Auf den ersten Blick wirkt das zwölfgeschossige Gebäude in der Datong Strasse eher unscheinbar. Es ist umsäumt von einer Mauer. Daneben stehen ein paar Wohnsilos, wie es sie in der Ecke von Pudong, rund 30 Kilometer vom Stadtzentrum von Shanghai entfernt, zu Dutzenden gibt. Die US-amerikanische Sicherheitsfirma Mandiant geht jedoch davon aus, dass sich in dem mittelgrossen Hochhaus ein hochmodernes IT-Zentrum befindet - genau genommen um eine Hacker-Zentrale des chinesischen Militärs.

Die US-Firma hat am Dienstag in New York einen Bericht vorgelegt, aus dem hervorgeht: Hinter Hunderten von Hacker-Angriffen auf große US-Unternehmen, Regierungsbehörden und Medienhäuser der vergangenen Jahre steckt Chinas Militär. Es handele sich um eine geheime Einheit der Nationalen Volksbefreiungsarmee mit dem Namen "61398", so Mandiant. Die amerikanische Sicherheitsfirma geht davon aus, dass diese Militäreinheit seit 2006 Daten von mindestens 141 Organisationen gestohlen und attackiert hat. Von "mehreren Hundert Terrabytes an Datenmaterial" ist in dem Bericht die Rede. Damit bestätigt dieser Bericht, was US-Politiker bereits seit einiger Zeit vermuten, China bisher aber vehement bestritten hat: Hinter einer Reihe von massiven Hacker-Attacken steckt sehr wohl der chinesische Staat.

Vor allem eine sogenannte Untergruppe mit der Abkürzung "APT1" (Advanced Persistent Threat) hat Mandiant zufolge massenweise Informationen gestohlen. "Zu einer derart ausgedehnten Cyperspionage ist diese Gruppe nur in der Lage, weil sie direkt von der Regierung unterstützt wird", heißt es in dem Bericht der US-Sicherheitsfirma. Die chinesische Armee unterhalte hunderte, wenn nicht gar tausende hochprofessionelle Hacker.

Erst Anfang des Monats haben mehrere führende US-Medien, unter anderem die New York Times, Wall Street Journal und Bloomberg, beklagt, dass sie Opfer von Cyber-Attacken wurden. Im Fall der New York Times hätten Häcker über Monate das gesamte Netzwerk infiltriert, Passwörter von Journalisten gestohlen, ihre Konten ausgespäht und gezielt nach Rechercheergebnissen gesucht. In allen Fällen führten die Spuren nach China. Facebook und Twitter berichteten von ähnlichen Angriffen.

Das chinesische Aussenministerium hatte die Vorwürfe stets als "haltlos" bezeichnet. Das chinesische Gesetz würde Cyberangriffe und jegliche Handlungen, durch die die Sicherheit im Internet gefährdet werden könnte, verbieten. Und auch jetzt weisst Chinas Außenamtssprecher Hong Lei die Vorwürfe zurück. Die Volksrepublik sei selbst Ziel von Cyber-Spionage. Die Attacken hätten in den vergangenen Jahren auch auf China zugenommen, die meisten würden von den USA aus begangen.

Dass auch US-Behörden weltweit gezielt Rechner durchstöbern - daraus machen die Vereinigten Staaten keinen Hehl. Die Attacken führen aber bei weitem nicht so weit wie die Chinesen. Wie aus dem jüngsten "State of the Internet"-Bericht des IT-Dienstleisters Akamai zu entnehmen ist, haben inzwischen ein Drittel aller weltweiten Cyber-Attacken ihren Ursprung in China. Aus den USA kommen 13 Prozent.