Salisbury

Britin stirbt an Nowitschok-Vergiftung – eine Stadt hält den Atem an

Britin stirbt nach Novitschok-Vergiftung

Die Britin Dawn Sturgess ist an der Novitschok-Vergiftung gestorben.

Dawn Sturgess ist ihrer Nowitschok-Vergiftung im Spital erlegen. Die Menschen im englischen Salisbury sind verunsichert: Wen kann es noch treffen?

Er sei heilfroh, sagt Peter Kirkham und wischt sich den Schweiss von der Stirn, «dass dies nicht mein Fall ist». Während seiner Arbeit als Mordkommissionsleiter bei der weltberühmten Londoner Polizeibehörde Scotland Yard haben seine Beamten immer wieder Grünflächen auf der Suche nach Tatwaffen durchkämmt. «Aber wir wussten auch, wonach wir suchten – blutverschmierte Messer oder Ähnliches.» Kirkham schaut über die Polizeiabsperrung hinüber zum Queen Elizabeth Garden, einem hübschen Park am Ufer des Avon-Flusses im südenglischen Städtchen Salisbury. «Diesmal sind die Kollegen auf Mutmassungen angewiesen.»

Dass in Salisbury zum zweiten Mal binnen vier Monaten ahnungslose Menschen mit Nowitschok vergiftet wurden, haben die zuständigen Experten bestätigt. Die beiden jüngsten Opfer sind Dawn Sturgess, 44, und Charlie Rowley, 45, aus der örtlichen Obdachlosen-Szene. Sturgess starb im Kreiskrankenhaus an der Vergiftung, wie die Polizei am Sonntagabend mitteilte. Rowley ringt noch immer mit dem Tod. Wie aber kamen sie mit dem chemischen Kampfstoff in Berührung? War er in einem Parfümzerstäuber enthalten, einem Glasfläschchen, einer Tube?

Ermittler in Spezialanzügen: In Salisbury geht die Angst um.

Ermittler in Spezialanzügen: In Salisbury geht die Angst um.

Hitze erschwert Ermittlungen

Der Pensionist Kirkham ist nach Salisbury gekommen, um britischen TV-Sendern bei der Interpretation der spärlichen Kripo-Informationen zu helfen. Am Sonntag trifft auch Innenminister Sajid Javid in dem pittoresken Marktflecken ein, spricht mit Besuchern und Geschäftsbesitzern, lobt die eingesetzten Fachkräfte von Polizei und Feuerwehr. Der konservative Politiker klingt deutlich zurückhaltender als Tage zuvor im Unterhaus, wo er in harschen Worten Aufklärung aus Moskau verlangte. «Wir wollen keine vorläufigen Schlüsse ziehen», sagt Javid jetzt.

Erst müsse die Polizei in Ruhe ihre Arbeit erledigen. Doch das kann dauern. An den bekannten letzten Aufenthaltsorten der beiden Opfer, darunter auch dem Queen Elizabeth Garden, suchen Beamte nach Hinweisen. Wegen der grossen Hitze können sie jeweils nur einige Minuten in ihren Spezialanzügen verbringen. Eingesetzt werden auch Gasmasken und Drohnen.

Auf gespenstische Weise wiederholen sich damit in Salisbury und dem zwölf Kilometer entfernten Amesbury, wo Rowley in einem Drogenentzugsprojekt lebte, die Szenen vom vergangenen März. Damals waren auf einer Parkbank mitten in Salisbury der von Grossbritannien aus russischer Haft freigekaufte Ex-Agent Sergej Skripal, damals 66, und seine 33-jährige Tochter Julia bewusstlos aufgefunden worden. Die Grünfläche am Fluss Avon ist nur wenige Fussminuten entfernt vom Queen Elizabeth Garden, wo sich Sturgess und Rowley am Freitag aufhielten. Die Skripals konnten nach wochenlanger Behandlung aus dem Krankenhaus entlassen werden; öffentliche Erklärungen zu ihrem Fall haben sie nie abgegeben.

Im Fall der Skripals war die Mordwaffe offenbar auf die Türklinke von Sergejs Haus geschmiert, wie sich den spärlichen Informationen der Sonderkommission entnehmen lässt. Diesmal deutet vieles darauf hin, dass es sich bei den beiden Obdachlosen um Zufallsopfer handelt. Kann es also jedermann treffen? Ist das Gift noch immer wirksam und wie lange?

Auf solche Fragen gibt es keine Antworten. Zum einen wurde Nowitschok nie grossflächig angewandt, über die Verweildauer des Kampfstoffes in der Natur ist wenig bekannt. Zum anderen sind sich selbst die Experten nicht einig. Im BBC-Radiomagazin «Today» streiten zur besten Sendezeit die Fachleute darüber, ob Nowitschok durch die Haut in den Körper eindringt oder nur durch den Mund aufgenommen werden kann. Entsprechend verhalten ist die Stimmung vor Ort. Enttäuscht seien seine Bürger, sagt der Leiter der Stadtregierung, Matthew Dean. Natürlich mache man sich Sorgen um die Besucherzahlen. «Wir wollen doch der Welt sagen, dass es hier sicher ist. Das ist momentan eine Herausforderung.»

Abwarten und Eistee trinken

Vorsichtig äussert sich auch Domherr Edward Probert im wunderbar kühlen Kreuzgang seiner gotischen Kathedrale. Natürlich habe Salisbury einen Schock erlitten, beschreibt der anglikanische Pfarrer die Gefühle seiner Gemeinde. «Aber wir haben uns vor vier Monaten nicht unterkriegen lassen, und das wird diesmal genauso sein.» Damals, nach dem Anschlag auf die Skripals, gingen die Besucherzahlen der Kathedrale kurzzeitig um 40 Prozent zurück, erholten sich dann und verharrten bis Monatsbeginn nur um wenige Prozent unter dem für den Hochsommer zu erwartenden Niveau. «Wir müssen nun abwarten, wie sich das entwickelt.»

Abwarten und Eistee trinken, was bleibt den Leuten in Salisbury auch anderes übrig? Im Stadtzentrum hatte die Gemeindeverwaltung gerade erst grosse Plakatwände anbringen lassen. Sie verdecken jene Orte wie das Restaurant Zizzi’s an der Strasse Market Place oder das an einem kleinen Wasserfall des Avon gelegene Pub The Mill, die auch vier Monate nach dem Anschlag noch geschlossen sind. «Salisburys Genesung ist auf gutem Weg», heisst es darauf, die Fotos zeigen idyllische Szenen aus dem liebevoll renovierten historischen Zentrum.

Auf einer kleinen Grünfläche haben sich zur Mittagszeit viele Menschen im Schatten grosser Buchen niedergelassen. Nur eine Bank bleibt leer. Auf ihr wurden Anfang März die Skripals bewusstlos aufgefunden. So gut deren Genesung vorangeschritten sein mag – Salisbury selbst hat durch den neuen Nowitschok-Fall einen schweren Rückschlag erlitten.

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