Mit einem Rollkoffer kommt Kevin Kühnert ins Haus der Bundespressekonferenz, darin verstaut sind wohl Wechsel-Shirts, vielleicht ein Sakko und vermutlich stapelweise Unterlagen. Es wird spät heute, wie so oft in letzter Zeit im Leben des jungen Berliners.

Kühnert ist ein gefragter Mann, in dieser Woche ist er auf seiner «No-Groko-Tour» in Deutschland unterwegs. Die «Tagesthemen» schalten den Politikstudenten spätabends auch gerne mal live in die Sendung, wo er dann, rhetorisch brillant, auf alles eine Antwort weiss, was er gefragt wird.

In einem der vielen Konferenzräume des Berliner Medienhauses warten an diesem Montagmorgen dutzende Vertreter der ausländischen Presse darauf, mit dem Chef der Jungsozialisten persönlich zu sprechen. So viele lassen sich höchst selten blicken, vielleicht mal, wenn FDP-Chef Christian Lindner vorbeischaut oder ein hohes Tier aus der CDU.

Der 28-Jährige setzt sich an seinen Platz am Kopfende des Tisches, vor ihm ragen unzählige Mikrofone wie ein bunter Blumenstrauss in die Höhe. Kühnert legt gleich los mit seiner Kritik an der Grossen Koalition. Grundtenor: Das Sondierungspapier zwischen Union und SPD ist Kühnert zu wenig links, zu wenig sozial, zu wenig sozialdemokratisch. «Es sind schwierige Zeiten für die SPD», sagt er einmal, «aber gute Zeiten, um über linke Politik in Deutschland zu diskutieren.»

Landesverband sagt Nein zu GroKo

Kühnerts direkter Gegenspieler ist niemand Geringerer als der Chef der Sozialdemokraten, Martin Schulz. Nicht, dass Kühnert grundsätzlich etwas gegen den 62-Jährigen hätte – im Gegenteil, wie er gerne betont. Aber es ist nun einmal Fakt: Triumphieren die Jusos am nächsten Sonntag beim Bundesparteitag der SPD in Bonn und verwerfen die Delegierten den Groko-Kurs, hat nicht nur Deutschland ein Problem, sondern der SPD-Chef ganz persönlich. Ein Nein der Delegierten zu Koalitionsgesprächen mit der Union, und der ohnehin nicht mehr unumstrittene Schulz müsste sich eine neue Aufgabe suchen. Als Parteichef der SPD wäre es mit ihm vorbei.

Dass sich die Jusos gegen die SPD auflehnen, das gehört zum Rebellischen, das eine Jungpartei ausstrahlen muss, um sich Gehör zu verschaffen. Allerdings haben die Jungsozialisten dieses Mal reelle Chancen auf Erfolg. Die Skepsis der Delegierten und der einfachen Basis gegen ein abermaliges Bündnis mit der Union ist gewaltig.

Das wurde am Abend der Bundestagswahlen im letzten September deutlich, das wurde Anfang Dezember noch einmal klar, als die SPD ihren Parteitag in Berlin ausgetragen hatte. Und das wurde nun wieder übers Wochenende spürbar, als sich führende Genossen skeptisch zu Wort gemeldet und Nachbesserungen der Vereinbarungen gefordert haben. Der Landesverband in Sachsen-Anhalt stimmte am Samstag sogar hauchdünn gegen die GroKo, obschon Vizekanzler Sigmar Gabriel extra vor Ort gekommen war, um die Basis zu einem Ja zu bewegen.

Eine grosse politische Karriere?

Die Angst der Sozialdemokraten, in einer neuen Regierung mit Angela Merkel abermals zermalmt zu werden, ist nachvollziehbar. Das nun vorliegende Sondierungspapier ist nach Ansicht vieler ein zu schmerzhafter Kompromiss, der die Gefahr birgt, dass die Wähler der SPD in noch grösserer Masse den Rücken zuwenden werden.

600 Delegierte werden in Bonn über den weiteren Weg der SPD abstimmen. Zu vermuten ist, dass sich eine Mehrheit finden lässt, die der Parteispitze grünes Licht für Koalitionsverhandlungen gibt. Am Ende entscheidet so oder so die Basis. Über 400 000 SPD-Mitglieder dürfen in einer Briefwahl Ja oder Nein zu einem Regierungsbündnis mit der Union sagen. Wenn am Ende also doch wieder die GroKo steht, wird Juso-Chef Kühnert das Votum schlucken müssen, unbequem bleiben und für die Erneuerung der angeschlagenen Partei kämpfen will er aber weiterhin.

Auf die Frage, wo er sich in 15 oder 20 Jahren einmal sehe, antwortete Kühnert amüsiert und ausweichend. Er stehe einer politischen Jugendorganisation nicht deshalb vor, um sich zu profilieren und eine Karriere auf den Weg zu bringen. Doch so wie sich der 28-Jährige derzeit präsentiert, prophezeit man ihm eine grosse politische Karriere. Vorbilder hat er genug. Altkanzler Gerhard Schröder, der aktuelle Aussenminister Sigmar Gabriel, Justizminister Heiko Maas – sie alle waren bei der Juso einmal dick im Geschäft. Wie übrigens auch Martin Schulz.