Auf den ersten Blick sieht Ben Carson verschlafen aus. Verantwortlich dafür sind seine verquollenen, wässerigen Augen. Das bedächtige Auftreten des Afroamerikaners verstärkt den Eindruck. Carson strahlt eine Ruhe aus, die wenig gemein hat mit dem krachenden Auftreten eines typischen Präsidentschaftskandidaten. Dann aber beginnt der Republikaner zu sprechen, leise, bestimmt. Und mit einem Schlag zieht der Afroamerikaner die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf sich – so auch an diesem Herbstnachmittag in einem konservativen Landstrich Amerikas. Das vorwiegend weisse Publikum, das in einer Baptisten-Kirche in Winston-Salem dem Stargast einen warmen Empfang bereitete, lauscht mucksmäuschenstill.

Die Faszination, die von Carson ausgeht, lässt sich mit der Lebensgeschichte des 64-jährigen Neurochirurgen erklären: mit seinem bewundernswerten Aufstieg aus den Armenvierteln von Detroit an die Spitze der medizinischen Zunft Amerikas. Sie lässt sich aber auch damit erklären, dass Carson den spätberufenen Anti-Politiker gibt. Ein Mann, der sich erst seit wenigen Jahren zu umstrittenen politischen Themen äussert, und mit seinen kontroversen Stellungnahmen derart viele Anhänger gewinnt, dass seine Kampagne für die Nomination zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner einem Selbstläufer gleichkommt.

Medizinische Wunder vollbracht

Carson sagt, er habe sich eigentlich auf seinen Lorbeeren ausruhen wollen. Und selbst Amerikaner, die mit dem Republikaner das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben, finden: Das hätte er sich verdient. Denn als Chirurg am renommierten Johns Hopkins Hospital in Baltimore (Maryland) vollbrachte Carson 30 Jahre lang medizinische Wunder. 1987 trennte er erfolgreich die am Hinterkopf zusammengewachsenen Zwillinge Patrick und Benjamin Binder aus Deutschland – die als erste Siamesische Zwillinge eine solche Operation überlebten. 15 000 Eingriffe will Carson vorgenommen haben, an der Spitze eines Teams, das bis zu 70 Ärzte und Pfleger zählte, und nicht alle Operationen endeten erfolgreich. Aber immer bewahrte der Mann mit den «begnadeten Händen» – so nannte er seine Autobiografie – seine Ruhe. Und nie verlor er den Kopf, auch als er weltberühmt wurde und gar im Zentrum eines kitschigen Filmes stand und durch den Oscar-Gewinner Cuba Gooding Jr. verkörpert wurde. Fast nebenher wurde Carson dabei zum Millionär, dank erfolgreichen Büchern, Vorträgen über sein Leben und einigen lukrativen Verwaltungsratsmandaten.

«Ich hasse die politische Korrektheit»

Carson bezeichnete sich in dieser Zeitspanne wechselweise als Republikaner oder als Unabhängiger. Mit politischen Stellungnahmen hielt er sich zurück. Dies änderte sich erst 2013, als er als GastRedner an einer religiösen Veranstaltung in
Washington auftrat – und den ebenfalls anwesenden Präsidenten Barack Obama mit harscher Kritik überzog. «Es ist nicht meine Absicht, jemanden zu verletzen», sagte Carson. «Aber es ist schwer, dies nicht zu tun.» Denn heutzutage werde jede Aussage auf ihre politische Korrektheit überprüft. Und so ging es munter weiter: Carson teilte aus, gegen das Weisse Haus und die Berufspolitiker in Washington und gegen den Verfall der Sitten. Carson warf mit seiner Rede derart grosse Wogen, dass das «Wall Street Journal» einige Tage später einen Kommentar mit dem Titel «Ben Carson for President» veröffentlichte.

Diesem Leitmotiv – Washington schlecht, konservative Wertvorstellungen gut – ist Ben Carson seither treu geblieben. «Ich hasse die politische Korrektheit», sagt er in der BaptistenKirche. «Das ist der wichtigste Grund, warum ich für die Präsidentschaft kandidiere.» Dann spricht er über seine Mutter Sonya, die ihn stets gefördert hatte – obwohl sie eine Analphabetin war –, die Tendenz im amerikanischen Politbetrieb, einzelne Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen, und über seinen Glauben. Carson ist Mitglied der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten und er sagt: «Wir müssen die laizistischen Progressiven, die über unser Leben herrschen wollen, zurückweisen, denn sie wollen Gott aus unserem Leben vertreiben.»

Das ist eine Botschaft, die nicht nur in dieser konservativen Baptisten-Kirche auf Anklang stösst. Mehr als 600 000 Amerikaner haben Carson bereits Geld für seine Präsidentschaftskampagne gespendet. Allein im dritten Quartal sammelte der Republikaner 20,8 Millionen Dollar an Spendengeldern, mehr als sämtliche Parteikollegen. Interessant daran ist: Je kontroverser die Äusserungen Carsons ausfallen, desto reichlicher fliesst das Geld. Egal, ob der Kandidat die US-Regierung mit Nazi-Deutschland vergleicht oder darüber schwadroniert, dass die Juden im Dritten Reich sich gegen den Massenmord hätten wehren können, wären sie bewaffnet gewesen – Carson behält Oberwasser.

Und der Präsidentschaftskandidat scheint sich darüber nicht zu wundern. Stattdessen lächelt er sein gütiges Lächeln, als befände er sich auf einer Mission.