Deutschland - Chile

Bis zu 10'000 Euro für Opfer von Colonia Dignidad in Chile

Undatierte Aufnahme von Menschen bei der Arbeit in Colonia Dignidad. (Archivbild)

Undatierte Aufnahme von Menschen bei der Arbeit in Colonia Dignidad. (Archivbild)

Es hat Jahrzehnte gedauert, doch nun soll es für die Opfer der Colonia Dignidad Hilfe des deutschen Staates geben: Menschen, die in der deutschen «Horrorkolonie» in Chile gefoltert und missbraucht wurden, sollen bis zu 10'000 Euro erhalten.

Zudem soll ein Alters- und Pflegefonds diejenigen unterstützen, die nicht im deutschen Sozialsystem sind. Dies sieht das Hilfskonzept einer gemeinsamen Kommission aus Bundesregierung und Bundestag vor.

In der 1961 gegründeten sektenartigen Siedlung Colonia Dignidad wurden zur Zeit der chilenischen Militärdiktatur von Augusto Pinochet in den Jahren 1973 bis 1990 zahlreiche Menschen vergewaltigt, gefoltert und getötet. Die Siedlung war von dem Deutschen Paul Schäfer gegründet worden.

Den Betroffenen soll zum einen über einen Hilfsfonds für individuelle Zahlungen geholfen werden, aus dem gesundheitliche Leistungen wie Psychotherapien, aber auch Leistungen in Pflege, Bildung und Arbeit in Höhe von bis zu 10'000 Euro erstattet werden sollen.

Zum anderen soll ein Fonds Pflege und Alter für Opfer aufgelegt werden, die nicht vom deutschen Sozialsystem profitieren. Viele Betroffene leben heute noch auf dem Gelände der früheren Siedlung - heute Villa Baviera - oder anderswo in Chile, dutzende andere sind nach Deutschland zurückgekehrt. Mit der Umsetzung des Hilfsfonds sowie der Beratung der Opfer wird die Internationale Organisation für Migration (IOM) beauftragt.

Für die finanziellen Hilfen hat der Bundestag bereits eine Million Euro im Haushalt 2019 bewilligt. Das Gesamtvolumen der Zahlungen wird auf etwa 3,5 Millionen Euro geschätzt.

"Anerkennung des grossen Leids"

Es gehe um "konkrete Hilfe", aber auch um eine "Geste der Anerkennung des grossen Leids", sagte Aussen-Staatssekretär Niels Annen bei der Vorstellung des Hilfskonzepts am Freitag in Berlin. Der im Oktober konstituierten Kommission sei bei ihrer Arbeit klar gewesen, dass viele Betroffene wegen ihres Alters oder gesundheitlicher Probleme schnelle Hilfe benötigten.

Deutschland habe "Schuld" auf sich geladen, weil die Behörden "weggesehen" hätten, sagte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast. Schäfer habe 1961 nach Chile fliehen können, obwohl gegen ihn ein Haftbefehl vorlag. Trotzdem habe er Unterstützung beim Aufbau seiner Siedlung bekommen. Spätestens 1966, als das erste Opfer aus der Siedlung geflohen sei und von den Verbrechen berichtet habe, hätte man es "wissen können und müssen".

Künast sprach von einem "akzeptablen" Ergebnis, damit die Opfer endlich und noch in diesem Jahr Hilfe erhalten könnten. Der Betrag von bis zu 10'000 Euro für jeden Betroffenen könne nur symbolisch sein, aber ihr Leid nicht wieder gut machen, sagte der CDU-Abgeordnete Michael Brand. Er nannte es einen "Skandal", dass man sich erst heute um die Aufarbeitung der Verbrechen aus den 70er Jahren kümmere.

Konstantin Kuhle von der FDP betonte, das Hilfskonzept "steht und fällt damit", dass die Leistungen "niedrigschwellig" und ohne grossen bürokratischen Aufwand ausgezahlt würden. Der Linkspolitiker und Jurist Friedrich Straetmanns appellierte an die zuständigen Staatsanwaltschaften, bei der strafrechtlichen Aufarbeitung der Verbrechen nicht locker zu lassen.

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