Bei Luftangriffen auf Stellungen der Terrormilizen des «Islamischen Staat» in und um Kobane sind nach Angaben des Pentagons bislang mehrere hundert Extremisten ums Leben gekommen. Nach den in letzten 72 Stunden geflogenen 50 Angriffen, der höchsten Zahl seit dem Beginn des Bombardements am 22. September, sahen sich die Dschihadisten gezwungen, wichtige Stellungen in der syrisch-kurdischen Grenzstadt zu räumen. Der IS soll jetzt weniger als 20 Prozent von Kobane kontrollieren. Dennoch könnte die Stadt weiterhin in die Hände des Extremisten fallen, warnten US-Militärsprecher.

Die Kämpfe um Kobane sind für beide Seite extrem verlustreich. Die oppositionsnahen syrischen Menschenrechtsbeobachter konnten bislang den Tod von mehr als 650 Menschen dokumentieren. Es handele sich um 258 kurdische Guerillas, 20 Zivilisten und 374 IS-Kämpfer. Die Beobachter gehen jedoch davon aus, dass aufseiten des IS die Verluste fast doppelt so hoch sind.

Für eine Miliz, deren Gesamtstärke um 30 000 liegen soll, sind derart hohe Opferzahlen eigentlich untragbar. Der IS muss sich fragen, wie viele seiner zum «Märtyrertod» bereiten Kämpfer er noch in die seit 30 Tagen andauernde Schlacht schicken will.

Kobane hat für alle kämpfenden Parteien inzwischen eine hohe symbolische Kraft. Eine Niederlage wäre für den siegesgewohnten IS verheerend. Es wäre der erste grosse Rückschlag der Dschihadisten in Syrien. Sollten sie sich tatsächlich aus Kobane zurückziehen müssen, wäre dies auch ein erster Beweis für die Durchschlagskraft der US-geführten Koalition. Ohne den aufopferungsvollen Kampf der Kurden am Boden hätten die Luftschläge freilich nicht die erwünschte Wirkung erzielt.

Für die Koalition exponiert

Bei seinen Bemühungen, die Kurden aus Kobane zu vertreiben, habe der IS umfangreiche Ressourcen zum Einsatz bringen müssen und damit der Koalition die Möglichkeit zu zahlreichen Luftschlägen gegeben, betonte der amerikanische Admiral John Kirby zufrieden. Diese – aus Sicht der Koalition – äusserst komfortablen Lage wird sich erst dann verändern, wenn der IS seine Angriffsbemühungen aufgibt und sich in seiner Hochburg Rakka verkriecht.

Anzeichen dafür gibt es nicht. Die vom Glauben an die Unsterblichkeit beseelten IS-Milizen kämpfen trotz hoher Verluste weiter. Sie treffen auf einen Gegner, dessen Moral durch die erfolgreichen Luftschläge der Koalition gewaltig gestärkt wurde. Der Chef der Demokratischen Unionspartei (PYD), Salih Muslim, erklärte bei einem Besuch im irakischen Kurdistan, dass er «der Welt schon bald die gute Nachrichten von der vollständige Befreiung von Kobane» überbringen werde.

Türken hoffen auf Dschihadisten

Die lange Zeit verfeindeten syrischen und irakischen Kurden kritisierten gestern erstmals gemeinsam die passive Haltung der Türkei. Kurdenpräsident Barsani verlangte westliche Waffenlieferungen für die Verteidiger von Kobane.

In Ankara wäre eine Niederlage der Dschihadisten höchst unwillkommen, weil diese von den Kurden als doppelter Triumph gefeiert würde: Gegen die IS-Terroristen sowie gegenüber der Türkei, die als Steigbügelhalter des IS gilt. Selbst im Falle einer Niederlage, betonen Sprecher der Kurden euphorisch, werde die Schlacht um Kobane als «heroischer Abwehrerfolg» in die Geschichtsbücher eingehen.