Italien

Berlusconi: Wohin mit einer Ex-Geliebten?

Silvio Berlusconi will zurück an die Macht. Dafür muss er sich von «Altlasten» trennen. Nicole Minetti ist zutiefst in die Affären Berlusconis involviert. Seit Tagen wird sie bedrängt, ihr Mandat im Regionalparlament aufzugeben.

Nicole Minetti gibt sich gelassen. «Ich sehe mich nicht als Märtyrerin», erklärte die 26-Jährige am Rande einer Schmuckpräsentation. Allerdings fühle sie sich etwas «wie unter Beschuss genommen», sagte die lombardische Parteikoordinatorin der Berlusconi-Partei Popolo della Libertà. Seit Tagen wird Minetti von Parteichef Angelino Alfano, Adlatus und früherer Justizminister Silvio Berlusconis, bedrängt, ihr Mandat im Regionalparlament sowie die Parteifunktion aufzugeben. Nun hatte sie auch der Cavaliere selbst in seine Privatvilla San Martino in Arcore bei Mailand einbestellt. Ob Berlusconi ebenfalls ihren Rücktritt fordere? Minetti schweigt. Sie werde keine Erklärungen oder Kommentare abgeben, teilte sie der Öffentlichkeit mit. Vor Tagen hiess es noch, sie bleibe auf jeden Fall in ihren Ämtern.

Bunga-Bunga-Partys organisiert

Was drängt den 75-jährigen Medienmogul und Ex-Premier, sich von der jungen Dame zu trennen, mit der er einst manche schöne Stunde geteilt hatte? Er, der sie doch gerade wegen ihres Aussehens in die Ämter lanciert hatte? Nicole Minetti ist zutiefst in die Affären Berlusconis involviert. Die frühere Zahntechnikerin, dann Showgirl, dann selbst Gespielin des Cavaliere, war massgeblich an der Organisation der «Bunga-Bunga-Feiern» in ebenjener Villa in Arcore beteiligt. Minetti holte im Mai 2010 Karima el-Mahroug, besser bekannt als Ruby Rubicuore, aus dem Polizeigewahrsam, deklarierte sie als «Mubaraks Nichte». Sie wusste auch, dass Ruby zum Zeitpunkt der ersten Treffen mit Berlusconi noch minderjährig war, dafür steht sie nun in Mailand vor Gericht: In einem abgetrennten Verfahren wird gegen Minetti, den Ex-Fernsehdirektor Emilio Fede sowie gegen den VIP-Manager Lele Mora wegen «Prostitution Minderjähriger» verhandelt. Das Hauptverfahren läuft gegen Berlusconi selbst.

Wie viel kostet das Schweigen?

Der will sich zu den Wahlen erneut als Spitzenkandidat für das Amt des Regierungschefs aufstellen lassen und vorher «moralisch reinigen». Dazu gehört, sich von solchen «Altlasten» zu trennen, seien sie noch so jung und schön, wie Minetti oder auch die ehemalige Gleichstellungsministerin Mara Garfagna. Fraglich bleibt, wie es Berlusconi und Alfano anstellen wollen. Ein Rauswurf könnte Minetti zum Plaudern veranlassen, was da alles ans Licht der Öffentlichkeit dringen würde, könnte die politische Wiederbelebung tüchtig vereiteln. Wie hoch ist der Preis, der den hübschen Mund Nicoles verschliesst?

Dell’Utri bekommt 40 Millionen

In einem anderen Fall wurde die Höhe der Summe bekannt: 40 Millionen Euro (48 Millionen Franken) sollen zwischen Silvio Berlusconi und seinem Intimfreund, Förderer und quasi Mitbegründer der Partei Forza Italia, Senator Marcello Dell’Utri, geflossen sein. Schweigegeld, wie es die Staatsanwaltschaft von Palermo bezeichnet. Denn in mehreren Gerichtsverfahren wurde Dell’Utri (und daneben Berlusconi) beschuldigt, mithilfe der sizilianischen Cosa Nostra die rechte Partei Forza Italia gegründet und sie bei den Wahlen 1994 zum Sieg geführt zu haben. In geheimen Absprachen hatten im Vorfeld der Wahlen – und zum Ende der ersten Republik – die Mafiabosse Salvatore «Toto» Riina und Bernardo Provenzano zugesagt, Anschläge auf Einrichtungen des Staates zu unterbinden, eine Atmosphäre der Ruhe zu schaffen, die es dem Cavaliere ermöglichte, sich als politisch stabilisierenden Faktor zu präsentieren.

Zwar hatte das Oberste Kassationsgericht im April dieses Jahres ein entsprechendes Urteil gegen Dell’Utri aufgehoben und zur Neuverhandlung an das Appellationsgericht in Palermo zurückverwiesen. Doch hatte gerade dieses in dem nun in dieser Woche neu begonnenen Verfahren den Geldfluss von 40 Millionen Euro verfolgt. Merkwürdig mag anmuten, dass der Prozess gegen Dell’Utri – zu dem sowohl Silvio als auch dessen Tochter Marina Berlusconi als Zeugen vernommen wurden – zu einem Zeitpunkt beginnt, da sich der Cavaliere auf seine Wurzeln und den Parteinamen Forza Italia zurückbesinnen will. Wie er jedoch seinen Partner – der bereits seit den Sechziger-jahren des vorigen Jahrhunderts an seiner Seite agiert – zu den Altlasten sortieren wird, bleibt der Erfindungskraft Berlusconis und seines inneren Zirkels überlassen. Schweigen kostet.

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