Syrien

Das schwarze Schaf des Diktatoren-Clans ausser Rand und Band

Berüchtigter Spross der Präsidenten-Familie: Sulaiman al Assad.

Berüchtigter Spross der Präsidenten-Familie: Sulaiman al Assad.

Die Alawiten fordern die Hinrichtung des schiesswütigen Grosscousins von Baschar al-Assad. Der Präsident muss nun handeln.

Überholmanöver sind auf dem breiten Jumhuriyah-Boulevard der syrischen Mittelmeermetropole Latakia an der Tagesordnung. Meist verlaufen sie ohne Folgen – es sei denn, ein Mitglied des syrischen Präsidentenclan ist im Spiel. So wie der 19-jährige Sulaiman al Assad, ein Grosscousin des Diktators in Damaskus am letzten Donnerstag. Weil ein «Rangniedrigerer» ihn überholte, fühlte er sich provoziert. Der junge Assad zwang den vermeintlichen Übeltäter, den Luftwaffenoberst Hassan al-Schaich, zum Halten und schoss ihm nach kurzem Wortwechsel mit der Kalaschnikow vier Kugeln in den Kopf. Anschliessend suchte er das Weite.

Nachdem die Polizei keinerlei Anstalten machte, den Mörder zu verhaften, gingen Tausende auf die Strasse. Es waren fast nur Angehörige der alawitischen Bevölkerungsminderheit, der auch der Präsidentenclan angehört. Die Protestierenden forderten lautstark die Hinrichtung von Sulaiman al-Assad. Dieser hatte nicht zum ersten Mal für Unmut unter den überwiegend regierungstreuen 700 000 Einwohner Latakias gesorgt. Sulaiman al Assad, so lauten die Klagen, nehme sich, was er wolle und zücke bei Widerspruch sofort seine Knarre. Auch junge Frauen würden von dem Narzissten regelmässig belästigt. Einen Mord hatte er bislang aber nicht auf seinem Konto.

Das ums politische Überleben kämpfende syrische Regime gerät durch die kleine Rebellion der staatstragenden Alawiten in eine schwierige Lage. Es kann es sich nicht leisten, die Ermordung eines Luftwaffenoffiziers durch einen Verwandten des Präsidenten einfach zu ignorieren. Nach drei Tagen peinlichen Schweigens wurde daher in Damaskus ein Haftbefehl gegen den Assad-Rüpel erlassen. Der Gesuchte würde in seinem Versteck die Modalitäten seiner Überstellung aushandeln, berichtete gestern die regierungsnahe Webseite «The Arab Source».

Vor Gericht wolle Sulaiman al-Assad «seine Unschuld» beweisen. Geschossen habe nicht er, sondern einer seiner Leibwächter, was die Kinder des Mordopfers bestreiten. Sie sassen im Wagen, als ihr Vater niedergestreckt wurde. Den Täter haben sie offenbar einwandfrei identifiziert.

Erst wenn der Mörder hingerichtet worden ist, wollen die Alawiten von Latakia Ruhe geben. Eine Intifada gegen das Regime können sie sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt freilich nicht leisten. Nur 40 Kilometer östlich von Latakia befinden sich die Dschihadisten des Kaida-Ablegers Nusra-Front und andere salafistische Organisationen auf dem Vormarsch. Sollten sie es schaffen, die Stadt zu erobern, wären die Alawiten an Leib und Leben bedroht.

Das weiss auch Sulaiman al-Assad, der seinen Kopf vermutlich aus der Schlinge ziehen wird. Angeblich will ihn die Familie nach Venezuela verbannen. Die Strassen von Latakia unsicher machen, wird er sobald wohl nicht mehr.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1