Israel

Coronaregeln? Darauf pfeifen viele Ultraorthodoxe: Was zählt, ist nur das Wort des Rabbis

Abstand halten? Ein Fremdwort für viele Orthodoxe, hier an einer Beerdigung in Israel. Die Kritik vieler säkulärer Israeli  an den frommen Mitbügern wird immer lauter.

Abstand halten? Ein Fremdwort für viele Orthodoxe, hier an einer Beerdigung in Israel. Die Kritik vieler säkulärer Israeli an den frommen Mitbügern wird immer lauter.

Israel hat die Katastrophe mit einem Lockdown abgewendet. Die Gräben in der Gesellschaft aber sind so tief wie nie.

Äussert sich ihr Rabbi zu einem Thema, befolgen die Strenggläubigen in Israel seinen Rat – auch wenn er gegen staatliche Gesetze verstösst. Wie zum Beispiel jetzt: Obwohl die Schulen auf Anweisung der Regierung geschlossen bleiben müssen, sind die Lehranstalten der Ultraorthodoxen geöffnet. Ganz einfach: weil es Rabbi Chaim Kanievsky so angeordnet hat. Der 92-Jährige ist eine der zentralen Figuren für die «Charedim», die Gottesfürchtigen. Ihm zu widersprechen, wagt niemand. Schon gar nicht, weil den Strenggläubigen bei der Staatsgründung 1948 Autonomie im Erziehungswesen zugesichert wurde.

So sieht das Judith, eine junge Mutter mit fünf Kindern aus Bnei Brak, einem Zentrum des charedischen Judentums östlich von Tel Aviv. Was vom Staat kommt, stösst bei ihr und vielen Ultraorthodoxen auf grösstes Misstrauen, oft auf schroffe Ablehnung. Eine radikale Minderheit unter den Ultraorthodoxen weigert sich sogar, den Staat Israel anzuerkennen, weil er nicht durch einen Akt des Messias gegründet worden ist.

Wer Regeln durchsetzt, wird als «Nazi» beschimpft

Die Bedenken gegenüber dem Staat gehen so weit, dass sich viele Charedim nicht in einem öffentlichen Spital pflegen lassen. Ein Netzwerk von Freiwilligen kümmert sich um Coronapatienten, liefert Medikamente und Sauerstoffflaschen, die Wohlfahrtsorganisationen zur Verfügung stellen. Hunderte sollen dank dieser Spitex-artigen Pflege zu Hause behandelt worden sein, hinter dem Rücken des offiziellen Gesundheitssystems. Weil die freiwilligen Helfer ihre Patienten nicht den Behörden melden, wird die nationale Coronastatistik und damit die epidemiologische Grundlage für gesundheitspolitische Entscheide verfälscht.

Die 9-Millionen-Nation hatte Ende September einen zweiten Lockdown verhängt, als die täglichen Neuansteckungen bei über 9000 lagen. Inzwischen sind sie auf wenige hundert gesunken. Erste Lockerungen wurden umgesetzt, eine Verschärfung ist aber jederzeit möglich.

Covid-19 hat die ultraorthodoxe Bevölkerung besonders hart getroffen. Bei ihnen war in den ersten Oktoberwochen die Zahl der bestätigten Coronafälle fünf Mal höher als bei säkularen Israeli – obwohl die Ultraorthodoxen bloss 12,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Ihr Verhalten erhöht das Risiko. Die Begrenzung von Menschenansammlungen ist für sie kein Thema. Bei Einsätzen zur Durchsetzung der Coronavorschriften werden Polizisten in orthodoxen Städten mit Eiern beworfen oder als «Nazis!» beschimpft.

Die Abspaltung der Ultraorthodoxen (die meisten leben in abgeschotteten Städten) sorgt in Israel in der Regel nicht für Zoff. Doch jetzt belastet ihr Verhalten das Verhältnis zur säkularen Mehrheit. Diese wirft den frommen Mitbürgern vor, mit ihrer krassen Missachtung der Coronaregeln den zweiten Lockdown verschuldet zu haben. «Die nehmen uns in Kollektivhaft», meinte ein Jurist in Tel Aviv.

Zoom-Meetings sind unvorstellbar für Orthodoxe

Was sagen die Ultraorthodoxen selber dazu? Anruf bei Binyamin Rose, einem der besten Kenner der Frömmsten. Er ist Kolumnist bei der einflussreichen Wochenzeitung «Mishpacha» («Familie»). 80 Prozent der Charedim nähmen die Vorschriften ernst, sagt der 64-Jährige – mindestens, was Masken und Abstand im Alltag angeht. Aber Hochzeiten ohne Hunderte von Gästen? Beerdigungen ohne die Teilnahme der Grossfamilie? Undenkbar! «Und auf das gemeinsame Studium der Heiligen Schriften zu verzichten, das ist für uns eine schreckliche Vorstellung. Deshalb müssen die Schulen geöffnet sein.»

Das liege auch an der anti-modernen Einstellung der Charedim: «Internet und Fernsehen sind verpönt, ein Fernstudium über Zoom ist unmöglich», sagt Rose. Diese Haltung lässt den Streit zwischen orthodoxen und säkularen Juden mitten in der Pandemie neu aufflammen. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Weil die Ultraorthodoxen ausserhalb der säkularen Welt leben, müsste sich die Politik über prominente Rabbiner an sie wenden, die bei ihren Gemeinden Gehör finden. Passieren wird das kaum. Denn Premier Benjamin Netanjahu ist auf die Stimmen ultraorthodoxer Minister angewiesen. Und die wagen es auch dann kaum, ihren Geistlichen zu widersprechen, wenn diese das Land erneut in einen Lockdown zwingen.

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