Arabische Revolution

Bisher alles andere als ein Frühling für die Frauen

Sie hofften auf Freiheit und mehr Rechte – stattdessen wird das Rad zurückgedreht.Virginie Nguyen Hoang/Keystone

Sie hofften auf Freiheit und mehr Rechte – stattdessen wird das Rad zurückgedreht.Virginie Nguyen Hoang/Keystone

Trotz vereinzelter Fortschritte hat sich die Lage der Frauen in den Revolutionsstaaten verschlechtert. Bei den Massenprotesten in Ägypten wureden über 100 sexuelle Übergriffe gezählt. Die neuen Machthaber unternehmen wenig

Aischa Reda ist eine politisch engagierte Ägypterin. Während des Aufstandes gegen Diktator Hosni Mubarak versorgte die junge Mutter Demonstranten mit selbst gemachten Süssigkeiten, Tee sowie Essig gegen Tränengas. Ihren Mann zwingt sie allabendlich, seine Lieblingsseifenoper für die TV-Nachrichten zu unterbrechen. Zuletzt sammelte sie in ihrer Nachbarschaft Unterschriften gegen den nun gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi. Um das Zentrum der Proteste aber macht Aischa seit Monaten einen Bogen. «Der Tahrirplatz ist kein Ort mehr für uns Frauen», sagt sie – und schweigt danach betreten.

Mehr als 100 sexuelle Übergriffe haben Menschenrechtler während der Massenproteste gegen die Islamisten-Regierung im Juli gezählt, darunter zahlreiche Gruppenvergewaltigungen. Fast alle Fälle trugen sich auf dem Tahrirplatz oder in den umliegenden Strassen zu. «Zahl und Brutalität der Übergriffe ist beispiellos», teilte die ägyptische Frauenrechtsgruppe Nazra kürzlich mit. Sie hält den Sicherheitskräften vor, die Vorfälle zu ignorieren, teilweise sogar gezielt zu dulden.

Zwangsehen und Entführungen

Die sexuelle Gewalt gegen Demonstrantinnen ist die vielleicht dunkelste Seite der «zweiten Revolution» in Ägypten – und trotzdem nur die Spitze des Eisbergs. Mehr Rechte, mehr Selbstbestimmung, mehr Freiheit: Die Erwartungshaltung vieler Frauen an den Arabischen Frühling war gewaltig. Umso bitterer ist nun die Enttäuschung. Zwar existieren in Ägypten, Tunesien, Libyen und Jemen seit den politischen Umwälzungen mehr Frauenrechtsgruppen als zuvor.

Allerdings hat auch die Menge der Probleme zugenommen. Den wirtschaftlichen Niedergang bekommen die schwächsten Glieder der Gesellschaft – ethnische Minderheiten, religiöse Randgruppen, Frauen – am stärksten zu spüren. Mädchen sind in der Regel die Ersten, die von ihren Eltern aus der Schule genommen werden, wenn das Geld knapp wird. In den rückständigen Provinzen Oberägyptens und des Nildeltas zwangsverheiraten zudem immer mehr Familien aus finanzieller Not heraus ihre Töchter, nicht selten an wohlhabende Araber aus der Golfregion.

In vielen ägyptischen Städten lassen Eltern ihre Kinder aus Angst vor Entführungen kaum noch aus dem Haus. Autos mit Megafonen fahren durch die Quartiere Kairos. Man ruft die Namen vermisster Kinder aus. Meistens geht es den Entführern um Lösegeld. Gekidnappte Mädchen verschwinden aber oft für immer.

Die neuen Machthaber unternehmen wenig, um die Rechte der Frau zu stärken. In Ägypten verhinderten die Islamisten in der neuen, mittlerweile wieder ausgesetzten Verfassung einen Artikel, der die Gleichstellung der Geschlechter gewährleistet hätte. Ausgerechnet die Frauenbeauftragte Mursis sagte, dass der «öffentliche Raum» kein geeigneter Ort für verheiratete Frauen sei.

Stattdessen forderten islamistische Abgeordnete im ägyptischen Parlament wiederholt die Abschaffung des Mindestheiratsalters und verharmlosten die Genitalverstümmelung. Auch in Libyen machten die Islamisten mit einer mittelalterlich anmutenden Agenda von sich reden, indem sie die strikten Regelungen für Polygamie lockerten. Im Revolutionsmutterland Tunesien bemüht sich die regierende Partei Ennahda derweil um eine Aufweichung der Gleichstellungstradition.

Keine Anwälte für die Frauen

Zu hoffen gibt vielen, dass die Frauen in der Region politisch aktiver und besser über ihre Rechte informiert sind. Solange in den Revolutionsländern jedoch Islamisten und Armee den Ton angeben, ist kaum ein Durchbruch zu erwarten. Die Frauenrechtlerin Ghada Lotfi mahnt davor, die Entmachtung der Muslimbrüder in Ägypten durch das Militär als Fortschritt zu werten.

Sie erinnert daran, dass der im Volk so beliebte Armeechef Abdel Fattah al-Sisi einst sexuelle Übergriffe auf Demonstrantinnen gerechtfertigt hatte: Bei den von der Armee euphemistisch als «Jungfrauentests» bezeichneten Vorfällen im Mai 2011 misshandelten Soldaten und Militärärzte mindestens 17 Frauen. Obwohl Menschenrechtler die gut dokumentierten Vorfälle als Vergewaltigung einstuften, sprach ein Armeegericht den Hauptverdächtigen frei. Al-Sisi nahm die Angeklagten damals in Schutz.

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