Silvio Berlusconi feiert sein Comeback. Wie erklären Sie sich das?

Marina Cattaruzza*: Zu Beginn der Wahlkampagne hätte kaum jemand auf Berlusconi gesetzt. Er schien politisch erledigt. Allerdings ist er wie ein Phönix aus der Asche aufgestiegen. Als grosser Kommunikator und Manipulator konnte er manche Wähler mit den unwahrscheinlichsten Versprechen überzeugen, etwa einer Rückerstattung der von der Regierung Monti eingeführten Immobiliensteuer. Für mich ist das schwer nachvollziehbar, denn während seiner vergangenen Amtszeiten hatte er mehrfach die Möglichkeit, Sektoren der italienischen Gesellschaft zu liberalisieren. Er liess die Chance ungenutzt. Reformen hat er nicht durchgesetzt.

Marina Cattaruzza ist Professorin für Neueste Geschichte in Bern mit dem Spezialgebiet Italien vom 19. bis 21. Jahrhundert.

Italien-Expertin

Marina Cattaruzza ist Professorin für Neueste Geschichte in Bern mit dem Spezialgebiet Italien vom 19. bis 21. Jahrhundert.

Ein erstinstanzlich verurteilter Steuerhinterzieher und wegen Förderung der Prostitution Angeklagter mischt wieder vorne mit.

Das steht für die Wähler nicht im Vordergrund. Die Prozesse und Urteile gegen Berlusconi sind zum Teil umstritten. Berlusconis Klagen, von einem Teil der Richterschaft verfolgt zu werden, kommen bei den Wählern manchmal nicht nur unberechtigterweise an.

Bei Nachwählerbefragungen gab offenbar mancher Berlusconi-Wähler an, nicht für ihn gestimmt zu haben. Schämten sie sich dafür?

Das passierte nicht zum ersten Mal. Doch Berlusconi ist nur ein Symptom, nicht die Ursache der allgemeinen Krise, in der Italien steckt und die sich in der Politikverdrossenheit manifestiert.

Die zeigt sich auch im Zulauf für die Protestbewegung des Polit-Clowns Beppe Grillo.

Diese Politikverdrossenheit zeigt sich in einem Misstrauen gegenüber den etablierten Parteien. Beppe Grillo hat nicht einmal ein politisches Programm. Einzig der Protest trägt ihn. Gaben die einen Grillo ihre Stimmen, gingen die anderen gar nicht erst wählen. Die Politikverdrossenen waren bei diesen Wahlen in der Mehrheit. Dies zeigt, wie verbreitet die Hoffnungslosigkeit ist.

Ebnete nicht ein ähnlich um sich greifendes Misstrauen Berlusconi in den frühen Neunzigern den Einstieg in die Politik?

Die Hoffnungen, die ein Teil der Wähler in den Neunzigern in Berlusconi hatte, haben sich auf Beppe Grillo und seine Protestbewegung «Fünf Sterne» übertragen.

Der Grund aber war damals ein anderer: die korrupten Parteien, das Vakuum, das die aufgeflogenen Politiker der christdemokratischen Partei hinterliessen.

Die Parteien sind heute so korrupt wie in den Neunzigern. Das decken italienische Medien tagtäglich auf. Und Bereicherung aus den öffentlichen Kassen findet nicht allein auf nationaler Ebene, sondern auch auf regionaler statt. War es in den Neunzigern vor allem eine politische Krise, so kommt heute eine schwere, wirtschaftliche hinzu.

Die provisorischen Wahlresultate lassen auf ein Patt zwischen den Lagern von Pier Luigi Bersani und Berlusconi schliessen. Was bedeutet das für Ihr Heimatland?

Nichts Gutes: Italien stand vor dem Abgrund, als Mario Monti Silvio Berlusconi 2011 ablöste. Heuer ruhten die Hoffnungen in einer Koalition zwischen dem Bersani-Lager und Mario Monti. Doch im Senat kommen die beiden auf keine Mehrheit.

In der Abgeordnetenkammer dürfte es Bersanis Koalition für eine Mehrheit reichen.

Doch dort befürchte ich eine Delegitimierung der Wahlsieger.

Wie meinen Sie das?

Nun wird eintreten, wovor viele gewarnt haben: Wegen des von der Regierung Berlusconi eingeführten Wahlgesetzes wird die siegreiche Mitte-Links-Koalition mit 31 Prozent Wähleranteil eine Mehrheit der Abgeordnetensitze stellen, viel Macht für eine Partei, die mit einem solchen knappen Resultat siegt. Im Senat aber sieht es nach einer knappen Mehrheit für die Mitte-Rechts-Koalition aus.

Alles andere als eine stabile Regierung.

Es muss den Italienern zu denken geben. Das Land kann sich eine solche Situation nicht leisten.

*Marina Cattaruzza ist Professorin für Neueste Geschichte in Bern mit dem Spezialgebiet Italien vom 19. bis 21. Jahrhundert.