Winston Churchill führte 1950 den Begriff «Gipfel» («summit») ins Vokabular der Diplomatie ein. Seither hofft die Weltöffentlichkeit, dass persönliche Begegnungen von Staatsführern dazu beitragen, Konflikte und Krisen zwischen Staaten zu lösen.

Das allererste Gipfeltreffen der beiden Supermächte im Kalten Krieg war jedoch ein Debakel. US-Präsident John F. Kennedy und Sowjetführer Nikita Chruschtschow drohten einander bei ihrem ersten – und einzigen – persönlichen Treffen unverfroren mit dem Atomkrieg. Der Wiener Gipfel vom 3./4. Juni 1961 gilt deshalb als einer der gefährlichsten Momente im ganzen Kalten Krieg.

Kennedy und Chruschtschow kamen mit ganz unterschiedlichen Erwartungen nach Wien. Der unerfahrene, junge US-Präsident wollte nach der gescheiterten CIA-Invasion in der kubanischen Schweinebucht die Beziehungen zu Moskau aufbessern.

Kennedy wollte mit Chruschtschow über die Gefahren von Fehlkalkulationen im Atomzeitalter diskutieren. Chruschtschow reiste hingegen mit grossem Selbstbewusstsein nach Wien. Die Sowjetunion hatte soeben den ersten bemannten Weltraumflug durchgeführt. Chruschtschow wollte Kennedys Schwäche nach dem Kuba-Debakel ausnutzen. Sein Hauptziel war eine Lösung des chronischen Berlin-Problems.

Kriegsdrohungen und Geschenke

Beide Seiten bereiteten sich akribisch auf das Gipfeltreffen vor. Kennedy studierte ein Wochenende lang ein dickes Dossier mit detaillierten Positionspapieren und psychologischen Expertisen der CIA über Chruschtschow.

Der Sowjetführer entschied sich zu einer Konfrontationsstrategie. «Kennedy ist ein Hurensohn», sagte er am 26. Mai während einer Politbürositzung in Moskau. Chruschtschow wollte den vermeintlich geschwächten Kennedy in der Berlinfrage herausfordern und unter Druck setzen.

Reichlich bizarr diskutierte das Politbüro am Ende der Sitzung über sowjetische Mitbringsel an Kennedy und seine Gattin. «Geschenke kann man auch vor einem Krieg überreichen», resümierte Chruschtschow zynisch, wie in dem erst kürzlich zugänglich gewordenen Protokoll der Sitzung steht.

Kennedy und Chruschtschow trafen sich in Wien zu drei Gesprächen. Am 3. Juni 1961 fuhr die sowjetische Delegation um 12.45 Uhr vor der US-Botschaft vor. Kennedy sprang trotz Rückenschmerzen die Treppen hinunter und schüttelte Chruschtschow vor laufenden Kameras die Hände. Die beiden Staatsmänner scherzten und gaben sich betont umgänglich. Doch Kennedy sollte das Lachen in den Verhandlungen noch schnell genug vergehen.

1:0 für Chruschtschow

Kennedy warnte sein Gegenüber davor, das delikate Mächtegleichgewicht zwischen Ost und West zu stören. Chruschtschow nahm den Wettstreit der Worte gerne an. Kennedy könne nicht Wandel und Fortschritt verbieten, so Chruschtschow. Denn Ideen könnten nicht zerstört werden, und im Wettstreit Kapitalismus gegen Sozialismus werde sich das System durchsetzen, das mehr Wohlstand schaffe.

Kennedy war übertölpelt worden und musste in der Folge traditionelle Interessensphären, den Status quo, Kolonialismus und üble Diktatoren verteidigen. «Läuft das immer so ab?», fragte er nach der ersten Runde seine Berater geschockt.

Auch das zweite Gespräch – nach dem Mittagessen – lief für Kennedy schlecht. Chruschtschow kritisierte die amerikanische Aussenpolitik an allen Fronten. Immerhin einigten sich die beiden Weltführer auf ein neutrales, unabhängiges Laos, um das vorher beide Seiten erbittert gekämpft hatten – es war der einzige konkrete Erfolg des Wiener Gipfels.

«Es lief nicht allzu gut», fasste Kennedy am Abend ernüchtert zusammen. «Er behandelte mich wie einen kleinen Schüler.» Chruschtschow hingegen triumphierte. «Kennedy ist sehr jung, unerfahren und schwach», jubelte der Sowjetführer.

Am Sonntagmorgen, dem 4. Juni, trat Kennedy – dieses Mal in der sowjetischen Botschaft – von Anfang an dominanter auf. «Sie werden keinen Kommunisten aus mir machen, und ich glaube nicht, dass ich einen Kapitalisten aus Ihnen machen werde.»

Doch beim Thema Berlin wurde Chruschtschow erstmals lauter und ging sofort in die Offensive. Er wolle endlich einen Schlussstrich unter den Zweiten Weltkrieg ziehen und werde Ende Jahr einen Separatfrieden mit der DDR schliessen. Die westlichen Besatzungsrechte würden aufgehoben und die DDR erhielte die Verfügungsgewalt über die Zugangswege nach West-Berlin.

Doch dieses Mal blieb Kennedy resolut und passte sich der harten Gesprächsführung seines Gegenübers an. Mit Nachdruck betonte er, die USA würden in Berlin nicht nachgeben. «Berlin ist für die USA von grösster Wichtigkeit, das betrifft lebenswichtige Interessen», machte der US-Präsident unmissverständlich klar.

Nun drohte Chruschtschow offen mit Krieg. «Wenn die USA wegen Berlin einen Krieg beginnen wollten, dann sollten wir ihn jetzt gleich führen», sagte der Sowjetführer scharf, stand auf und verliess den Raum. Der Satz verschwand aus den offiziellen Gesprächsprotokollen. Der Gipfel war aber damit klar gescheitert.

Kennedy verlangt zehn Minuten

Doch Kennedy wollte Wien nicht mit einem derart unschönen Ende verlassen. Er liess Chruschtschow ausrichten, er wolle nochmals ein letztes Mal mit ihm sprechen, unter vier Augen, zehn Minuten lang. Kennedy wies nochmals darauf hin, dass er nichts gegen einen sowjetischen Friedensvertrag mit der DDR habe, dass aber die westlichen Zugangsrechte nach West-Berlin unangetastet bleiben müssten.

«Die USA werden entscheiden, ob es Krieg gibt oder Frieden», sagte Chruschtschow. «Dann wird es Krieg geben», konterte Kennedy (wobei dieser Satz auch nicht protokolliert wurde), «und es wird einen kalten Winter geben.»

Es gab schliesslich einen heissen Sommer: Im August 1961 errichtete die DDR die Berliner Mauer. Doch Kennedy blieb in der Kernfrage hart – der amerikanische Zugang nach West-Berlin blieb erhalten.