Monaten ein Entscheid gefällt wird. Das heisst: Ein Friedensvertrag mit der Guerilla – oder der Krieg geht weiter.