Vor 30 Jahren

«Ceausescu machte einen abwesenden Eindruck»: Wie Rumäniens Ankläger den Diktatoren beim Prozess erlebte

Im November 1989 war die Welt für Elena und Nicolae Ceausescu noch in Ordnung.Bild: Keystone

Im November 1989 war die Welt für Elena und Nicolae Ceausescu noch in Ordnung.Bild: Keystone

Dan Voinea hat dem rumänischen Diktatoren vor 30 Jahren den Prozess gemacht – und sich über die Papierflieger im Gerichtssaal gewundert.

Am 25. Dezember 1989, heute vor 30 Jahren, wurde dem rumänischen Machthaber Nicolae Ceausescu der Prozess gemacht. Noch am selben Tag wurde er gemeinsam mit seiner Ehefrau Elena in einer Militärkaserne in der Stadt Targoviste exekutiert. Vorangegangen waren Massenkundgebungen in Rumänien, die mehr als tausend Todesopfer forderten und Ceausescu dazu brachten, mit dem Helikopter einen Fluchtversuch zu unternehmen. Es war das Ende einer 25-jährigen stalinistischen Diktatur (1964 bis 1989), die sukzessive zur Volksverarmung geführt hat.

Einer der Protagonisten jener Zeit, war Dan Voinea, der als Militärstaatsanwalt die Anklageschrift verfasste und dem Prozess in der Militärkaserne von Targoviste beiwohnte. Heute lehrt der 69-jährige Jurist an der Universität der Stadt Târgu Jiu.

Dem Sturz von Ceausescu gingen Massenproteste vor dem Regierungspalast voraus. Waren Sie unter den Demonstranten?

Dan Voinea: Fünf Tage vorher wurde in der Stadt Timisoara erstmals das Feuer auf Zivilisten eröffnet. Bei den Protesten gegen die Versetzung eines Pastors wurden 41 Demonstranten getötet. Dabei war die Kundgebung vom Regime organisiert worden, damit Ceausescu sich als Volksbeschwichtiger präsentieren konnte. Bei der Versammlung waren dann aber zum ersten Mal während seiner Regentschaft Buhrufe zu hören. Ich selbst war zu jenem Zeitpunkt in meinem Heimatort Targu Jiu. Ich bin erst am Morgen des 22. Dezembers nach Bukarest zurückgekehrt und habe in der U-Bahn-Unterführung die ersten Leichen erblickt.

In der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember sind mehr als Tausend Zivilisten erschossen worden. Trotzdem forderte Ceausescu das Volk auf, sich erneut auf der Strasse zu versammeln.

Ceausescu litt unter Realitätsverlust und meinte, dass er das verarmte Volk hinter sich hatte. Erst am Mittag jenes Tages hat er den Ernst der Lage erkannt und ergriff vom Dach des Parteigebäudes aus die Flucht. Seine Gattin Elena soll kurz davor den Vize-Verteidigungsminister General Stanculescu gebeten haben, sich um die erwachsenen Kinder des Paares zu kümmern: jenen Stanculescu, der drei Tage später das Todesurteil der beiden mitunterzeichnen sollte!

Nach der Flucht Ceausescus wurden Sie ins Gebäude des Zentralkomitees der Partei bestellt. Was haben Sie dort vorgefunden?

Die Menge war immer noch vor dem Quartier des Zentralkomitees versammelt und skandierte «Jos Ceausescu!» («Nieder mit Ceausescu!»). Im ersten Stock fand ich dann den Innenminister Tudor Postelnicu, der mit seinem Schicksal haderte und wütend auf das Flucht-Ehepaar war. «Die Verräter, haben mich hier zurückgelassen», schäumte er, während ich ihn verhörte. Ich blieb dann bis in die Nacht vor Ort und sammelte Beweisstücke. Dann habe ich einen Haftbefehl gegen verschiedene Amtsträger erlassen. So bin ich zum «Dienstleister der Revolution» geworden und wurde von der «revolutionären Führungsriege» mit dem Verfassen der Anklageschrift beauftragt.

Welches waren die wichtigsten Anklagepunkte?

Die Anklagepunkte waren Massenmord am rumänischen Volk, Untergrabung der Staatsmacht, persönliche Bereicherung und Veruntreuung von öffentlichen Geldern sowie die Zerstörung der rumänischen Wirtschaft. Ich habe zwei Tage lang an der Anklageschrift gearbeitet. Ich stand unter enormen Zeitdruck...

... und trotzdem haben Sie die Anklageschrift von Hand verfasst. Warum?

Ich war sehr argwöhnisch den Sekretärinnen gegenüber. Sie könnten Informanten der berüchtigten Geheimpolizei Securitate gewesen sein.

Anhand Ihrer Anklageschrift wurde der Strafprozess gegen die Ceausescus eröffnet. Welchen Eindruck machten die beiden während des Prozesses auf Sie?

Man muss berücksichtigen, dass Ceausescu an Diabetes litt und während seiner dreitägigen Gefangenschaft kein Insulin zur Verfügung hatte. Dementsprechend war auch seine physische Verfassung, als ich ihn am Vormittag des ersten Weihnachtstages erblickte. Während der Verhandlung und nachdem sie ärztlich versorgt wurden, machten beide einen eher abwesenden Eindruck und wiederholten immer wieder, dass sie die Zusammensetzung des Gerichtes nicht anerkennen. Erstaunt war ich über die Haltung des Ceausescu-Vertrauten General Stanculescu, der während der Verhandlung Papierflugzeuge bastelte und die beiden Eheleuten keines Blickes würdigte.

Der Prozess hat lediglich 80 Minuten gedauert. Haben Sie vorher schon gewusst, dass die beiden zum Tode verurteilt werden?

Nein. Nach meinem Plädoyer bin ich aus dem Verhandlungsraum gegangen, weil es die Prozessordnung so vorgesehen hatte. Eigentlich rechnete ich damit, dass die Verteidiger Revision einlegen würden und sich so der Prozess verzögern würde. Viel später habe ich jedoch erfahren, dass es von allem Anfang an einen Deal mit den Richtern gab.

Der Westen bezichtigte Rumänien, eine juristische Farce veranstaltet zu haben und machte Vergleiche mit den Nürnberger Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg. Teilen Sie diese Ansicht?

Ich sehe diese Betrachtung als etwas heuchlerisch an. Den Prozess gegen die Nazis haben die Amerikaner organisiert. Hier standen weder Amerikaner noch Russen zur Verfügung. Abgesehen davon ist der Prozess gemäss der damaligen Strafprozessordnung durchgeführt worden, die für solche Verbrechen die Todesstrafe vorgesehen hatte. Ich hätte mir aber gewünscht, an einem ausführlichen Verfahren teilnehmen zu können, bei dem man auch alle Aspekte der kommunistischen Gräueltaten hätte klären können. Bis heute ist den tausenden Opfern der Revolution keine Gerechtigkeit widerfahren, weil die Schuldigen nicht bekannt sind.

Wenn Sie heute auf den Prozess gegen Ceausescu zurückblicken, würden Sie anders verfahren?

Nein, ich bedauere gar nichts! Ich würde auch heute so vorgehen wie vor 30 Jahren, allerdings könnte ich nicht mehr für die Todesstrafe plädieren – zumal sie in Rumänien abgeschafft wurde.

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