Mit bedächtigem, schwerem Schritt patrouillieren die drei Soldaten in ihren Tarnanzügen durch die glitzernden Gänge des Einkaufszentrums. Das Sturmgewehr haben sie geschultert, den Finger am Abzug. Kein Grund für die Mädchen vor dem Burger King, von ihren Handys aufzublicken. Dany begrüsst die Militärpräsenz: «Man muss schon auf der Hut sein. Aber man darf auch nicht ständig daran denken. Sonst wird man noch parano.» Von einer paranoiden Stimmung merkt man nichts im «Quatre-Temps», dem grössten französischen Shoppingcenter im Geschäftsquartier La Défense westlich von Paris. Hier wollten die belgischen Attentäter zuschlagen. Weil ihnen die Polizei auf die Schliche kam, improvisierten sie im März die Attentate in Brüssel.

Im «Quatre-Temps» herrscht geschäftiger Alltag, doch die Normalität ist nur scheinbar. Unschwer nimmt man neben den Tarnanzügen weitere Uniformen wahr: Die blaue der Polizei, die schwarzen der Metro-Sicherheit, dazu orange Armbinden der Türsteher, die den Inhalt der Tragtaschen mehr oder weniger sorgfältig prüfen. Im unterirdischen Bahnhof der Metro und der Vorstadtbahn RER, wo täglich 50 000 Büroangestellte ankommen, informiert ein comic-artiges Plakat, wie im Fall eines Terroranschlags zu reagieren sei: «Fliehen, und wenn dies unmöglich ist, sich verstecken.» Die Passanten werfen keinen Blick darauf. Keine Zeit. Oder keine Lust.

Ein halbes Jahr nach den furchtbaren Anschlägen auf das Bataclan-Konzertlokal, die Bistro-Terrassen und das Stade de France in Paris gewöhnen sich die Franzosen an das Unbehagen: eine anhaltende Terrorbedrohung. 12 000 Soldaten, Gendarmen und Sicherheitsleute sind landesweit im Einsatz; Kostenpunkt: eine Million Euro pro Tag. Der Ausnahmezustand bleibt bis Ende Juli in Kraft, nicht zuletzt wegen der anstehenden Fussball-Euromeisterschaft. In Paris merkt man kaum etwas von den über 3000 Razzien und Hausarresten, welche die Polizei ohne richterliche Kontrolle vornimmt. Sie finden meist ausserhalb der Ringautobahn statt, in den Banlieue-Gettos.

Antiterror-Dispositiv ständig erhöht

Dass sich die Kritik am Polizeivorgehen im Rahmen hält, ist das Verdienst von Innenminister Bernard Cazeneuve, dem ruhenden Pol der Terrorbekämpfung. Er hat einen schweren Job: Seine Polizei muss Präsenz markieren, um die Bürger zu beruhigen. Sie soll aber auch die ausländischen Besucher der Fussball-EM nicht abschrecken. Seit den «Charlie Hebdo»-Anschlägen vom Januar 2015 hat Cazeneuve das Antiterror-Dispositiv regelmässig verstärkt. Nach den Brüsseler Anschlägen meinte er fast verzweifelt: «Wir können doch nicht ständig erhöhen, was bereits auf einem sehr hohen Niveau ist!»

Laut Umfragen wird das Notstandsregime weiterhin von einer klaren Bevölkerungsmehrheit unterstützt. Die ehemalige Sozialistenchefin Martine Aubry gibt zu bedenken: «Die Franzosen haben Angst, das ist normal. Sie würden noch Ja sagen, wenn man sie fragen würde, ob man Terroristen foltern sollte.»

Die terrorerfahrenen Pariserinnen und Pariser (die ersten «Banlieue-Terroristen» schlugen 1995 zu) bleiben bemerkenswert ruhig, vielleicht auch leicht fatalistisch. Ohne zu murren, nehmen sie es hin, wenn wieder eine Metrolinie eine Stunde lang unterbrochen ist, um ein «colis suspect», ein verlassenes Gepäckstück, zu kontrollieren. Im Burger King des «Quatre-Temps» räumt die Verkäuferin schulterzuckend ein, sie könne nicht jedes Mal die Polizei rufen, wenn jemand seinen Plastiksack im Lokal vergessen habe.

Wie gross der Konsumeinbruch im Einkaufszentrum nach den Terroranschlägen war und heute noch ist, lässt sich laut einer Sprecherin nicht festmachen. In den Pariser Hotels, wo bis Jahresende vor allem ausländische Gäste ausblieben, lagen die Übernachtungen noch am Osterwochenende um elf Prozent unter den Vorjahreszahlen. Die Pariser Tourismusbehörde spricht nicht gerne darüber.

Unterdessen organisiert der französische Zivildienst Erste-Hilfe-Kurse für den Fall «massenhafter Verletzungen», auch wenn er das Wort «Terroranschläge» vermeidet. Die Kurse sind gut belegt. Man will etwas tun gegen die Bedrohung, vielleicht auch gegen die Angst. Das Thema Waffenverkäufe bleibt tabu. Sicher ist: In den Köpfen der Franzosen dauert auch der mentale Ausnahmezustand an.

Immer auf der Hut

Dazu gehört auch der permanente Versuch, die Sicherheit zu erhöhen. In Nizza verfügen die sechs grössten Publikumssäle der Stadt neuerdings über Kameras. Ein roter SOS-Knopf verbindet zum Terroralarm. Das soll ein Szenario wie im Pariser «Bataclan» verhindern helfen. Der Gedanke an diese regelrechte Massenhinrichtung bleibt präsent, wenn man ins Konzert, Theater oder Kino geht. Die Franzosen lassen sich nicht unterkriegen, sie gehen erst recht aus, sie wollen wie bisher feiern und festen. Aber ein klein wenig sind sie wie die Mädchen vor dem Burger King, nun immer auf der Hut.