US-Präsidentschaftswahlen

Bernie Sanders – ein amerikanischer Sozialist

Überraschender Aufstieg als demokratischer Kandidat: Bernie Sanders.Reuters

Überraschender Aufstieg als demokratischer Kandidat: Bernie Sanders.Reuters

Der linke Bernie Sanders will US-Präsident werden – und rückt Hillary Clinton auf die Pelle. Mit seinem Klassenkampf stösst er mittlerweile sogar im kapitalistischen Amerika auf offene Ohren.

Bernie Sanders ist früh dran. Als der Präsidentschaftskandidat der Demokraten an diesem sommerlich warmen Herbstabend auf einem Messegelände in der Agglomeration von Washington eintrifft, läuft auf der Bühne noch das Vorprogramm. Also vertritt sich der 74-jährige Senator hinter einer Zuschauertribüne die Beine, spricht mit seiner Gattin Jane und begrüsst einige Zaungäste per Handschlag. Ein Sicherheitsmann beobachtet die Szenerie.

Bernie Sanders ist eben anders. Er hat, auch nach einer vier Jahrzehnte langen politischen Karriere wenig gemein mit der Armada von aalglatten Politikern, die sich in der Hauptstadt tummeln. Das beginnt schon bei der Selbstbeschreibung. Sanders sagt von sich, er sei «kein Kapitalist», sondern ein «demokratischer Sozialist» – ein linker Politiker, der über den Wohlfahrtsstaat skandinavischen Zuschnitts schwärmt und zur Finanzierung neuer Sozialausgaben nötigenfalls auch die Steuern erhöhen will.

Während seines Wahlkampfauftrittes in Manassas (Virginia), eine Autostunde vom Weissen Haus in Washington entfernt, erklärt Sanders mit heiserer Stimme, was dies in der Praxis bedeuten würde. «Kein Präsident kann Amerika verändern, wenn er nicht an der Spitze einer politischen Revolution steht», sagt er den versammelten «Brüdern und Schwestern». Die herrschende Klasse aber werde mit aller Macht verhindern, dass es so weit komme. «Sie hetzen die einzelnen Bevölkerungsgruppen gegeneinander auf», sagt Sanders – weil sie Angst um ihre Besitzstände habe. Amerika aber «ist die wohlhabendste Nation auf dieser Erde.» Davon müsse endlich die gesamte Bevölkerung profitieren. Und das gehe halt nur, wenn die oberen Zehntausend ihren Teil dazu beitragen würden. Dann sagt Sanders: Die sechs Erben des Wal-Mart-Gründers Sam Walton hätten zusammengenommen ein grösseres Vermögen (rund 136 Milliarden Dollar) als 49 Millionen US-Familien, die sich am unteren Ende der amerikanischen Vermögenspyramide befänden. «Das ist schlicht falsch.»

Authentisch und unabhängig

Das Erstaunliche an dieser klassenkämpferischen Botschaft: Sie stösst auf offene Ohren, selbst im durch und durch kapitalistischen Amerika. 26 Millionen Dollar sammelte Sanders im vergangenen Quartal an Wahlkampfspenden, nur gerade 2 Millionen Dollar weniger als Clinton. Meinungsumfragen zeigen, dass Sanders unter Anhängern der Demokratischen Partei, der er nach wie vor nicht angehört, enorm Boden gutgemacht hat. In den wichtigen Vorwahlstaaten Iowa und New Hampshire ist er Clinton entweder dicht auf den Fersen, oder er hat sie bereits überholt. Seine Anhänger sagen, er sei authentisch und habe in seiner Amtszeit als Stadtpräsident von Burlington (1981–1989), als einziger Abgeordneter Vermonts im Repräsentantenhaus (1991–2007) und als Senator (seit 2007) bewiesen, dass er für die Interessen des sprichwörtlichen kleinen Mannes einstehe.

An diesem Herbstabend sind auffallend viele junge Menschen im Publikum – Überbleibsel der Armee von Wahlkämpfern, die 2008 für Barack Obama in die Schlacht zogen, dem Präsidenten aber enttäuscht über dessen Bilanz den Rücken zukehrten.

Sanders lehnte es bisher ab, seine Konkurrentin Hillary Clinton offen zu attackieren. Dieses Spielchen der Medien, die von Grosskapitalisten gelenkt würden, spiele er nicht. Je näher aber der Beginn der Vorwahlsaison kommt, die am 1. Februar 2016 in Iowa eröffnet wird, desto schwerer wird es dem verschrobenen Senator fallen, dieses Versprechen einzuhalten.

Bis es aber so weit ist und Sanders in die Tiefen des Wahlkampfs gezogen wird, geniesst der 74-Jährige seinen überraschenden Aufstieg an die Spitze des Feldes der Demokraten. Als er sich nach einer Stunde von seinen Anhängern in Manassas verabschiedet, dröhnt Neil Youngs kämpferisches Lied «Rockin’ in a Free World» aus den Lautsprechern – dasselbe Lied notabene, das auch zu hören war, als der Republikaner Donald Trump im Juni seine Präsidentschaftskandidatur bekannt gab.

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