Überrascht Sie die Heftigkeit der Proteste?

Uwe Simson: Nein. Es hat sich nur verschärft, was wir seit Monaten beobachten können. Es hat Anzeichen gegeben: Kämpfe zwischen Christen und Muslimen, Proteste oder Juristen, die gegen das Regime Mursi aufbegehrten.

Ägypten scheint kein Stück weiter gekommen zu sein, als vor der Revolution gegen Mubarak vor zwei Jahren.

Die Probleme sind dieselben geblieben. Sie sind wirtschaftlicher Art: Der Lebensstandard ist beschämend niedrig. Die Grundversorgung - Essen, Wohnen, Gesundheit oder Bildung - ist katastrophal. Dagegen wendet sich der Protest. Eine kleine Oberschicht bereichert sich schamlos. Doch selbst wenn man dieses Geld dem Volk zurückgeben würde - am Massenelend änderte sich kaum etwas.

Und der Ruf nach Partizipation und Demokratie?

Das alles überlagernde Problem ist die Armut. Ich bezweifle, dass mehr Partizipation die Armut beseitigt.

Ägypten gilt als überbevölkert - die Wurzel allen Übels?

Sie ist dramatisch. Ägypten ist dreimal so gross wie Deutschland, das fruchtbare Land aber nur halb so gross wie Bayern. Auf dieser Fläche leben 85 Millionen Menschen.
Ähnlich viel also wie in Deutschland. Ägypten wird mit Nahrungsimporten ernährt...

...ohne die die Ägypter verhungern würden. Ägypten ist der grösste Weizenimporteur der Welt. Doch Ägypten hat keine Rohstoffe. Worin läge denn eine Lösung?

Ägyptens einzige Chance zu überleben liegt im Aufbau einer exportfähigen Industrie.

Kann diese einfach so aufbauen, wer nur will?

(seufzt) Ich arbeitete während mehr als 20 Jahren für das Entwicklungsministerium. Meine Erfahrung sagt mir: Es gibt Gesellschaften, die nicht dazu talentiert sind, exportfähige Industrien aufzubauen. Dazu gehören offensichtlich die islamischen Gesellschaften.

Dann ist die Religion also der Hemmschuh der Entwicklung?

Der Islam allein steht der wirtschaftlichen Entwicklung genauso indifferent gegenüber wie etwa das Christentum. Es ist vielmehr die islamische politische Kultur. Der Konfuzianismus in China zum Beispiel ist eine pragmatische Angelegenheit: Gut ist, was der Gesellschaft nützt, schlecht, was ihr schadet. Die Basis einer konfuzianischen Gesellschaft ist die Produktivität, während die islamische Gesellschaft durch die Überlagerung einer bäuerlichen Bevölkerung mit einer Herrscherkaste aus Städtern und Nomaden entstanden ist. Die Produktion war nie Sache der Oberen. Die Chinesen jedoch produzieren selbst.

Das zeigt sich auch in Klientel-Systemen wie den Arabischen Emiraten.

Dort funktioniert es nur, weil praktisch das gesamte Einkommen wegen des reichen Ölvorkommens von aussen geliefert wird.

Uwe Simson studierte klassische Philologie, Soziologie, Geschichte und Orientalistik. Er war bis 1995 Referent im Bonner Entwicklungsministerium. Zehn Jahre lang arbeitete er in islamischen Mittelmeehrländern, davon vier in Ägypten. Heute lebt Simson bei Düsseldorf.

Uwe Simson (*1936)

Uwe Simson studierte klassische Philologie, Soziologie, Geschichte und Orientalistik. Er war bis 1995 Referent im Bonner Entwicklungsministerium. Zehn Jahre lang arbeitete er in islamischen Mittelmeehrländern, davon vier in Ägypten. Heute lebt Simson bei Düsseldorf.



Wie das Beispiel Samih Sawiris zeigt, gäbe es durchaus Kapital, das in eine Industrialisierung Ägyptens investiert werden könnte.

Das ist es ja gerade, was mich irritiert. Es gab nie auch nur einen ernsthaften Versuch, so etwas aufzubauen wie eine exportfähige Industrie. Was macht Sawiris? Er investiert in Telekommunikation und in den Tourismus am Roten Meer sowie ausserhalb, in der Schweiz. Durch Tourismus allein wird aber keine Gesellschaft reich. Das betrifft den gesamten tertiären Sektor: Eine Gesellschaft wird nicht reicher, allein weil sich die Leute gegenseitig die Haare schneiden oder sich informieren. Der Dienstleistungssektor funktioniert nur mit einer Industrie zusammen.

Hat Mohammed Mursi etwas unternommen, das zum Aufbau einer Industrie hätte führen können?

Das ist für mich nicht erkennbar.

Auch für die Bevölkerung offensichtlich nicht - ist von den Militärs etwas zu erwarten?

Nein, das glaube ich nicht. In Ägypten ist das Militär eine Art Staat im Staat. Ein Organismus also, der eigene Unternehmen betreibt, mit deren Erträgen er seine Offiziere verwöhnt: mit eigenen Clubs, schönen Autos und Häusern. Die Offiziere sind nur am Status quo interessiert. Ob das Regime ein säkulares oder ein islamisches ist, ist ihnen egal, solange ihre Privilegien unangetastet bleiben. Sobald es aber zu einer Störung kommt, sind die Militärs auf dem Plan. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass die ägyptische Armee bald die Macht an sich reissen wird.

Das ist pessimistisch. Was erhoffen Sie sich?

Eine Industrialisierung durch ausländische Investoren im grossen Stil, nach dem Beispiel Türkei oder Brasilien. Dazu bedürfte es allerdings Rechtssicherheit. Und nicht zuletzt: Sawiris-Gelder, die in Ägypten bleiben - nur nicht im Tourismus investiert, sondern in der Industrie.