Ukraine

Bereits mehrere Tote: In Kiev ist die Situation ausser Kontrolle

Der Sturm der Sicherheitskräfte forderte bislang 200 Verletzte und mehrere Tote. Sergei Chuzavkov/KEY

Der Sturm der Sicherheitskräfte forderte bislang 200 Verletzte und mehrere Tote. Sergei Chuzavkov/KEY

Mindestens fünf Menschen kamen bei den Protesten in der Ukraine bereits ums Leben. Zudem wurden in einem Wald bei Kiev zwei Leichen mit Folterspuren gefunden. Die Demonstranten befürchten, dass die Polizei den zentralen Majdan-Platz am Abend stürmt.

Rauchsäulen steigen über dem Kiewer Majdan auf. Ein oppositionelles Internetfernsehen zeigt Scharfschützen auf den Dächern hoch über dem Unabhängigkeitsplatz. Unweit davon sollen erste Schützenpanzer aufgefahren sein. Gestern um 16 Uhr Ortszeit schlossen alle Geschäfte auf der nahen Einkaufsmeile Chreschtschatik. Auf dem Majdan erwarteten Tausende hinter Barrikaden gebannt den letzten Sturm der Sicherheitskräfte.

Tote mit Schusswunden

Diese hatten in den frühen Morgenstunden erstmals die Barrikade aus ausgebrannten Polizeibussen wenige hundert Meter entfernt direkt angegriffen. Sie hatten damit bis zum Inkrafttreten der neuen Knebel-Gesetze nach Mitternacht gewartet. Bei den Kämpfen zwischen radikalen Protestierenden und der gefürchteten Sondereinheit «Berkut» (Steinadler) kamen mindestens fünf Menschen ums Leben. Das sagte der Koordinator des medizinischen Dienstes der Regierungsgegner in Kiew, Oleg Mussi.

Eine offizielle Bestätigung gab es dafür nicht. Zudem seien in einem Wald bei Kiew zwei Leichen mit Folterspuren gefunden worden, wie ukrainische Medien berichteten.

Auch am Mittwoch gehen die Strassenschlachten in Kiev mit unveränderter Härte weiter - Bereits fünf Tote

Unter dem Eindruck der dramatischen Zuspitzung der Lage traf Präsident Wiktor Janukowitsch am Nachmittag Oppositionsführer, darunter Witali Klitschko. Noch am Vormittag hatte Premierminister Mykola Asarow der Opposition die Schuld an den ersten Todesopfern in die Schule geschoben. «Die Verantwortung für die Opfer, die es leider gibt, liegt bei den Organisatoren und Teilnehmern der Massenunruhen», sagte Asarow.

Gleichzeitig bezeichnete er alle Demonstranten als «Terroristen». Die Opposition sprach von gezielten Erschiessungen.

Die Polizei versucht die Protestierenden in Kiev vom Majdan-Platz zu vertreiben

Sogar Notärzte verprügelt

Bis gestern Abend wurden erneut mindestens 300 Demonstranten teils schwer verletzt. Notärzte operierten Kugeln aus manchen Körpern. Laut dem Internetfernsehen espreso.tv wurden vor dem Parlament zwanzig mit dem Rotkreuzzeichen markierte Notärzte von den Sicherheitskräften verprügelt. Laut «Reporter ohne Grenzen» sind seit Sonntag 37 Journalisten verletzt worden. Viele von ihnen seien gezielt von den Sicherheitskräften angegriffen worden.

Gewalt nützt Moskau

Beobachter in Kiew wiesen darauf hin, dass eine Gewaltlösung am ehesten Moskau zupass kommt. Noch vor wenigen Tagen hatte Asarow betont, die Ukraine habe sich noch nicht definitiv zwischen einer EU-Assoziation und dem Beitritt zur von Moskau dominierten Zollunion zwischen Russland, Weissrussland und Kasachstan entschieden.

Janukowitsch hatte sich im Dezember mit Putin auf eine engere Zusammenarbeit mit Moskau verständigt und dafür unter anderem einen 15-Milliarden-Dollarkredit erhalten. Doch schien es bisher, Kiew unternehme alles, um zur alten Schaukelpolitik zwischen West und Ost zurückzukehren. Mit Moskauer Rückendeckung erlaubte sich Janukowitsch eine gegen die europäischen Werte gerichtete massive Einschränkung der Bürgerrechte. Damit ist auch die friedliche Zeltstadt auf dem Majdan nicht mehr legal.

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