Cameron-Nachfolger

Boris Johnson: Der Politclown, der bald neuer Premierminister ist

Boris Johnson an einer Veranstaltung von Brexit-Befürwortern

Boris Johnson an einer Veranstaltung von Brexit-Befürwortern

Vor 15 Jahren traute man dem übergewichtigen Journalisten und Historiker nicht einmal die Wahl ins britische Unterhaus zu. Nach dem Brexit ist Boris Johnson die neue Gallionsfigur der Konservativen – eine Gallionsfigur mit Grimasse und zerzauster Frisur, die ihr Fahrrad wohl bald an der Downing Street 10 parkiert.

Von Boris Johnson sagt man, sein frühester Wunsch sei es gewesen, König der Welt zu werden. Die Welt muss zwar noch warten und auch König wird der Blondschopf mit den aristokratischen Wurzeln wohl nicht werden. Dafür aber Premierminister von Grossbritannien.

Sein Einzug in die Downing Street 10 ist eine Formalität. David Cameron hat seinen Rücktritt verkündet. Die Niederlage bei der wichtigsten Abstimmung in der Geschichte des Vereinigten Königreichs bedeutet das Waterloo für den Premierminister. Sein Thronfolger steht bereit.

Der wohl bekannteste Velofahrer Grossbritanniens

Der wohl bekannteste Velofahrer Grossbritanniens

Für Boris Johnson ist es ist die Stunde seines grössten Triumphs. Vom milden EU-Skeptiker – Johnson hatte seine journalistischen Sporen als Korrespondent in Brüssel abverdient – ist er innerhalb weniger Monate zur Führungsfigur der «Leave»-Kampagne aufgestiegen.

Mit markigen Worten – eine Spezialität des charmanten und flamboyanten Tory-Politikers – und einer teilweise gehässigen Kampagne, die sich vor allem gegen Migranten richtete, beschwor Johnson den Austritt aus der Europäischen Union und spaltete nebenbei auch noch das Lager der Konservativen.

Ein wütender Mob schreit «Abschaum!», als Brexit-Sieger Boris Johnson das Haus verlässt

Freitagvormittag: Ein wütender Mob schreit «Abschaum!», als Brexit-Sieger Boris Johnson das Haus verlässt

Hätte man vor 15 Jahren prophezeit, Johnson werde dereinst als Premierminister die Geschicke des Landes leiten, man hätte im Königreich herzhafte Lacher geerntet.

«Die Wahl von Boris Johnson [als Kandidat fürs Unterhaus 2001] bestätigt die zunehmende Schwäche der Tories für Celebrity-Kandidaten anstelle der öden Anforderungen der Politik», schrieb Polit-Kolumnist Max Hastings 2001 im «Evening Standard». 

«Ich bin nicht der Kapitän, der dieses Land zur nächsten Destination steuert»

«Ich bin nicht der Kapitän, der dieses Land zur nächsten Destination steuert»

Der britische Premierminister David Cameron gibt nach dem Ja zu Brexit seinen Rücktritt bekannt.

Die exzentrische Persönlichkeit schien Alexander Boris de Pfeffel Johnson, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, in die Wiege gelegt. Al, wie er in der Familie genannt wird, kommt 1964 in New York auf die Welt. Sein Stammbaum ist ein Potpourri aus verschiedensten Nationalitäten, Religionen und Ethnien. Auf der Seite des des Vaters: Tscherkessische, französische, deutsche, Schweizer und türkische Wurzeln. Auf der Seite der Mutter: Englische, russische und jüdische Wurzeln. Johnson beschrieb sich selber einmal als «Ein-Mann-Schmelztiegel».

Von der «upper-middle-class» in Manhattan stieg Johnson bald einmal in die britische «upper-class» auf und nahm dabei die typischen Stufen: Ausbildung in Eton, der Kaderschmiede der britischen Elite, dann Studium in Oxford. In Oxford war er Teil des konservativen Establishments, das im 21. Jahrhundert die britische Politik dominieren sollte. David Cameron, William Hauge, Michael Gove: Mit allen schmiedete der begeisterte Lateiner Johnson Allianzen. 

Was ihn schon früh von den teilweise steifen und zurückhaltenden Kameraden unterschied, war sein Unwille, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Wenn es darum ging, in Fettnäpfchen zu treten, war Johnson immer an vorderster Front. Nach der Universität schulte er diese Fähigkeiten zuerst bei der altehrwürdigen «Times» dann beim «Daily Telegraph», den Leibblättern der Konservativen Leserschaft des Königreichs. 

Als Brüssel-Korrespondent des Telegraphs stieg Johnson zur wichtigsten euroskeptischen Stimme in der britischen Medienlandschaft auf. Die konservative Premierministerin Margaret Thatcher, die «eiserne Lady», bezeichnete Johnson einmal als ihren Lieblingsjournalisten. 

1993 äusserte er erstmals politische Ambitionen, als er sich überlegte, für einen Sitz im Europäischen Parlament zu kandidieren. 2001 dann war es soweit: Als Chefredaktor des konservativen «Spectators» schaffte er die Wahl ins britische Unterhaus. 2008 folgte die Krönung: Bei der Wahl zum Bürgermeister Londons besiegte er den favorisierten Labour-Amtsinhaber Ken Livingstone. 2012, bei der Wiederwahl, wehrte er noch einmal einen Angriff Livingstones ab. Von seiner Amtszeit bleibt vor allem ein Bild in Erinnerung: Boris Johnson, der «wohl bekannteste Velofahrer Grossbritanniens», der auf dem Fahrrad durch die Strassen Londons kurvt.

In der Partei rückte er schon 2003 zur Führungsriege auf. Seine Popularität und seine politischen Überzeugen – ein «Mix aus ökonomischem und sozialem Liberalismus» (Guardian) – prädestinierten ihn in den Augen vieler Tories zur neuen Leitfigur der Partei. Kritiker dagegen warfen und werfen ihm einen Hang zum Opportunismus vor. 

Die Skandale und Skandälchen, ein ständiger Begleiter seiner Karriere als Journalist, Historiker und Politiker scheinen an dem als «Politclown» verschrienen Johnson abzuperlen.

Die Leute mögen ihn, er ist unkorrekt, witzig, hat Charisma – ein Mann des Volks, trotz seiner Nähe zum Establishment. Ob rassistische Kommentare, homophobe Äusserungen, die Feststellung, dass ein Jahresgehalt von 250'000 Pfund ein «Chicken Feed», ein Hungerlohn, sei – die Wähler scheinen es ihm nicht übel zu nehmen.

«I'm voting for Boris because he is a laugh», lautete ein geflügeltes Wort im Lager seiner politischen Gegner. Und zu lachen hat man mit Boris tatsächlich fast immer etwas: Sei es die Anekdote, dass er 1987 eine Stunde nach seiner Trauung den Ehering verlor, oder dass sich seine Vorgesetzten beim Männermagazin «GQ» über ihn aufregten, weil er als Auto-Journalist derart viele Parkknöllchen sammelte – «BoJo» enttäuscht kaum jemanden.

Best of Boris Johnson

Best of Boris Johnson

Im Januar 2016 schwang sich Boris zum Sprachrohr der «Leave»-Bewegung auf. Grossbritannien müsse sich wieder auf seine Stärken besinnen, die Mängel der EU seien derart gravierend, dass sie irreparabel seien, die Demokratie könne nur gestärkt werden, indem man der «Ever-Closer-Union» den Rücken kehrt. Der Brexit, so Johnson, «bringe dem Land Hoffnung» – und einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Bedenken der Unentschlossenen versuchte er mit patriotischen Worten zu zerstreuen und die mahnenden Stimmen im «Remain»-Lager kanzelte er als «Angst-Kampagne» ab.

Vor der Abstimmung erklärte Johnson in einem Exklusiv-Interview mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, dem «Telegraph», er sei bereit, seine Karriere für den Brexit zu opfern. Anstatt zu opfern, kann BoJo nun ernten.

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