Horror und Entsetzen erschüttern Ägypten. Bei dem blutigsten Terrormassaker an Zivilisten in der modernen Geschichte des Landes wurden am Freitag in der Al-Rawdha-Moschee im Nordsinai-Städtchen Biral-Abed mindestens 235 Betende getötet und über 140 verletzt, hiess es am Freitag. Inzwischen wurde die Zahl korrigiert: Es gibt bereits 305 Todesopfer. Darunter seien 27 Kinder, hiess es am Samstag im Staatsfernsehen unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft.

Bilder aus dem Inneren des Gotteshauses, das sich etwa 40 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt El-Arish befindet, zeigten Dutzende Leichen auf dem Boden, die mit Tüchern abgedeckt waren.

Mit Bomben und Sturmgewehren

Nach Angaben von Überlebenden stürmte ein Terrorkommando, das mit vier Geländewagen vorgefahren war, während des Freitagsgebetes das Innere, zündete mehrere Bomben und nahm die in Panik Schutz suchenden Gläubigen mit Sturmgewehren unter Feuer. Die Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Präsident Abdel Fattah al-Sisi bestellte den Nationalen Sicherheitsrat ein. Bis zum Abend bekannte sich jedoch niemand zu dieser mörderischen Tat.

Ägypten führt seit vier Jahren auf dem Nordsinai einen immer brutaleren Krieg gegen den örtlichen Ableger des sogenannten Islamischen Staates, dem schon Hunderte Soldaten und Polizisten zum Opfer gefallen sind. Medien und internationalen Beobachtern ist die Fahrt dorthin verboten, sodass das Ausmass der Kämpfe im Dunkeln bleibt. Präsident Sisi beschwört regelmässig nach Attentaten, «den Terrorismus auf dem Sinai komplett auszurotten». Erst kürzlich erklärte er bei einer Rede vor Offizieren, auf der Halbinsel seien zwischen 20'000 und 25'000 Soldaten im Einsatz, mehr als beim Sechstagekrieg 1967 gegen Israel.

Krieg gegen Sicherheitskräfte

Bisher griffen die Extremisten in der Regel Einheiten von Armee oder Polizei an sowie Personen, die sie verdächtigen, mit den Sicherheitskräften zu kooperieren. Anfang Oktober stürmten über 100 Dschihadisten einen Aussenposten nahe der Stadt Sheikh Zuwaid, 6 Soldaten und 24 Militante starben. Vorletzte Woche wurden neun Lastwagenfahrer auf offener Strasse exekutiert, die Kohle für eine Zementfabrik in El-Arish geladen hatten, die der Armee gehört.

Anschläge auf Gotteshäuser in Ägypten richteten sich bisher nur selten gegen Moscheen, sondern meist gegen Kirchen der christlich-koptischen Minderheit. Die am Freitag attackierte Al-Rawdha-Moschee auf dem Nordsinai ist nach Angaben örtlicher Stammesführer ein Zentrum der Sufis, zu deren Glaubenspraxis auch ekstatische Tänze sowie die Verehrung frommer Vorbilder gehören. Anhänger des «Islamischen Staates» dagegen, die einen puritanisch-salafistischen Islam befolgen, betrachten diese der Mystik zuneigenden Mitmuslime als Häretiker. Vor einem Jahr enthaupteten die Fanatiker auf dem Nordsinai vor laufender Kamera einen älteren Sufi-Kleriker, den sie beschuldigen, er praktiziere Magie und Hexenkult.

Luftangriffe als Reaktion

Präsident Abdel Fattah al-Sisi hatte am Freitagabend angekündigt, mit grösster Härte gegen die Verantwortlichen vorzugehen. "Die Streitkräfte und die Polizei werden unsere Märtyrer rächen und Sicherheit und Stabilität mit äusserster Gewalt wiederherstellen", sagte al-Sisi in einer Fernsehansprache.

Wenige Stunden nach dem Attentat flog das Militär Sicherheitskreisen zufolge mehrere Luftangriffe in der Region. Auch in der Nacht dauerten die Angriffe an. Die Luftwaffe und Bodentruppen hätten dabei zahlreiche Stützpunkte "terroristischer Elemente" zerstört, teilte die Armee am Samstag mit.

Gemäss der muslimischem Tradition wurden alle Opfer des Anschlags bis Samstag bestattet. Unter ihnen waren auch der Direktor der Schule von Bir al-Abed, Al-Said Abu Eitta sowie sein Sohn Ahmed. Tausende Menschen nahmen im Morgengrauen an ihrer Trauerfeier im benachbarten Ort Mit Habib teil.

Alle Moscheen des Landes widmeten unterdessen ihre Morgengebete den "Märtyrern" des Angriffs auf "das Haus Gottes". Die Zeitungen erschienen mit schwarzem Trauerbanner. Der Anschlag wurde international verurteilt. Der Gross-Imam der wichtigsten sunnitischen Institution Al-Azhar, Scheich Ahmed el-Tajeb, der selbst Sufi ist, sprach von einer "barbarischen Terrorattacke". (mag/sda)