Der chinesische Bürgerrechtler, der 2009 wegen "Untergrabung der Staatsgewalt" zu elf Jahren Haft verurteilt worden war, litt unter Leberkrebs im Endstadium. Mitte Juni wurde sein Gesundheitszustand bekannt gemacht und ihm wurde "Bewährung aus medizinischen Gründen" gewährt. Danach wurde er vom Gefängnis in ein Spital der nordostchinesischen Stadt Shenyang verlegt.

Menschenrechtsexperten und westliche Politiker hatten sich besorgt über die Qualität der Behandlung geäussert und die Ausreise Lius und seiner Frau gefordert. Während die chinesischen Ärzte ihn für nicht transportfähig erklärten, vertraten zwei Spezialisten aus Deutschland und den USA die Ansicht, er könne bei "angemessener" medizinischer Betreuung reisen. Die beiden westlichen Ärzte konnten Liu in Shenyang untersuchen.

Die Regierung in Peking verweigerte die Ausreise mit dem Hinweis, dass Liu die bestmögliche Behandlung erhalte und von renommierten chinesischen Krebsspezialisten betreut werde. Zudem verbat sie sich gegen Einmischung in ihre souveräne Entscheidungen.

Liu Xiaobo hatte 2010 für seinen Einsatz für Demokratie und Menschenrechte den Friedensnobelpreis erhalten, was Chinas Regierung empört hatte. Während der Autor die vergangenen Jahre im Gefängnis verbrachte, wurde seine Ehefrau Liu Xia in Peking unter Hausarrest gestellt.

Internationale Bestürzung

Das Nobelkomitee gab den chinesischen Behörden eine erhebliche Mitverantwortung am Tod von Liu. "Wir finden es zutiefst verstörend, dass Liu Xiaobo nicht in eine Einrichtung verlegt wurde, in der er eine angemessene medizinische Behandlung hätte bekommen können, bevor das Endstadium seiner Krankheit begann", erklärte die Präsidentin des Komitees, Berit Reiss-Andersen, in Oslo.

UNO-Menschenrechtskommissar Zeid Raad al Hussein sprach von einem riesigen Verlust für die Menschenrechtsbewegung weltweit und forderte die chinesischen Behörden auf, Lius Frau Liu Xia die Ausreise zu genehmigen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) erklärte, der Tod von Liu offenbare die "Schonungslosigkeit der chinesischen Regierung gegenüber friedlichen Befürwortern von Menschenrechten und Demokratie". Liu Xiaobo habe unermüdlich dafür gekämpft, die Menschenrechte in China zu stärken, sagte Salil Shetty, der Generalsekretär von Amnesty International. "Wir stehen solidarisch hinter seiner Frau Liu Xia und anderen Mitglieder der Familie, die einen kaum zu ermessenden Verlust erlitten haben."

Freunde des Bürgerrechtlers reagierten mit Trauer aber auch Wut auf auf die Todesnachricht. "Dieses Regime hat ihn bis zur letzten Sekunde eingesperrt. Sie haben ihm keine Sekunde gelassen, um noch einmal seine Freunde zu sehen. Das ist einfach nur unmenschlich", sagte Mo Zhixu, ein enger Freund der Familie. Seine Priorität sei es nun, Liu Xia, der Frau von Liu Xiaobo, dabei zu helfen, das Land zu verlassen. Sie dürfe nicht wieder in Hausarrest enden.

"Der Tod von Liu Xiaobo war ein Tod für China. Wir sollten seinen Kampf fortsetzten", schrieben andere Freunde von Liu Xiaobo in einem gemeinsamen Nachruf. In Hongkong versammelten sich binnen einer Stunde nach der Todesnachricht rund 100 Demonstranten vor der Vertretung der Zentralregierung und gedachten schweigend Liu. Viele von ihnen hielten Plakate hoch mit Aufschriften wie "Der Volksheld", "Mord an einem Dissidenten" und "lasst Liu Xia frei".

Familie unter Bewachung

Der Gesundheitszustand des Autors hatte sich nach Angaben seiner Ärzte seit vergangener Woche erheblich verschlechtert. Seit Montag schwebte der Patient demnach in Lebensgefahr und wurde intensivmedizinisch behandelt. Einen Tag vor seinem Tod hatten die Ärzte mitgeteilt, dass seine Atmung versage und er an Organversagen leide. Seine Familie habe eine künstliche Beatmung abgelehnt.

Die Angaben liessen sich nicht überprüfen, weil sowohl Liu Xiaobo als auch seine Familienmitglieder im Spital unter Bewachung standen und nicht mit Journalisten sprechen durften. Chinas Zensurbehörden verhinderten, dass inländische Medien über den Fall berichteten.

Der Literaturwissenschaftler Liu Xiaobo hatte schon nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 in Peking wiederholt in Haft gesessen - insgesamt fünf Jahre lang. Sein Leben lang hat sich der Bürgerrechtler friedlich für Demokratie, Menschenrechte und Toleranz in China eingesetzt.

Er war Mitverfasser der 2008 von 300 Intellektuellen unterzeichneten "Charta 08", in der ein "freier, demokratischer und verfassungsmässiger Staat" in China gefordert wird.