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Coronaskeptiker wollen erneut provozieren: Organisatoren rufen trotz Verbot zum Marsch nach Berlin

Rund 20'000 Menschen demonstrierten Anfang August in Berlin gegen die Coronamassnahmen der Regierung – mehrheitlich ohne Maske.

Rund 20'000 Menschen demonstrierten Anfang August in Berlin gegen die Coronamassnahmen der Regierung – mehrheitlich ohne Maske.

Am Samstag könnten erneut 20'000 Menschen in der deutschen Hauptstadt demonstrieren. Wie gefährlich ist der Mann an ihrer Spitze?

Eines der vielen Youtube-Filmchen, die es über Michael Ballweg gibt, zeigt den 46-Jährigen lässig auf einer Bank sitzend irgendwo in einem Park in Deutschland. Ein Interviewer befragt ihn zu seiner Bewegung «Querdenken 711». Ballweg schimpft über die Coronamassnahmen der Regierung und die Einschränkung der Grundrechte. Er tut das auf seine ganz eigene Art: freundlich, entspannt, wie ein netter Mann halt, der einfach auf der Parkbank sitzt und ein bisschen plaudert.

Es erstaunt, dass dieser unscheinbare Mann innerhalb von wenigen Monaten zum Kopf einer Bewegung werden konnte, die sich in ganz Deutschland gegen die Coronaregeln der Regierung formiert hat. Auch für dieses Wochenende ruft der zweifache Familienvater und IT-Unternehmer aus Stuttgart zum Marsch gegen die Massnahmen nach Berlin. Der Protest soll von Dauer sein. Bis zu zwei Wochen wollen die «Querdenker» nach dem Auftakt am Freitag und Samstag für das Recht auf Freiheit demonstrieren.

Der Querdenker-Gründer Michael Ballweg.

Der Querdenker-Gründer Michael Ballweg.

Das, mindestens, glaubt Ballweg. Bei der angemeldeten Zahl von etwa 20000 Demonstranten solle es nicht bleiben. Die Veranstalter sinnieren über «zehn Millionen Teilnehmern».

Querdenker wollen Verbot ignorieren

Gestern nun hat die Polizei die Querdenker-Demonstration aber kurzerhand verboten. Grund: Es sei nicht zu erwarten, dass sich die Teilnehmer an die geltende Infektionsschutzverordnung halten würden. Erfahrungen der letzten Querdenker-Demonstration von Anfang August hätten dies gezeigt. «Das ist keine Entscheidung gegen die Versammlungsfreiheit, sondern eine Entscheidung für den Infektionsschutz», sagt Berlins Innensenator Andreas Geisel. Überdeutlich sagte er: «Ich bin nicht bereit, ein zweites Mal hinzunehmen, dass Berlin als Bühne für Coronaleugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht wird.»

Querdenker-Initiant Ballweg kündigt umgehend an, den Entscheid vor dem Bundesverfassungsgericht anzufechten. Das Verbot wollen die Querdenker ignorieren. Die Versammlung in Berlin werde stattfinden, liessen sie verlauten.

Berlin steht vor einem turbulenten Wochenende. Der Querdenker-Bewegung bringt das viel Aufmerksamkeit, was genau nach dem Gusto von Michael Ballweg sein dürfte.

Michael Ballweg will bald Stuttgart regieren

Wo sich Ballweg politisch verorten lässt, ist schwer zu sagen. «Ich bin komplett unpolitisch gewesen bis vor drei Monaten», sagt er in einem Interview. Erst der Lockdown habe ihn politisiert, nachdem er im Internet Videos über polizeiliche Massnahmen zur Einhaltung der Coronamassnahmen gesehen habe.

Leute, die für ihre Grundrechte demonstrieren wollten, seien von der Polizei daran gehindert worden. Da seien in ihm Zweifel hochgekommen, worauf er in Stuttgart die Querdenker-Initiative ins Leben gerufen habe. «Ich bin in Sorge, dass das Grundgesetz langfristig ausgehebelt wird.» Weniger Sorgen scheint es ihm zu bereiten, wer bei Querdenken mitläuft und über welches Gedankengut die von ihm auf die Bühne gebetenen Redner verfügen.

Im November will Ballweg sich zum Stuttgarter Oberbürgermeister wählen lassen. «Ich möchte wieder frei und selbstbestimmt leben», sagt er in dem Youtube-Filmchen. Der Unternehmer glaubt, dass «die Mächtigen» die Angst vor Corona schürten, um die Gesellschaft nach ihrem Credo zu verändern. Doch so weit werde es nicht kommen. Ballweg hat grosse Pläne für sich und seine Bewegung. «Es ist nicht nur eine Fiktion, dass wir europäisch werden.»

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