Antonius von Schierstaedt ist an diesem Donnerstag extra nach Halle gereist und in die etwas abgelegene Messe der 240'000-Seelen-Stadt gekommen. «Wir brauchen nach 18 Jahren Merkel eine Erneuerung», sagt der 36-Jährige, der in einem Kreisverband bei Dresden für die CDU politisiert. Hier in Halle findet die fünfte von insgesamt acht CDURegionalkonferenzen statt. Ziel des Anlasses: die Kandidaten vorstellen, die Angela Merkel als CDU-Parteichefin ablösen wollen.

Zur Wahl stellen sich die 56-jährige CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp- Karrenbauer, der 63-jährige ehemalige Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz und der 38-jährige Gesundheitsminister Jens Spahn. Während dreier Stunden stehen sie den 450 angereisten CDU-Vertretern aus Sachsen und Sachsen- Anhalt in Halle Red und Antwort.

Seitdem Kanzlerin Angela Merkel vor wenigen Wochen bekannt gegeben hat, dass sie beim Parteitag Anfang Dezember auf den Parteivorsitz verzichten wird, erlebt die Partei so etwas wie Aufbruchstimmung. Es tut sich was an der Basis, die CDU-Mitglieder löchern die drei Kandidaten auf den Regionalkonferenzen mit allerlei Fragen. Bis Ende nächster Woche dürften über 10'000 Vertreter aus kleinen Kreisverbänden mit dabei gewesen sein bei der Kandidaten-Tour quer durch Deutschland. Einen solch starken Einbezug der Basis hat es in der 1945 gegründeten Partei noch nie gegeben. Und endlich geht die Show auch in Halle los. Es wird still in der gut besetzten Messehalle, die drei Kandidaten betreten den Saal. Applaus, freundlich, aber nicht euphorisch.

Halle will den Rechts-Ruck

«Ich wünsche mir Friedrich Merz an Merkels Stelle», sagt Antonius von Schierstaedt. «Sein wirtschaftsliberales Denken hat unter Merkel gefehlt.» So wie von Schierstaedt denken viele an diesem Abend in Halle. Friedrich Merz solls richten. Der ehemalige Fraktionsvorsitzende wurde von Angela Merkel bei deren Aufstieg vor Jahren aus dem Weg geräumt und ist danach für Jahre von der grossen Politbühne verschwunden. Merz fand ein neues Auskommen in der Wirtschaft. Er führt den Aufsichtsrat der Deutschland- Tochter des US-Investmentriesen Blackrock und sitzt bei Peter Spuhlers Stadler Rail im Verwaltungsrat.

Doch Halle ist nicht Hamburg, wo in zwei Wochen der Parteitag statt- findet. Die Stimmung in Sachsen- Anhalt ist nicht repräsentativ für das gesamte Land. An diesem Donnerstagabend in Halle geht es hauptsächlich um das Thema Migration, um Asylrecht und Flüchtlinge und nur am Rande um Rentensicherheit, Wohnkosten oder Digitalisierung. Hier im Osten Deutschlands ist die Partei Alternative für Deutschland (AfD) mit 20 bis 24 Prozent in Umfragen besonders stark. Entsprechend ausgeprägt ist der Wunsch der regionalen CDU nach einer Rückbesinnung auf konservative Werte. Ein weiterer Unterschied: In Halle kommt die Basis zusammen, in Hamburg aber werden die Delegierten aus den verschiedensten Verbänden der CDU bestimmen, wer den Parteivorsitz von Merkel erben soll.

Die 64-jährige Physikerin hat die Partei in ihren 18 Jahren als Vorsitzende stark geprägt. Unter den Delegierten wird es nur wenige geben, die eine Abkehr vom Merkel-Kurs, welcher für eine Verschiebung der Partei in die Mitte steht, wollen. Die jüngste, am Freitag veröffentlichte ZDF-Umfrage unter CDU-Mitgliedern zeigt, dass jene, die die Partei deutlich nach rechts verschieben wollen, nicht in der Mehrheit sind. 38 Prozent der Befragten wünschen sich mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine Politikerin an der CDU-Spitze, die Angela Merkel sowohl persönlich als auch inhaltlich sehr nahe steht. Nur 29 Prozent wünschen sich den als wirtschaftsliberal geltenden Friedrich Merz und gerade mal sechs Prozent den als konservativ eingestuften Gesundheitsminister Jens Spahn.

Weniger vulgär als die AfD

Wie auch immer das Rennen ausgehen wird: Der Wechsel an der CDU-Spitze ist eine Zäsur für die Partei. Mit Folgen, die heute kaum abschätzbar sind. Eine der drängendsten Fragen im Raum: Endet die bis 2021 dauernde Kanzlerschaft für Angela Merkel vorzeitig, wenn ihr einstiger Rivale Friedrich Merz das Ruder übernimmt?

Parteienforscher Gero Neugebauer ist vorsichtig mit solchen Prognosen. «Merz dürfte versuchen, die CDU national wieder stärker nach rechts zu öffnen und der sozialdemokratischen Komponente der mer- kelschen Politik ein Ende zu bereiten», sagt der 77-Jährige. Trotz der unterschiedlichen Auffassungen könnte ein Tandem Merkel-Merz aber funktionieren, glaubt Neugebauer. Eine CDU, die das Konservative stärker betont, könnte zudem den gestiegenen Einfluss der AfD zurückbinden. Merz vertrete in der Migrationspolitik kon- servativere Positionen als Merkel, würde diese aber nicht so vulgär-nationalistisch präsentieren wie die AfD, sagt Neugebauer. «Damit kann er verloren gegangene Wähler von der AfD zurückholen. Friedrich Merz ist für die AfD ein Risiko.»

Der 63-Jährige könnte paradoxerweise auch ein Glücksfall sein für die serbelnde SPD. Die Sozialdemokraten hätten mit einer sich nach rechts verschiebenden CDU die Chance, ihr eigenes Mitte-links-Profil zu schärfen. Parteienforscher Neugebauer ist dennoch vorsichtig: «Profitieren von einer Merz-CDU könnten genauso gut auch die Grünen, wenn die SPD ihr Heil einzig in der Nach-Merkel-Ära sucht.»

Für Angela Merkel wäre Annegret Kramp-Karrenbauer an der CDU-Spitze am angenehmsten, glaubt Neugebauer. «Sie ist die etwas konservativere Erbin von Frau Merkel und steht für Kontinuität.» Der Kandidatur von Jens Spahn räumt der Parteienforscher keine Chance ein. Nutzlos sei das Werben des jungen Gesundheitspolitikers indes keinesfalls. «Spahn benutzt die Kandidatensuche, um in die Manege zu treten. Es ist für ihn ein Trainingslauf, er kann herausfinden, wo seine Schwächen und Stärken sind. In acht oder zehn Jahren kann seine Zeit kommen», glaubt Neugebauer.

Nach drei Stunden endet die Debatte in Halle. Persönliche Attacken unter den Kandidaten gab es keine. Man grenzt sich ab, fährt sich aber nicht gegenseitig an den Karren. Nun stehen die drei Kandidaten in Einigkeit nebeneinander. Die Nationalhymne ertönt. Meist enden sie pathetisch, die Anlässe der CDU. «Friedrich Merz solls machen», sagt CDU-Wähler Karl Busche beim Verlassen der Messehalle. «Es kommen wirtschaftlich schwierige Zeiten auf uns zu, wir brauchen einen Fachmann an der Spitze», sagt der 76-jährige Sachse. «Und nach 18 Jahren Merkel muss es mal wieder ein Mann richten.»