Erster Weltkrieg

Das grosse Schlachten: Vorwärts marsch! Ins MG-Feuer

Tankangriff bei Cambrai.

Tankangriff bei Cambrai.

Die Entwicklungsfortschritte hatten wenig Einfluss auf die Kriegsführung im Ersten Weltkrieg. Die Generäle bauten auf den «Willen» der Truppe, ihn hielten sie für entscheidend.

Generäle brüten über Karten. Auf die Karten zeichnen sie mit Vorliebe Pfeile. Dicke – mit Vorliebe farbige – Pfeile markieren das Vorrücken der eigenen Truppen. Dünne schwarze Linien zeigen die Verbände des Gegners. Auf den Karten stossen die Pfeile durch die dünnen schwarzen Linien hindurch und krümmen sich dann: Verband eingekesselt, Krieg gewonnen.

In der Realität stehen für die Pfeile Soldaten. Für die Linien auch, aber das sind immer die anderen. Feldherren wollen Soldaten, die marschieren, die angreifen. Kriege gewinnt man in der Offensive. Ferdinand Foch, vor 1914 Kommandant der französischen Kriegsakademie, 1918 der alliierte Oberbefehlshaber der Westfront, prägte die Formel: «Sieg = Willen.» Etwas ausgeführt: Die Moral der Truppe ist für die Kriegsführung wichtiger als die Bewaffnung. Auch die Deutschen sahen das im grossen Ganzen ganz ähnlich.

Die Fahne hoch! Französische Truppen in der Champagne.

Die Fahne hoch! Französische Truppen in der Champagne.

Mit diesen Schablonen im Kopf gingen die Generäle in den Ersten Weltkrieg. Nicht nur die französischen und die deutschen, von den russischen ganz zu schweigen. Auch in der Schweiz tobte die Debatte: «Erziehen oder ausbilden?» Unser General Wille war fürs Erziehen.

Aufrüsten, aber gleich denken

Heute wirkt das mehr als ewiggestrig – und das war es schon 1914. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1914 ist die technische Entwicklung rasant fortgeschritten. Die Generäle negierten sie nicht. Sie jammerten, dass die neuen Waffen es noch schwieriger machten, auf dem Schlachtfeld eine Überlegenheit zu erlangen. Das heisst: Die Analyse war richtig. Aber die Folgerungen waren verheerend falsch. Dass gegen die Eisenvorhänge des Massenfeuers Angriff das Beste sei. Den psychologischen Stress des modernen Schlachtfelds erträgt der Kämpfer am besten, wenn er vorwärtsrennt.

Entwicklung der Militärtechnik

Hinterlader kamen im «deutschen Krieg» von 1866. Gewehre mit gezogenen Läufen schossen präziser. Den Kampf der Infanterie veränderte die Erfindung des «rauchlosen» Pulvers. Damit verschwanden nicht nur die Rauchwolken vom Schlachtfeld. Das neue Pulver hinterliess auch viel weniger Verbrennungsrückstände. Das erlaubte die Verfeinerung der Gewehrmechanik bis zum Maschinengewehr.

Die französische Artillerie hatte seit 1897 ein Feldgeschütz, das die Rückstossenergie auffing. Es konnte schneller feuern, weil nicht nach jedem Schuss lange nachgerichtet werden musste. Eine neue Zieloptik ermöglichte das indirekte Einrichten. Man konnte damit aus einer verdeckten Feuerstellung zielgenau schiessen. «Nachteil» war das relativ kleine Kaliber von 7,5 cm. Schon gegen improvisierte Feldbefestigungen hatte die Kanone kaum Wirkung. Die Deutschen hatten das bereits im Blick und setzten auf gröberes Geschütz: Kaliber von 10,5 bis 15 cm, 21-cm-Mörser. Bisher hatte man mit solchen Kanonen auf Festungen geschossen. Jetzt auch auf dem Schlachtfeld.

Flugzeuge gab es kaum 10 Jahre. Aber ihr Wert für Aufklärung und Feuerleitung wurde sofort erkannt. Zur Bekämpfung von Erdzielen und für das Flächenbombardement waren die Apparate noch nicht so geeignet. Das kam erst. Die Deutschen kamen schnell vom Zeppelin ab.

Der Artilleriebeschuss pflügte ganze Landschaften um.

Der Artilleriebeschuss pflügte ganze Landschaften um.

Falsches Beispiel

Anschauungsunterricht hat es gegeben. Der Sieg der Japaner 1904/05 über die Russen lieferte aber ein zwiespältiges Bild. Einerseits waren schon Grabensysteme, Stacheldraht und die verheerenden Wirkungen von massiertem MG- und Artilleriefeuer zu sehen. Andererseits schrieben die westlichen Beobachter den Sieg der Japaner ihrem trotz hoher Verluste unermüdlichen Angriffsgeist zu, gegen einen Gegner, der das Mittel des Schwächeren, das Eingraben und Sich-Verbarrikadieren, gewählt habe.

Tanks und Gas

Der Einsatz von Giftgas, den die Deutschen 1915 eingeführt hatten, war nicht kriegsentscheidend, sondern – weil er den Widerstandsgeist der Franzosen und Engländer anstachelte – eher kontraproduktiv. Auch die Tanks, die ab 1917 auftauchten, brachten allein noch keine Rückkehr zum Bewegungskrieg. Erst die amerikanischen Truppen brachten die Westfront wieder in Bewegung. Im Osten war ein zäher Bewegungskrieg im Gang mit noch höheren Verlusten als im Westen. Aber für uns ist die Westfront der Erste Weltkrieg. U-Boote verbreiteten auf den Meeren zwar Furcht und Schrecken. Und völlig unwirksam war der U-Boot-Krieg nicht. Aber er zwang schliesslich die USA in den Krieg.

Mensch gegen Maschine

Die technische Entwicklung schaffte den Heldensoldaten weitgehend ab. Der Kampf Mann gegen Mann wurde je länger je mehr zu einem Kampf Mensch gegen Maschine. Und der einzelne Soldat verschwand im «Menschenmaterial», das gegen die gegnerische Linie in Gang gesetzt wurde. Überraschend – und höchst paradox – ist die allseitig hohe Kampfmoral. Desertiert im grossen Stil wurde eigentlich nur in der russischen Armee ab 1916/17. Offenbar waren die Männer in den anderen Armeen psychisch noch anders gestrickt und die Lust am Kämpfen weiter verbreitet, als wir heute anzunehmen bereit sind.

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