Verteidigungsminister Robert McNamara erfuhr, dass seine Truppen damals, hätte er den Befehl zur Invasion Kubas gegeben, von diesen Atomwaffen eingeäschert worden wären. 2002 tauchte, ebenfalls an einer Konferenz in Havanna, eine andere ernüchternde Story auf: Sowjetische, mit atomaren Sprengköpfen bestückte U-Boote waren von der amerikanischen Navy zum Auftauchen gezwungen worden. Erschöpfte U-Boot-Kommandanten glaubten, dass sie angegriffen würden.

Wie konnte die gefährlichste Krise im Kalten Krieg beigelegt werden? Neue Dokumente, welche der Zeitzeuge und Historiker Sergo Mikoyan ans Licht gebracht hat, revidieren die traditionelle Darstellung. Erst jetzt wird klar, dass die Sowjetunion im Herbst 1962 ihre eigene Kubakrise erlebte - eine Krise, welche sich zwischen der UdSSR und ihrem Verbündeten Kuba abspielte. Die «sowjetische Kubakrise» dauerte länger als die berühmt gewordenen «Dreizehn Tage» der US-Geschichtsschreibung. Die Raketen des Novembers waren nicht weniger gefährlich als die Raketen des Oktobers - und die Gefahr eines unautorisierten Gebrauchs war weitaus grösser. Dies wird heute aus Interviews klar, die Sergo Mikoyan mit seinem Vater geführt hat, sowie aus persönlichen Dokumenten, die Nikita Chruschtschows rechte Hand Anastas Mikoyan der historischen Forschung überlassen hat. Darunter sind auch Protokolle von Mikoyans diffizilen Gesprächen mit Fidel Castro im November 1962 sowie seine Telegramme aus Havanna an Chruschtschow in Moskau.

Die Zähmung des Fidel Castro

In der amerikanischen Darstellung dauerte die Kubakrise 13 Tage, vom Montag, 16. Oktober 1962, als Präsident John F. Kennedy von der Existenz der sowjetischen Atomraketen auf Kuba erfuhr, bis zum Sonntag, 28. Oktober 1962, als sich Sowjetführer Chruschtschow unter beträchtlichem Stress damit einverstanden erklärte, die Offensivwaffen wieder abzuziehen.

Für die Sowjetunion ging die Krise danach aber weiter. Es war äusserst schwierig und heikel, einen verbitterten und emotionalen Fidel Castro davon zu überzeugen, die Nuklearraketen wieder herzugeben und ein bereits gegebenes Versprechen zu widerrufen, wonach die Sowjets alle anderen Waffen ausser den Raketen auf Kuba lassen würden - also die Il-28-Bomber und die taktischen Atomwaffen, von deren Existenz auf Kuba die USA keinen blassen Schimmer hatten und die Kuba im November 1962 zur Atommacht gemacht hätten.

In der amerikanischen Version hat Chruschtschow die Raketen 1962 nach Kuba geschifft, um das strategische Ungleichgewicht zwischen den USA und der UdSSR zu seinen Gunsten zu verändern und um den Druck auf die USA in Westberlin zu erhöhen.

Atommacht Kuba?

Die «Mikoyan-Dokumente» machen nun aber klar, dass Chruschtschow sich zur Stationierung von Raketen auf Kuba entschied, weil er glaubte, eine neue US-Invasion Kubas sei nur eine Frage der Zeit und weil er nicht bereit war, seinen neuen Verbündeten zu verlieren. Kuba war für ihn der vorgeschobene Stützpunkt des Sozialismus in der westlichen Hemisphäre. Chruschtschow fühlte sich auch gedemütigt durch US-Atomraketen in der Türkei, die unmittelbar an der Grenze der Sowjetunion stationiert waren. Castro sträubte sich zunächst gegen die Raketenlieferung, weil er den Eindruck vermeiden wollte, er sei eine sowjetische Marionette. Doch liess er sich letztlich überzeugen, dass die Raketen auf Kuba im Interesse des ganzen sozialistischen Lagers wären. Der geheime Transport folgte, doch die Installation der Sowjetraketen auf Kuba war noch nicht abgeschlossen, als Kennedy die Krise mit einer TV-Rede am 22. Oktober öffentlich machte. Der versöhnliche Brief Chruschtschows vom 28. Oktober liess die Welt erleichtert aufatmen. Doch die «sowjetische Kubakrise» war noch längst nicht vorbei.

Weder konsultiert noch informiert

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich auf Kuba nämlich noch 42 000 sowjetischen Kampftruppen, 80 atomar bewaffnete Marschflugkörper, 12 nukleare Sprengköpfe für Luna-Raketenwerfer und 6 Atombomben für IL-28-Bomber. Das alles war in Chruschtschows Briefwechsel mit Kennedy, der die Krise vordergründig beendet hatte, nicht erwähnt. Der Kremlchef wusste, dass er ein Problem hatte. Castro, der über Chruschtschows Deal mit Kennedy weder konsultiert noch informiert worden war, tobte wegen des sowjetischen Verrats und verweigerte jegliche Inspektion des sowjetischen Abzugs.

Die Sowjets mussten die Raketen aus Kuba abziehen, der USA eine förmliche Invasions-Verzichterklärung abgeben und trotzdem Kuba als Verbündeten behalten. Die Verantwortung für diese heikle Mission erhielt Chruschtschows rechte Hand, der stellvertretende Premierminister Anastas Mikoyan. Mikoyan hatte im Februar 1960 Kuba für die Sowjetunion entdeckt. Er hatte die Karibikinsel besucht, die Revolutionsführer getroffen, Handelsabkommen abgeschlossen und die kubanische Bevölkerung verzaubert. Zurück in Moskau, wurde Mikoyan der wichtigste Fürsprecher der kubanischen Revolution innerhalb der Sowjetführung. Er war das einzige Mitglied des Präsidiums (wie das Politbüro damals hiess), das sich im Mai 1962 gegen die Idee von Atomwaffen auf Kuba aussprach, insbesondere gegen die heimliche Installation.

Mikoyan war am 22. Oktober 1962 auch die einzige Stimme der Vernunft im Präsidium, die sich gegen den krassen Vorschlag von Verteidigungsminister Malinowski aussprach, die sowjetischen U-Boote die US-Blockadelinie durchbrechen zu lassen und die Häfen in Kuba anzulaufen. Nun musste Mikoyan den Kubanern den Verlust der Atomwaffen verkaufen und die Wunden des sowjetischen Verrats heilen.

Integration in kubanische Armee

Die Geschichte von Mikoyans dramatischer November-Mission auf Kuba ist noch nie zuvor erzählt worden. Mikoyan hegte eigentlich viel Sympathie für die missliche Lage, in die Chruschtschows riskantes Unternehmen die Kubaner geführt hatte. Er glaubte anfangs fest daran, dass nur die von den USA entdeckten strategischen Raketen aus Kuba abgezogen werden sollten, nicht aber die taktischen Atomwaffen, von denen die USA gar nichts wussten. Sowjetische Instruktoren sollten die Kubaner an den Waffen schulen und die Atomwaffen sollten in die kubanischen Streitkräfte integriert werden, womöglich mit einer gewissen sowjetischen Restaufsicht über die atomaren Sprengköpfe. Ein entsprechendes Militärabkommen war im Sommer 1962 zwischen der UdSSR und Kuba entworfen worden. Beide Seiten wollten es im November unterzeichnen. Ohne dass die USA auch nur das Geringste ahnten, wäre Kuba so Ende 1962 zu einer Atommacht geworden.

Doch Mitte November erkannte Mikoyan die tiefe Frustration der Kubaner über das sowjetische Verhalten während der Krise. Er beobachtete auch vor Ort, was er als «psychologischen Faktor» bezeichnete: Die impulsive und unverschämte Art und Weise, wie die Kubaner auf Handlungen der USA reagierten. Mikoyan begann allmählich daran zu zweifeln, ob es wirklich eine so gute Idee sei, die sowjetischen Atomwaffen einer «Bande von Hitzköpfen» zu überlassen, die bereit waren, im Namen des sozialistischen Lagers in einer nuklearen Konfrontation mit den USA zu sterben.

Mikoyan zitiert Fantasie-Gesetz

Die Entscheidung fiel am 19. November 1962, als Castro seinem Botschafter bei der UNO, Carlos Lechuga, Instruktionen schickte, er solle die taktischen Atomwaffen auf Kuba als Druckmittel bei Verhandlungen gebrauchen und dabei erwähnen, dass die sowjetischen Nuklearwaffen de facto in kubanischer Hand seien. Mikoyan war entsetzt und schlug Chruschtschow vor, er werde Castro informieren, dass alle taktischen Nuklearwaffen ebenfalls aus Kuba abgezogen würden. Zur entscheidenden dreistündigen persönlichen Begegnung zwischen Anastas Mikoyan und Fidel Castro kam es am 22. November, kurz vor Mitternacht. Castro bettelte geradezu darum, die taktischen Atomwaffen auf Kuba zu belassen, denn die USA wüssten ja gar nichts von deren Existenz. Doch Mikoyan blieb hart und zitierte ein sowjetisches Gesetz - das es in Wahrheit gar nicht gab -, wonach der Transfer von Nuklearwaffen an Drittländer verboten sei. Damit endete Castros Traum, die erste atomare Supermacht Lateinamerikas zu werden.

Mikoyan erkannte während seiner delikaten, bis heute von der historischen Forschung komplett vernachlässigten mehrwöchigen Visite auf Kuba, dass die Situation ausser Kontrolle geriet. Der heimliche Held der Kubakrise trug damit entscheidend dazu bei, dass die gefährlichste Konfrontation im Kalten Krieg friedlich gelöst wurde.

*Svetlana Savranskaya ist Historikerin und arbeitet am National Security Archive in Washington, DC. Sie ist Herausgeberin des neuen Buchs «The Soviet Cuban Missile Crisis» (2012)
Dokumente zum Artikel: www.nsarchive.org
Übersetzung: Christian Nünlist