Es war kurz vor Mittag, als Johnny Langendorff im 600-Seelen-Dorf Sutherland Springs von einem bewaffneten Mann angehalten wurde. Langendorff befand sich mit seinem Kleinlastwagen auf dem Weg zu seiner Freundin und war soeben Zeuge einer Schiesserei im Kirchhof der First Baptist Church geworden, unweit der Hauptverkehrsachse 87, die nach San Antonio führt. Der Fremde erklärte Langendorff, dass der andere Mann die Flucht ergriffen habe, und forderte Langendorff auf, die Verfolgung aufzunehmen. Und der junge Mann erwiderte, was man in diesem Landstrich Amerikas in solchen Situationen halt sagt: «Let’s go!» Dann trat er aufs Gaspedal.

Zehn, zwölf Minuten später endete die Verfolgungsjagd, bei der Langendorff seinen Truck vorübergehend auf 150 Kilometer pro Stunde beschleunigte, in der Nähe des Nachbardorfes La Vernia. Der Geländewagen des Amokläufers kam in einem Strassengraben zum Stillstand. Langendorff blieb bei seinem Truck, während sein bewaffneter Begleiter, Stephen Willeford, sich ein Bild der Lage machte. «Komm raus, komm raus!», soll er den Fahrer angeschrien haben, sagte Langendorff dem Fernsehsender «CNN». Doch Devin Patrick Kelley bewegte sich nicht mehr. Er war tot, wohl weil er seinem Leben mit einem Schuss ein Ende gesetzt hatte.

26 Tote und viele Verletzte nach Schiesserei in Sutherland Springs

26 Tote und viele Verletzte nach Schiesserei in Sutherland Springs

 

26 Tote, 20 Verletzte

Zurück liess der 26-Jährige eine Szene des Grauens in einer kleinen Baptistenkirche. Kelley ermordete am Sonntagmorgen 26 Menschen im Alter von 18 Monaten bis 77 Jahren und verletzte 20 weitere zum Teil schwer. Zehn Menschen schweben immer noch in Lebensgefahr. Augenzeugen sprachen von einem schier unfassbaren Blutbad, das er mit seinem Schnellfeuergewehr angerichtet hatte. So metzelte der Amokläufer auch mehr als ein Dutzend Kinder nieder.

Warum? Diese Frage konnten oder wollten die Ermittlungsbehörden am Montag vorerst nicht beantworten. Freeman Martin, ein Sprecher des texanischen Sicherheitsministeriums, deutete an einer Pressekonferenz an, ein innerfamiliärer Konflikt habe wohl dazu geführt, dass Kelley am Sonntag ganz in Schwarz gekleidet in Sutherland Springs aufgekreuzt sei. Kelley habe seine Schwiegermutter mithilfe von Kurznachrichten bedroht, sagte Martin, und diese Schwiegermutter habe ab und zu den Gottesdienst in der Baptisten-Kirche von Sutherland Springs besucht. Am Sonntag allerdings war sie nicht unter den versammelten Gläubigen; hingegen befand sich die Mutter der Schwiegermutter in der Kirche.

Ein Blick auf die Biografie des mutmasslichen Todesschützen zeigt, dass dieser immer wieder negativ aufgefallen ist. So wurde er 2012 nach einer dreijährigen Dienstzeit von der Militärjustiz angeklagt, weil er auf der Holloman Air Force Base im Südwesten des Bundesstaates New Mexico seine damalige Frau und sein Kind attackiert hatte, wie amerikanische Medien berichteten. Er wurde verurteilt und landete für zwölf Monate hinter Gittern. Anschliessend entliess ihn die Luftwaffe aus dem Dienst. Kelley liess sich scheiden, heiratete im April 2014 aber erneut. Mit seiner zweiten Gattin soll der Täter einige Monate in Colorado gelebt haben, bevor er dann 2017 plötzlich im Haus seiner Eltern in New Braunfels (Texas) auftauchte. Dort lebt er seither, zuletzt wohl getrennt von seiner neuen Familie, und verdiente sein Geld als Wachmann.

«Ich verstehe es nicht», sagte derweil Frank Pomeroy, der Pastor der First Baptist Church in Sutherland Springs. «Aber mein Gott versteht es.» Pomeroy war am Sonntag nicht in seiner Kirche, als Kelley wahllos Menschen tötete. Er und seine Gattin Sherri verloren aber ihre 14-jährige Tochter Belle.