In der heissesten Zeit im sonnenverwöhnten Griechenland bringt der typische Nordwind eine willkommene Abkühlung auf der Kykladen-Insel Paros, auf der gerade Hochkonjunktur herrscht: Touristen aus aller Welt vertrödeln ihre Tage am Strand, flanieren in den malerischen Gässchen oder versuchen sich in den diversen Wassersportangeboten. Der wolkenlose Himmel, das kristallklare Wasser, die im traditionellen Blau-Weiss gehaltenen Häuschen: eine Ferienkulisse, die aus einem Hochglanzmagazin stammen könnte.

Der Vermessungsingenieur Alexandros Bregu hat momentan keine Zeit dafür. Er steht auf einem Feld auf der Ostseite der Insel. Vor sich ein Tachymeter für die Vermessung des Feldes, die Sonnenbrille in die Haare gesteckt. Seit Stunden steht er schon in der prallen Sonne. Das Meer ist nicht weit weg. «Am liebsten würde ich auch gleich reinspringen», sagt er. Nach den Vermessungen muss Alexandros aber gleich zurück ins Büro nach Paroikia, dem Hauptort der Insel, er hat noch Termine.

Gewagter Neubeginn

Der 31-Jährige hat vor sechs Jahren seine Studien in Athen beendet und daraufhin in einem grossen Unternehmen gearbeitet. Sein Lohn sei zwar nicht schlecht gewesen, sagt Alexandros. Nach Abzug aller Abgaben, die in diesen Jahren stark anstiegen, sei aber kaum etwas übrig geblieben. Er beschloss deshalb vor einem Jahr, nach Paros zurückzukehren und sich selbstständig zu machen. Momentan lebt er, wie viele andere in seinem Alter, wieder bei seinen Eltern. «Am Anfang war es schwierig. Ich habe wenig Aufträge erhalten und musste zudem die Preise sehr drücken», erzählt er. Seit letztem März hat er ein kleines Büro gemietet und versucht, im Geschäft Fuss zu fassen. Neben den Vermessungen erledigt er Bewilligungen und hilft seinen Kunden bei verfahrenstechnischen Fragen. Der Schritt in die Selbstständigkeit ist ein gewagter in Griechenland: «Die Unterstützung von staatlicher Seite ist gleich null», sagt Alexandros. Die horrenden Abgaben würden junge Leute davon abschrecken, die rechtliche Unsicherheit tut ihr Übriges. Das Verhalten des Staates sei alles in allem kontraproduktiv – und das in einem bereits schwierigen wirtschaftlichen Umfeld.

Im letzten Sommer hatte Alexandros sein Hobby, die Musik, vorübergehend zum Haupterwerb gemacht und trat mit seiner Band auf: «Davon konnte ich wenigstens im Sommer leben.» Dank dem Tourismus gab es eine grosse Nachfrage nach Live-Musik, sodass sie fast jeden zweiten Abend einen Auftritt hatten. Auch in diesem Sommer ist die Band unterwegs, allerdings viel seltener, da Alexandros jetzt mehr im Büro absorbiert ist. Die Musik ist wieder zum Hobby geworden.

Florierender Tourismussektor

Der florierende Tourismus ist das Glück im Unglück für Griechenland. Inmitten des schlimmsten wirtschaftlichen Einbruchs seit dem Zweiten Weltkrieg hat der Sektor in den letzten zwei Jahren Fahrt aufgenommen und generiert grössere Umsätze als je zuvor. Mittlerweile macht er über 18 Prozent des BIPs aus, mit einer saisonalen Beschäftigung für bis zu 700 000 Personen. Die Einnahmen beliefen sich im letzten Jahr auf 15 Milliarden Euro und für dieses Jahr wird sogar mit einer Steigerung gerechnet: Bis zu 27 Millionen Besucher werden erwartet.

Vaggelis Parousis (71)

Vaggelis Parousis (71)

Griechenland hat von der Unsicherheit in den nordafrikanischen und nahöstlichen Destinationen profitiert. Nach dem misslungenen Putschversuch in der Türkei wird zudem mit einem weiteren, unverhofften Zustrom an Touristen gerechnet, die ihre Ferien aufgrund von Sicherheitsbedenken auf der gegenüberliegenden Seite der Ägäis storniert haben.

Stark von diesen Entwicklungen profitieren auch die Kykladen. Paros selber konnte im Juli einen neuen Rekord verbuchen: Über 135 000 Ankünfte wurden allein über den Seeweg registriert, eine Steigerung von 12,2 Prozent zum letzten Jahr. Grosse Hoffnungen liegen zusätzlich auf dem Ende Juli neu in Betrieb genommenen Flughafen, auf dem nun grössere Flugzeuge landen können. Für das nächste Jahr ist eine Erweiterung der Infrastruktur geplant, damit auch Jets aus dem Ausland landen können. Und von der Flüchtlingskrise ist die Inselgruppe ohnehin nicht betroffen: Die mit Flüchtlingen und Migranten vollgeladenen Boote kamen auf den ostägäischen Inseln unweit der türkischen Küste an, wo sich momentan noch immer über 10 000 Menschen befinden.

13-Stunden-Tage

Für eine kleine Insel wie Paros mit einer Fläche von knapp 200 Quadratkilometern ist der Tourismus eine Lebensader. Fast alle Einheimischen profitieren auf irgendeine Weise von den Besuchern. So auch Vaggelis Parousis, der in seiner Veranda im Fischerdorf Alyki sitzt und mit einem Restaurantbesitzer telefoniert, dem er gerade seinen letzten Fang verkauft hat. Vaggelis fuhr wie jede Nacht um zwei Uhr hinaus aufs Meer, um seine Langleinen auszuwerfen. Um neun Uhr früh kehrte er zurück – seitdem bereitet er die Leinen für die nächste Nacht vor. Zusammen mit Unterhaltsarbeiten am Boot, Besorgungen und Reparaturen kommt er täglich auf zehn bis dreizehn Arbeitsstunden, rechnet Vangelis vor. Er ist 71 Jahre alt. «Ich würde eigentlich lieber aufs Sofa sitzen und die Füsse hochhalten», sagt er.

Vaggelis hat als junger Mann über ein Jahrzehnt als Schiffsmechaniker auf hoher See gearbeitet. Anfang der 1970er-Jahre ist er nach Paros zurückgekehrt und hat mit seinem Bruder die familieneigene Taverne übernommen, die sie bis zur Pensionierung betrieben. Daneben hat er stets gefischt. Wegen stark angestiegenen Steuerabgaben und mehreren Rentenkürzungen ist er darauf angewiesen, immer noch jeden Tag fischen zu gehen. Seine ohnehin bescheidene Rente wurde auf 780 Euro reduziert, er rechnet damit, dass sie noch weiter runter gedrückt wird. Das ist für Paros, wo die meisten Alltagswaren importiert werden und teurer als auf dem Festland sind, nicht viel Geld. Vaggelis beklagt sich: «Dafür habe ich ein Leben lang geschuftet?»

So sehr er darauf angewiesen ist, den umliegenden Tavernen Fisch verkaufen zu können, so sehr beschäftigen ihn auch die Schattenseiten des Tourismus: Überfischung, Wassermangel, Probleme mit der Infrastruktur. Zudem ist das Preisniveau durch den Tourismus über die Jahre angestiegen. Richtig schwierig sei das Leben aber mit der Krise geworden. Was die Zukunft bringen wird? Vaggelis weiss es nicht. Er wird weiterhin jede Nacht aufs Meer gehen und hofft, dass «die in Athen und in Brüssel mal zur Vernunft kommen».

Flexibilität und Tüchtigkeit

Aufgrund des Tourismus war es auf Inseln wie Paros schon immer üblich, mehreren Beschäftigungen nachzugehen. Im Winter betreiben viele Einheimische Landwirtschaft oder ein Handwerk, im Sommer finden sie Arbeit im Tourismus-Sektor. Diese Flexibilität hat ihnen geholfen, die Krisenjahre bisher zu überstehen. Auch ohne strandende Flüchtlinge oder soziale Spannungen wie in Athen ist das Leben auf Paros nicht frei von Schwierigkeiten. Alexandros und Vaggelis zeigen mit ihrer Mischung aus Zweckoptimismus und Tüchtigkeit, dass das Leben auch in der Krise weitergeht – weil es weitergehen muss.