Frau Del Ponte, wann haben Sie von der Verhaftung von Ratko Mladic erfahren?

Carla Del Ponte: Heute Mittag aus den Medien. Wie alle anderen.

Wurden Sie von den Kollegen aus Den Haag nicht vorinformiert?

Del Ponte: Nein. Aber seit bekannt ist, dass Mladic gefasst wurde, befinde ich mich im Kontakt mit meinen Kollegen vom Internationalen Gerichtshof in den Haag.

Wie fühlen Sie sich nach der Festnahme?

Del Ponte: Das ist eine sehr gute Nachricht! Einerseits ist seine Ergreifung ein Erfolg für die internationale Justiz und andererseits wichtig für die Opfer von Srebrenica. Ich selbst empfinde Genugtuung. Mit der Verhaftung erhalten wir die Bestätigung, dass unsere Arbeit seriös war. Wir haben acht Jahre daran gearbeitet, Mladic anzuklagen, zu verhaften und dem internationalen Gerichtshof in Den Haag zu überstellen.

Sind Sie nicht traurig, dass Sie Mladic nicht selbst verhaften konnten?

Del Ponte: Nein, überhaupt nicht. Wichtig ist einzig und allein, dass Mladic verhaftet wurde.

Trotzdem wurde Mladic erst jetzt gefasst. Was haben ihre Nachfolger besser gemacht als Sie?

Del Ponte: Sie haben nie aufgegeben und die von uns implementierte Politik weitergeführt.

Welche Politik?

Del Ponte: Wir haben dafür gesorgt, dass die EU den Druck gegenüber Serbien aufrechterhalten hat. Die Botschaft war klar: Solange Mladic nicht verhaftet und nach Den Haag überstellt wird, darf Serbien der EU nicht beitreten. Diese Strategie wurde von mir entworfen und konsequent weiterverfolgt - wie wir jetzt sehen mit Erfolg.

Waren Sie überrascht als sie hörten, dass Mladic in Serbien festgenommen wurde?

Del Ponte: Nein. Wir waren immer davon überzeugt, dass er sich in Serbien versteckt hält. Dort waren seine Freunde, die ihn geschützt haben.

Glauben Sie, dass der serbische Geheimdienst und die serbische Politik Mladic aktiv geschützt hat?

Del Ponte: In der Vergangenheit schon. Eigentlich wusste das die ganze Welt. Erst als in Serbien vor einigen Jahren die Regierung Tadic an die Macht kam, veränderte sich die Lage. Seither gelang es uns, einige Kriegsverbrecher aus dem Bosnien-Krieg zu fassen. Für uns war das ein sicheres Zeichen für den politischen Wandel in Serbien. Trotzdem hat es bei Mladic länger gedauert. Das ist aber keine Überraschung - denn er wusste, wie er sich verstecken musste.

Wurde Mladic nicht auch deshalb geschützt, weil der General in Serbien teilweise als Volksheld verehrt wird?

Del Ponte: Natürlich. Ich habe kürzlich gelesen, dass ihn laut einer Umfrage über 50 Prozent der serbischen Bevölkerung als Kriegshelden bezeichnet.

Präsident Tadic hat kurz nach der Verhaftung von Mladic gefordert, dass Serbien als Gegenleistung den EU-Beitritt will. Was sagen Sie dazu?

Del Ponte: Damit hat er vollkommen Recht. Serbien wurde massgeblich am EU-Beitritt gehindert, solange Kriegsverbrecher wie Karadzic und Mladic nicht verhaftet und ausgeliefert sind. Weil das jetzt geschehen ist, meine ich, dass das Tor zur Europäischen Union für Serbien geöffnet werden muss.

Mit Verlaub: Es ist doch ein Skandal, dass Serbien Karadzic und Mladic nur im Tausch gegen den EU-Beitritt ausliefern.
Del Ponte: Mit diesem Argument wurde ich auch während meiner Amtszeit als Chefanklägerin in Den Haag konfrontiert und habe darauf immer so geantwortet: Ich bin Anwältin keine Politikerin. Mein Hauptziel ist es, die Angeklagten zur Rechenschaft zu ziehen. Der politische Background interessiert mich nicht. Das sage ich auch heute noch.

Nun wird Mladic der Prozess gemacht. Wie sieht die Beweislast gegen ihn aus?

Del Ponte: Die Beweislast gegen Mladic ist erdrückend. In den acht Jahren, in denen wir ermittelt haben, konnten wir gegen ihn Beweise in Hülle und Fülle sammeln. Ich hoffe, dass Mladic gemeinsam mit Karadzic vor Gericht gestellt wird - schliesslich sind die Anklagepunkte meist die Gleichen. Ich weiss aber nicht, ob das möglich sein wird.