Analyse

Coronaskeptiker sind die Hätschelkinder der Geschichte: Das hat dieses Wochenende einmal mehr bewiesen

Nicht links, nicht rechts, aber «verhätschelt»: So würde der Philosoph José Ortega y Gasset die Masse der Coronaskeptiker bezeichnen.

Nicht links, nicht rechts, aber «verhätschelt»: So würde der Philosoph José Ortega y Gasset die Masse der Coronaskeptiker bezeichnen.

Analyse zu den Demonstrationen gegen die Pandemiemassnahmen in westlichen Demokratien.

Unzufrieden sind die Massen. In Amerika, in Weissrussland und auch in Deutschland. Das hat dieses Wochenende deutlich gezeigt. Im amerikanischen Portland stiessen Black-Lives-Matter-Demonstranten gewaltsam mit Anhängern von Präsident Donald Trump zusammen. In Minsk gingen drei Wochen nach den gestohlenen Wahlen erneut Zehntausende auf die Strasse. Und in Berlin demonstrierten fast 40000 Menschen gegen die Coronamassnahmen der Regierung. «Wir sind das Volk», schrien sie. Eine kleine Gruppe versuchte, mit rechtsradikalen Flaggen den Bundestag zu stürmen.

Dass der Mensch gegen die herrschenden Umstände aufbegehrt, ist nicht nur verständlich, sondern letztlich sogar wünschbar: Der Wille zur Veränderung und die Bereitschaft zum Protest sind edle Wesenszüge. Regierungen brauchen aktiven Widerspruch. Die Demokratie beweist Stärke, wenn sie Kundgebungen wie jene der Coronaskeptiker in Berlin zulässt. Doch damit ist die Aufgabe der Gesellschaft in diesem Fall nicht getan.

Der verwirrte Haufen wächst rasant an

Erstmals seit Jahren formiert sich der Protest nicht aus bestimmten Partikularinteressen heraus. Es sind nicht einfach Linke, die gegen den Irakkrieg demonstrieren, oder Rechte, die gegen das Recht auf Abtreibung protestieren. Es ist ein kunterbunter Haufen von Besorgten und Deprimierten, von Verwirrten, Esoterikern und Rechtsextremen, die mit der Coronarealität nicht mehr umgehen können – und die immer mehr Zulauf erhalten. Vor einem Monat noch waren es in Berlin knapp 20'000 Teilnehmer. Vorgestern Samstag dann fast 40'000.

Wegen einer möglichen zweiten Welle im Herbst scheint eine neue Verschärfung der Massnahmen nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Dem Bündnis der Unzufriedenen spielt das in die Hände. Man sollte diesen Menschen darum deutlich machen, wie sehr sie alle «Hätschelkinder der Geschichte» sind. So bezeichnete der spanische Philosoph José Ortega y Gasset (1883 bis 1955) die Gruppe all jener, die gegen «das System» aufbegehren, ohne zu erkennen, wie abhängig sie selbst von ebendiesem System sind. In seiner Schrift «Aufstand der Massen» hielt er 1930 fest:

Die Masse verstehe nicht, dass das System, das ihnen Bildung und Gesundheit garantiere, nicht von Natur aus existiert, sondern das Resultat von mühevollen Kämpfen sei. «Bei Hungerrevolten pflegten die Massen Brot zu suchen, und zu dem Zweck zerstörten sie Bäckereien», schimpfte der Philosoph.

Der Philosoph würde sie «Barbaren »schimpfen

Wer jetzt mit «Deutschland = Diktatur»-Schildern durch Berlin marschiert oder in Zürich «Denkpflicht statt Maskenpflicht» skandiert, darf nicht vergessen, dass das System, das er in Frage stellt, ihm überhaupt erst möglich macht, seine Überzeugung ungestraft zum Ausdruck zu bringen. Würde José Ortega y Gasset heute den Coronaskeptikern begegnen, er würde ihnen «Barbaren» zurufen und ihnen vorrechnen, wie «verhätschelt» sie alle seien.

Dabei sind solche Zurufe gar nicht nötig. Um den selbst ernannten Querdenkern die Augen zu öffnen, während sie «Diktatur» an die Fassaden demokratischer Institutionen schreien, reicht ein Verweis auf das Drama in Minsk. Weissrusslands Machthaber Lukaschenko hatte Corona lange als Märchen abgetan, Massnahmen gibt es praktisch keine. Und trotzdem sind die Weissrussen um ein Vielfaches unfreier, als es jeder Coronaskeptiker in unseren Breitengraden je sein wird.

Meistgesehen

Artboard 1