Widerspruch

Berliner Wissenschafter kontern Kritik an SRG-Studie

Eine Studie zeigt: Die von Generaldirektor Roger de Weck geführte SRG berichtet weniger über Politik als ARD und ZDF.

Eine Studie zeigt: Die von Generaldirektor Roger de Weck geführte SRG berichtet weniger über Politik als ARD und ZDF.

TV Forscher haben herausgefunden, dass die SRG-Kanäle deutlich weniger über Politik berichten als ARD und ZDF. Das sorgt für Unmut. Zu Recht?

Für ihre Studie mussten Forscher der Freien Universität (FU) Berlin diese Woche ordentlich Kritik einstecken. Eine Gruppe Kommunikationswissenschafter aus der deutschen Hauptstadt hat herausgefunden, dass die öffentlich-rechtlichen TV-Sender in der Schweiz teilweise nur halb so oft über Politik berichten wie ihre Pendants ARD und ZDF in Deutschland. Im Mai haben die Autoren den Befund in einem Wissenschaftsmagazin publiziert, diesen Montag berichteten die «Nordwestschweiz» und zahlreiche andere Schweizer Medien über die Ergebnisse.

Universität verteidigt Befunde

Die SRG kritisierte umgehend, die Betrachtungsperiode von einer Woche sei eine «schmale Grundlage für allgemeine Schlüsse über die politische Berichterstattung».

Rainer Stadler, Medienkritiker bei der «Neuen Zürcher Zeitung», fragte sich in einer Online-Kolumne, weshalb die deutschen Wissenschafter ihre Studie auf einer TV-Programmanalyse aus dem Jahr 2013 basieren, obwohl es mittlerweile neuere Daten aus dem Jahr 2015 gebe: «Es ist recht auffällig, dass die aktuelleren Daten – aus Unwissen? – nicht verwendet wurden.»

Auf beide Kritikpunkte gibt es einfache Antworten, wie eine Nachfrage bei der deutschen Kommunikationswissenschafterin Janine Greyer in Berlin zeigt. «Als Wissenschafter haben wir kein Interesse daran, alte Daten zu verwenden», erklärt Greyer. Oft seien neue Daten jedoch nicht rechtzeitig verfügbar: Zwischen Erstellung und Publikation eines wissenschaftlichen Artikels vergehe in der Regel «sehr viel Zeit».

Nicht nur die Konzeption, Datenerhebung und Auswertung dauerten lange: Bevor der Artikel in einer wissenschaftlichen Publikation erscheinen könne, müsse der Text von verschiedenen Gutachtern gelesen werden. Dieser «Reviewprozess» nehme bis zu ein Jahr in Anspruch. Ein aktualisierter Vergleich zwischen der Politikberichterstattung beim deutschen und beim Schweizer Fernsehen, wie ihn sich Medienkritiker Stadler wünscht, sei nicht ohne weiteres möglich. Dafür «müsste man zuerst die neuen Daten durchrechnen».

Auch Joachim Trebbe, Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin, hält es für unproblematisch, dass beim Verfassen der SRG-Studie keine neueren Daten verfügbar waren. Bei der Studie handle es sich um Grundlagenforschung zu strukturellen Unterschieden zwischen der Schweiz und Deutschland – dafür seien keine aktuellen Daten notwendig. Ohnehin lägen mittlerweile mehrere Ein-Wochen-Stichproben zum Programm der SRG vor. Diese Zeitreihe liefere «sehr stabile und auch konstante Raten für die Politikberichterstattung».

Im Zweifel eine Eigenanalyse

«NZZ»-Medienkritiker Rainer Stadler schreibt auf Anfrage in einem E-Mail: «Mir als Journalist ist die eigenständige Analyse von aktuellen Daten, die es ja gibt, wichtiger als das Referieren von Grundlagenforschung mit älteren Daten.»

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