Hans Fleischer strahlt, wenn er Gäste durch seinen Arbeitsort führt. Fleischer ist Hauswart im einzigen Atomkraftwerk Österreichs, dem AKW Zwentendorf bei Wien. Seit dem Reaktorunfall von Fukushima ist der gelernte Konditor mit dem gestutzten Schnauz und den zurückgekämmten Haaren auch noch Experte für Atomsicherheit. Er steht im Reaktorraum seines AKW, die braunen Augen wandern von einem Zuhörer zum andern: «Wir hoam beim Druckgefäss eine Wandstärke von 132 Millimeter», erklärt er, klopft mit seinem Teleskopstab auf eine Schautafel und lächelt in die Kameras der Weltpresse. Rund ein Dutzend Journalisten hören Fleischer zu: ZDF, Radio-Energy, bulgarisches Staatsfernsehen. Sie fragen: «Halten Sie die Atomenergie für sicher?» Der gelernte Konditor zieht an seiner Zigarette und antwortet in breitem Wienerdialekt. «Jo, i bin fasziniert von dieser Technik». Das merkt man.

Fleischer kennt sein Kraftwerk von Grund auf, rattert Zahlen, Daten und Anekdoten runter wie ein Museums-Führer. Er ist der perfekte Hauptdarsteller in diesem skurrilen Theater. Er liebt sein AKW und die Medien lieben ihn. Da spielt es keine Rolle, dass er eigentlich auf Torten und nicht auf Brennstäbe spezialisiert ist.

Proteste verhinderten Inbetriebnahme

Zwentendorf hat nie Strom ans Netz geliefert. In Zwentendorf ist alles nur Kulisse. 1972 hatte ein Konsortium aus Energiefirmen, 35 Kilometer nordöstlich von Wien, mit dem Bau begonnen. Es gab Proteste, doch das Ganze war berechenbar, dachte der damalige SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky. Alle grossen Parteien und gemäss Umfragen auch die Mehrheit der Österreicher, standen hinter dem Projekt. Doch Kreisky wollte Zwentendorf demokratisch absegnen lassen, er, der jüdische Sozialdemokrat, der angetreten war, um das konservative, noch immer vom braunem Filz durchzogene Land zu modernisieren. Er, der gemeinsam mit Willy Brandt in Deutschland und Olof Palme in Schweden mehr Demokratie wagen wollte.

So sieht das stillgelegte Atomkraftwerk in Österreich aus

So sieht das stillgelegte AKW in Österreich aus

Also wagte er eine Volksabstimmung. Ein Fehler, denn Kreisky war in bürgerlichen Kreisen verhasst. Als er seine politische Zukunft an die Abstimmung über Zwentendorf knüpfte, wurde aus der Atom-Abstimmung eine Kreisky-Wahl. 1976 war das AKW fertiggestellt, die Brennstäbe angeliefert, 200 Techniker standen bereit, alles war angerichtet für die grosse Kernspalterei, es galt, nur noch die Handbremse zu lösen. Aber 1978 verlor Kreisky. 50,47 Prozent stimmten gegen das AKW und damit gegen ihn. Kreisky blieb dann doch im Amt, die Zwentendorf-Angestellten aber mussten gehen. Für die Ingenieure brach eine Welt zusammen, einer beging Selbstmord. 33 Jahre später steht das AKW Zwentendorf noch immer neben der Donau, nicht als Kernkraftwerk, sondern als Reliquie der österreichischen Zeitgeschichte. Eine Milliarde Euro verbaute Österreich bis heute in Zwentendorf. Statt Atomingenieuren ist jetzt ein ehemaliger Konditor Herr über die Anlage.

Keine Fenster in der Ruine

Hans Fleischer steht in der Kondensationskammer, einem riesigen schwarzen Raum unterhalb des Reaktors. Pechschwarze, meterdicke Rohre ragen durch die Decke und gehen in monströse Ventile über. Ein Raum, wie von HR Giger entworfen. Alles ist schwarz oder aus Metall, man weiss nicht, wo der Raum anfängt, nicht wo er aufhört. Es mieft und wenn es nicht so grausam kalt wäre, könnte man den Raum für das Wartezimmer der Hölle halten. Fleischer sagt: «Ich möchte hier arbeiten, bis ich pensioniert werde». Am besten habe es ihm gefallen, als noch kaum Besucher kamen, «wunderboa» sei das gewesen. Fleischer verwaltet das AKW Zwentendorf seit 2002, seine Aufgabe ist «die Aufrechterhaltung des Konservierungsbetriebs».

Verfassung verbietet Atomkraft

Das Kraftwerk hat 1050 Räume und keine Fenster, mit riesigen Gebläsen entfeuchtet Fleischer das Gebäude, putzt, tauscht Lampen aus und kümmert sich um die Wartung der Geräte. Im AKW, das Strom für hunderttausende Haushalte hätte produzieren sollen, fallen heute monatlich Stromkosten von 6000 Euro an. Wenigstens konnte Fleischer die Stromkosten halbieren. Er hat überall Stromsparlampen montiert. Fleischer muss dafür sorgen, dass das AKW betriebsbereit bleibt, obwohl Zwentendorf nie in Betrieb gehen wird.

Zwentendorf wird heute als Ersatzteillager und Ausbildungszentrum für deutsche Modelle des gleichen Typs (Isar 1, Brunsbüttel, Philippsburg 1) gebraucht. Auch Fukushima 1 ist fast identisch mit Zwentendorf. Deutsche Atomtechniker kommen hierher, um Wartungsarbeiten zu trainieren. Und die Volksschule nutzt das Verwaltungsgebäude, weil ihr Schulhaus umgebaut wird.

Kein Energiekonzern ruft nach Atomkraft

In Österreich sind Atomkraftwerke seit 1978 auf Verfassungsstufe verboten. Tschernobyl hat Österreich endgültig in ein Anti-Atomland verwandelt. Gemäss Umfragen sind heute bis zu 90 Prozent der Bevölkerung gegen die Atomenergie. So viel wie in keinem anderen europäischen Land. Peter Lingens, Publizist und Gründungschefredaktor des Polit-Magazins «Profil» sagt: «Gegen Atomenergie zu sein, ist Teil der österreichischen Identität.» Fukushima habe die Österreicher nochmals darin bestätigt, den richtigen Weg gewählt zu haben. Kein Politiker kann es sich hier leisten, öffentlich für die Atomkraft einzutreten. Kein Energiekonzern kann es sich leisten, neue Atomkraftwerke zu fordern.

Das weiss auch Stefan Zach, Kommunikationsverantwortlicher der Energieversorgung Niederösterreich (EVN), welche das AKW Zwentendorf seit 2005 besitzt. «Sie merken vielleicht, meine Damen und Herren», sagt er zu den versammelten Journalisten in der Kondensationskammer, «meine Haltung ist ein bisserl anders als die unseres Herrn Fleischer, ich bin eher atomkritisch.» Wenn Fleischer der Hauptdarsteller ist in Zwentendorf, dann ist Stefan Zach der Regisseur. Fleischer ist die leicht ausgeflippte Hauptrolle in Zachs Aufführung, etwas schrullig, etwas kauzig, aber irgendwie sympathisch. Nur entgleitet Zach das Ganze etwas. Die Journalisten interessieren sich nur für Fleischer. Die Lichter der Kameras sind auf den Hauptdarsteller gerichtet.

Der Konzern EVN hat das AKW vor sechs Jahren gekauft, um auf dem Grundstück zur gegebenen Zeit ein konventionelles Kraftwerk zu bauen. Biomasse wahrscheinlich, sicher aber erneuerbare Energie, sagt Zach. Energie hat grün zu sein, dass weiss er. Im Moment nutzt die EVN die Fläche des AKW für eine Photovoltaikanlage und für PR, was eigentlich dasselbe ist. Jeden Freitag gibt es Führungen. «Über Atomkraftwerke können und wollen wir gar nicht nachdenken», versichert Zach.

15 Prozent Atomstrom

Obwohl Österreich keine Atomkraftwerke will, sie sogar per Gesetz verbietet: Das AKW-Zwentendorf steht bis heute. Und das hat symbolischen Charakter. Denn auch der Atomstrom ist nicht aus Österreich verschwunden. «Alle österreichischen Anbieter haben Atomstrom im Angebot, auch EVN», sagt Niklas Schinerl, Sprecher für Energiepolitik bei Greenpeace. Österreich ist Nettoimporteur, muss fünf bis zehn Prozent seines Strombedarfs aus dem Ausland decken. Manche Konzerne haben direkte Verträge mit grenznahen Atomkraftwerken abgeschlossen, andere importieren über den europäischen Markt. So oder so kommt AKW-Strom ins Land («Physikalisch unumgänglich», sagt Zach dazu). Offiziell wird der Anteil Atomstrom in Österreich auf fünf bis sechs Prozent geschätzt. Greenpeace geht von 15 Prozent aus.

Doch die österreichische Bundesregierung versucht, auf europäischer Ebene gegen die Atomkraft vorzugehen. Sie hat einen Anti-Atom-Aktionsplan entwickelt und fordert unter anderem die Abschaltung der grenznahen AKW Temelin (Tschechien) und Mochovce (Slowakei). «Gerade Temelin ist in Österreich ein absoluter Reizbegriff», sagt der ehemalige Profil-Herausgeber Peter Lingens. Doch auch aus diesen «Schrott-AKW», wie sie die österreichische Presse nennt, bezieht Österreich Strom. Und so kommt es, dass die österreichische Regierung in der Atompolitik eine Position einnimmt, die sich von jener von Greenpeace nicht unterscheidet, und trotzdem vom Atomstrom abhängig ist.

Dunkle Gänge zum Nuklearraum

Die Journalisten stehen mittlerweile direkt unter den leeren Brennstäben um Hans Fleischer herum. Wie Orgelpfeifen ragen die glänzenden Rohre von oben herab. Hier wäre es zur Kernspaltung gekommen. Hier wo jetzt Fleischer raucht und erklärt. Etwas abseits steht Stefan Zach und flüstert: «Wahnsinn, gell? Als Nächstes gehen wir dann in den Reaktorkontrollraum, das ist das absolut steilste Teil.» Zach weiss, wie das Kraftwerk wirkt: gespenstig, morbid und wie aus einer anderen Welt. Den Gruseleffekt, das es auslöst, findet Zach klasse. Und die guten Geschichten, die sich um das Haus ranken auch. Die mit den Uhren zum Beispiel. «Es gibt im ganzen Gebäude keine Uhr, die noch Zeiger hat», sagt er und lächelt geheimnisvoll. «Es ist eben wirklich ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben ist», sagt er.

Durch dunkle Gänge geht es auf Irrwegen zu einem Lift, der hoch in den Überwachungsraum führt. Hier steht man mitten in den 70er-Jahren. Analoganzeigen reihen sich aneinander, Schaltflächen, Schichtbücher, alles ist grau, beige und ocker. Stilvoll, schon fast wieder modern, weil es so alt ist, quasi retro. In der Mitte des Raums hängt eine Uhr mit Zeiger. Sie kommt von den Dreharbeiten zum deutschen Fernsehfilm «Restrisiko», der hier aufgenommen wurde. Auch der Action-Star Dolph Lundgren hätte in diesem Raum drehen sollen für den Film «Meltdown». Dann ging der österreichischen Produktionsfirma das Geld aus.

Der Welt blieb damit wohl einiges erspart. Das gilt wohl auch für das AKW Zwentendorf.