EU-Beitritt

Das 28. EU-Land: Kroatien ist arm, aber kein Sanierungskandidat

Kroatiens Wirtschaft steckt im fünften Jahr in der Rezession. Am 1. Juli wird das Land 28. EU-Mitglied. Die Arbeitslosigkeit hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt.

Illusionen gebe es in Kroatien keine, sagt Ivan Grubisic, einer der originellsten Politiker des Landes. «Höchstens Provisionen.»

Wenn von der Wirtschaft die Rede ist, gedeiht unter Kroaten der Sarkasmus. Hinter der reichen Adria-Kulisse verstecken sich Korruption, Armut und katastrophale Wirtschaftsdaten.

Am 1. Juli wird Kroatien als 28. Land Mitglied der EU. Und das neue EU-Land steckt schon das fünfte Jahr in Folge in der Rezession.

Im Gegensatz zu anderen Mitgliedsländern hat Kroatien seit Einbruch der Krise keine Erholung erlebt. Gegenüber 2008 liegt der Einbruch bei erschreckenden 12 Prozent.

Die Arbeitslosigkeit hat sich auf knapp 15 Prozent verdoppelt, bei den Jugendlichen sind es 43 Prozent, der zweitschlechteste Wert hinter Griechenland.

Kroatische Rockefellers

«Für die Entwicklung des Landes sind das verlorene Jahre», sagt Sandra Svaljek, bis vor kurzem Leiterin des unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstituts in Zagreb.

Es ist nicht nur die Krise, es ist die Struktur - besonders die Industrie. «Noch die Beitrittskandidaten der Jahre 2004 und 2007 haben im Durchschnitt 55 Prozent ihrer Produktion exportiert», hat Svaljek ausgerechnet, «und wir exportieren nur 20 Prozent.»

Nur mit Zigaretten machen kroatische Produzenten traditionell gute Geschäfte, und nur die Lebensmittelindustrie hat sich seit den kriegerischen 1990er Jahren gefangen.

Ausgerechnet diese beiden Branchen jedoch müssen unter dem EU-Beitritt am meisten leiden:

Sie haben ihre Märkte in den ex-jugoslawischen Nachbarländern, vor allem Bosnien und Serbien. Mit dem 1. Juli fallen dort für kroatische Produkte künftig Zölle an.

Hightech hat nur einen verschwindenden Anteil. Den Werften, einst Stolz der kroatischen Industrie, droht das Aus, wenn sich nicht rasch Investoren finden. Die hohen Subventionen, die sie verschlingen, sind nicht EU-konform.

Andere Branchen der Schwerindustrie sind schon in den 1990er-Jahren verschwunden. Von Rohstoffen und Absatzmärkten gleichermassen abgeschnitten, schaffte die Industrie es nicht, die Abhängigkeit von den jugoslawischen Nachbarrepubliken zu kompensieren.

Hinzu kam eine gescheiterte Privatisierung, mit deren Folgen das Land noch heute zu kämpfen hat. Getreu seiner nationalistischen Orientierung wollte Staatsgründer Franjo Tudjman für die kapitalistische Ära eine nationale Wirtschaft aufbauen, gestützt auf «200 Familien» und einige «kroatische Rockefellers».

Staatsfirmen wurden gezielt in die Hände national zuverlässiger Landsleute privatisiert, die ihre Betriebe filettierten und den unproduktiven Rest dem Staat überliessen.

Ausländische Banken bildeten Netzwerke mit lokalen Politikern und schütteten Kredite an umstrittene Geschäftsleute aus.


Tourismus als wichtigste Ressource

Vor dem Kollaps bewahrte Kroatien seine wichtigste Ressource: eine Küste von 1778 Kilometern, länger als die spanische, dazu mit 1185 Inseln.

Mit dem Fremdenverkehr wird in Kroatien jede vierte Kuna verdient. Und die Branche hat noch Reserven: Die Saison ist kurz, und vor allem die Inseln sind für die immer beliebteren Kurzurlaube nur schwer zu erreichen. Immerhin hat das Ausbleiben von Investoren die Küste vor Verschandelung bewahrt.

Sorgen, dass die EU mit Kroatien einen neuen Sanierungskandidaten bekommen könnte, sind trotz der schwachen Wirtschaft kaum begründet.

Eine überdimensionierte Finanzwirtschaft - wie Zypern - hat Kroatien nicht. Weil es auf absehbare Zeit keine Chance hat, Mitglied der Eurozone zu werden, ist das Land ohnehin kein Anwärter auf den Euro-Rettungsschirm.

Für ihr 28. Mitglied hat die Europäische Union in den Finanzrahmen bis 2020 zusätzliche 500 Millionen Euro eingestellt.

Der Zugang zu den grossen Fonds der EU - Sozialfonds, Kohäsionsfonds, regionale Entwicklung - ist für Neumitglieder eher schwierig.

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