Im Frühjahr 2017 zitterte noch ganz Europa vor ihr: Nach dem Brexit und dem Trump-Triumph setzte die französische Ultranationalistin Marine Le Pen zum dritten Streich der Populisten an. Es kam anders. Das entscheidende TV-Duell gegen Emmanuel Macron verlor sie blamabel, die folgende Stichwahl gegen den späteren Präsidenten mit bloss 34 Prozent der Stimmen. Seither steckt der Wurm in ihrer Bewegung, die sie im Juni von «Front National» (FN) in «Rassemblement National» (RN) umgetauft hat.

Das RN zählt heute nur noch rund 30 000 Mitglieder – nur noch gut ein Drittel im Vergleich zum früheren Front. Zudem ermittelt die Justiz wegen Scheinjobs gegen die Partei. Das Europaparlament hält bis zu einem Urteil zwei Millionen Euro an Salären zurück – ein Sechstel des RN-Budgets von 12 Millionen. Marine Le Pen schimpft über den «politischen Mord» durch ihre Gegner. Ihr Finanzchef Wallerand de Saint-Just erklärte im August, er habe «keinen roten Heller» für die Kampagne der Europawahlen von 2019.

Le Pens Kernproblem, das sie seit den Präsidentschaftswahlen mit sich schleppt und nicht zu lösen vermag: In der zentralen Frage des EU-Austritts laviert sie, wohl wissend, dass die Franzosen mehrheitlich gegen den «Frexit» wären. Fast nostalgisch erinnerte Marine Le Pen daran, dass sie den italienischen Gesinnungsgenossen Matteo Salvini im Jahr 2004 auf dessen Wunsch in Paris empfangen habe. Seiner Lega Nord hätten die Umfragen damals nicht mehr als drei Prozent Stimmen gutgeschrieben. «Salvini bat mich um ein Selfie», erzählt Marine Le Pen. Heute ist die Lage umgekehrt. Wie die Pariser Tageszeitung «La Croix» schreibt, ist Marine Le Pen nicht länger die «Inspiratorin» der Lega, sondern sucht «von ihrem Erfolg zu profitieren».