Flugzeugunglück

Bis zu 12'000 herrenlose Schiffscontainer treiben auf hoher See

Nach der Havarie im Januar 2012 vor der Küste Neuseelands brach die «Rena» im Sturm auseinander. Bis zu 150 Container gingen verloren. key

Nach der Havarie im Januar 2012 vor der Küste Neuseelands brach die «Rena» im Sturm auseinander. Bis zu 150 Container gingen verloren. key

Verlorenes Frachtgut im Meer weckt bei der Suche nach dem MH370 Flugzeug immer wieder falsche Hoffnungen. Auf den Weltmeeren wimmelt es nur so von Trümmern – ökologisch unproblematisch, sagt ein Meeresbiologe

Die vor Australien gesichteten Trümmer könnten genau so gut von verlorenen Schiffscontainern stammen wie von einem abgestürzten Flugzeug. Damit warnt ein Sprecher der australischen Behörde für Seenotrettung vor allzu grosser Hoffnung auf einen Durchbruch bei der Suche nach MH370. Der Fundort der Trümmerteile befindet sich auf einer viel befahrenen Schiffsroute.

Der Verbleib der verschollenen Maschine der Malaysia Airlines und ihrer Passagiere bleibt damit ungewiss. Bekannt ist aber, dass auf den Weltmeeren allerlei Gerümpel treibt. Erschreckend sind etwa die gigantischen Plastikteppiche, die kaum sichtbar, knapp unter der Meeresoberfläche durch Pazifik und Nordatlantik treiben. Schwimmender Plastikmüll sorgt seit geraumer Zeit für Schlagzeilen. Bilder verhungerter Albatrosse, deren aufgeschnittene Mägen Nuggis und andere Plastikteile an den Tag förderten, bewegten die Welt.

Vermisste Schiffscontainer

Neben den kleinen Plastikteilen treiben auch Schwerölspuren lecker Hochseeschiffe sowie grössere Trümmer durch die Weltmeere. Zum Beispiel vor der Küste Vietnams, wo die Behörden zunächst an Elemente von MH370 gedacht hatten. Bei näherem Hinsehen entpuppte sich ein gesichtetes Teil jedoch als Kabeltrommel.

Die an der Wasseroberfläche treibenden Trümmer sind nur die Spitze des Eisbergs: Weit mehr Müll dürfte sich über die Jahre am Meeresgrund angesammelt haben. Das Treibgut aber versperrt die Sicht auf das Flugzeugwrack, sofern die malaysische Maschine denn auch wirklich abgestürzt ist. Deren Suche gleicht jener einer Nadel im Heuhaufen: Der Schweizer Meeresbiologe und Verleger der Zeitschrift «Mare», Nikolaus Gelpke, schätzt allein die Zahl im Meer treibender Schiffscontainer auf 12 000.

Schwimmende Container – und keiner sammelt sie ein. Woher rührt die hohe Zahl? Die Globalisierung der Weltwirtschaft war nur möglich dank des enormen Anstiegs der Leistungsfähigkeit der Hochseeschifffahrt. Der immer kostengünstigere Transport über die Ozeane wurde dank Effizienzsteigerungen erreicht: «Immer grössere Frachtschiffe stapelten die Container immer höher», sagt Gelpke zur «Nordwestschweiz». So erstaune es nicht, dass etwa bei Stürmen Schiffscontainer ins Wasser fielen.

Je nach Ladung bleiben einige von ihnen an der Oberfläche, einige sinken rasch an den Meeresgrund, andere wiederum treiben schwer sichtbar unter der Oberfläche. Für Segelschiffe oder Fischkutter sind sie eine Gefahr.

Treibgut als kleineres Umweltübel

Gefährlich für die Schifffahrt zwar, eher harmlos für das ökologische Gleichgewicht. Medial ist Treibgut interessant, weil sichtbar. Meeresbiologen wie Gelpke sind über die Plastik- und Müllteppiche auf den Weltmeeren zwar nicht erfreut, schlimmer wiegt für sie aber die Erwärmung, Übersäuerung und Überfischung der Ozeane. Und das, obwohl der Abbau von Plastik um die 100 Jahre dauert.

Auch ausgelaufenes Öl ist für Gelpke weniger problematisch, weil es wie alle organischen Produkte durch Bakterien zersetzt werde und verschwinde. «Das gilt mit Ausnahme der Polarmeere, wo zu wenig kinetische Energie vorhanden ist, um den Abbau zu ermöglichen.»

Während Müll in der Vergangenheit vor allem in der westlichen Hemisphäre seinen Weg ins Meer fand, verlagerte sich das Phänomen in den vergangenen Jahrzehnten auf die aufstrebenden fernöstlichen Volkswirtschaften. Überfischung sowie Erwärmung und Übersäuerung der Ozeane wirken sich laut Meeresbiologe Nikolaus Gelpke hingegen in zunehmenden Masse negativ auf die Ökologie aus – und das nicht nur regional, sondern global.

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