«Sie setzen sich über den Volkswillen hinweg und nennen es Demokratie», sagte der Kurdenpolitiker Ahmet Türk zu seiner Amtsenthebung als Oberbürgermeister der Stadt Mardin am Montag. «Die Rechtlosigkeit und die Ungerechtigkeit haben einen neuen Höchststand erreicht.» Türk kann das beurteilen, denn er hat in seiner langen Laufbahn schon so einiges in dieser Richtung erlebt. Mehrfach wurde er in dem halben Jahrhundert, das er in der türkischen Politik aktiv ist, von Wahlämtern abgesetzt, eingesperrt und sogar gefoltert.

Der 77-jährige Ahmet Türk ist der Grandseigneur der Kurdenpolitik in der Türkei – und das nicht nur, weil er zu den Mitbegründern der ersten Kurdenpartei vor fast 30 Jahren zählte. Als Stammesführer einer bedeutenden Kurdensippe ist Türk im konservativen Südostanatolien von Haus aus mächtig und angesehen. Doch seine tragische Biografie illustriert auch einige Probleme der kurdischen Gesellschaft.

Türks Vater übernahm in den frühen Jahren der Türkischen Republik die Führung der Kanco-Sippe, als er die Tochter des Stammesfürsten heiratete. Als er sich später eine Zweitfrau nahm, flüchtete die gekränkte Fürstentochter in die Obhut

eines rivalisierenden Stammes und löste damit eine jahrzehntelange Blutfehde aus. Diese kostete Dutzende weitere Menschen das Leben, darunter einmal zwölf Tote an einem Tag, als sich die Clans auf einer Beerdigung begegneten. Erst Ahmet Türk einigte sich 1991 mit dem Oberhaupt des anderen Stammes auf einen Frieden. Türk war als Sohn der Zweitfrau an die Spitze des Stammes getreten, als sein älterer Bruder Abdürrahim Türk bei einer Blutfehde ermordet wurde – um welche Fehde es ging, blieb umstritten, denn der Clan hatte mehr als einen Feind.

1973 erstmals im Parlament

Schon 1973 liess sich Ahmet Türk für eine bürgerliche Partei ins türkische Parlament wählen, wie das früher in der Kurdenregion üblich war: Kurdenstämme sicherten sich damit Patronage aus Ankara, die Parteien bekamen dafür kurdische Wählerstimmen geliefert. Doch anders als üblich begann Ahmet Türk sich nicht nur für seinen Stamm zu engagieren, sondern für die kurdische Sache an sich. Nach einer Odyssee durch allerlei Parteien gründete er 1990 mit Gleichgesinnten die prokurdische Volkspartei der Arbeit (HEP), Vorläuferin der heutigen Kurdenpartei HDP. In wechselnden Funktionen hat Türk die Kurdenpartei seither durch alle Parteiverbote und Neugründungen geführt – mal als Parteivorsitzender, mal als Parlamentarier und immer als weiser Patriarch.

Schon nach dem Militärputsch von 1980 eingesperrt und im berüchtigten Gefängnis von Diyarbakir gefoltert, kam Türk durch die Kurdenparteien immer wieder in Konflikt mit dem Staat. So wurde er aus dem Parlament ausgeschlossen und erhielt ein mehrjähriges Politikverbot. Bei den Kommunalwahlen von 2014 zum Oberbürgermeister von Mardin gewählt, wurde er 2016 von Ankara abgesetzt und ins Gefängnis gesperrt. Im März wiedergewählt, wurde er am Montag wieder abgesetzt, seine Stadt unter Zwangsverwaltung gestellt. «Mit Logik und Verstand nicht zu erfassen» sei die Entscheidung, sagte Türk.