Die Eltern nennen ihr Neugeborenes «Umut», was auf Türkisch so viel wie «Hoffnung» heisst. Der bei seiner Geburt 3,7 Kilo schwere Säugling ist laut dem Spital Antoine-Béclère in Clamart im Grossraum von Paris «bei bester Gesundheit» – und vor allem in der Lage, einem Bruder mit seiner Blutspende das Leben zu retten.

Zu diesem Zweck wurde Umut in in vitro befruchtet. Bei der Auswahl der Embryonalzellen wurde erstens darauf geachtet, dass sie frei waren von der Erbkrankheit seiner Geschwister, und zweitens, dass die Zellspende mit dem Blut eines älteren Bruders verträglich ist.

Für Frankreich eine Premiere

Damit sind theoetisch die zwei Voraussetzungen erfüllt, damit Umut zur Heilung von mindestens einem älteren Bruder beitragen kann. Der leitende Arzt René Frydman zeigte sich optimistisch, dass die bereits erfolgte Nabelschnurspende für die Bekämpfung der Thalassämie in der Familie entscheidend sein werde.

Für Frankreich ist die am 26. Januar erfolgte, aber erst jetzt bekannt gemachte Geburt des «Medikamenten-Babys» eine Premiere. Ähnlich gezielte In-vitro-Befruchtungen haben schon in den USA stattgefunden, in Europa allerdings erst dreimal – zwei in Belgien und eine in Spanien. In Frankreich will Frydman diese Praxis nun rasch ausdehnen.

Die gesetzlichen Grundlagen sind vorhanden, obwohl Frankreich die Genforschung streng regelt. Zufällig hat die Nationalversammlung in Paris am Dienstag die Beratung eines neuen Bioethikgesetzes aufgenommen. Es enthält einige Neuerungen, darunter etwa die Zulassung «gekreuzter Organspenden».

Da zum Beispiel Nierenspenden familienintern häufig unverträglich sind, schlägt die französische Regierung nun vor, dass zwei Familien sozusagen übers Kreuz Organe austauschen dürfen. Neu will sie zulassen, dass in Frankreich auch dann ein Embryo in den Mutterleib eingepflanzt werden kann, wenn der Vater verstorben ist. Voraussetzung ist jedoch, dass das Paar das Verfahren einer In-vitro-Befruchtung in die Wege geleitet hatte.

Restriktives Bioethikgesetz

Abgesehen davon bewahrt Frankreich eines der restriktivsten Bioethikgesetze Europas. Stammzellen- oder Embryonalforschung bleiben grundsätzlich unmöglich. Moralische Bedenken obsiegten in den vorberatenden Kommissionssitzungen des französischen Parlamentes klar über die Argumente der Medizinalforschung.

Die in England oder Belgien erlaubte Leihmutterschaft dürfte in Frankreich aller Voraussicht nach verboten bleiben.

Auch Eizellspenden werden nicht zulässig, womit zum Beispiel homosexuelle Frauen nicht zu einem Kind kommen können. Kritiker befürchten eine Zunahme des «Geburtstourismus» von Französinnen nach Belgien oder Spanien, vermochten sich in der Kommission aber nicht durchzusetzen; in der Parlamentsdebatte haben «progressive» Stimmen noch weniger Chancen.