Trotz tagelanger Luftangriffe der Allierten haben die Truppen des libyschen Machthabers Muammar al- Gaddafi den Aufständischen in der drittgrössten Stadt Misrata schwere Verluste zugefügt. Dagegen machten die Rebellen nach eigenen Angaben bei Adschdabija Boden gut.

Panzer regierungstreuer Truppen rückten in der Nacht zum Donnerstag Einwohnern und Rebellen zufolge erneut in Misrata ein. 16 Menschen seien von Scharfschützen getötet worden. Gaddafis Einheiten schossen aus Panzern auf das Viertel um das Zentralspital, wie ein Arzt berichtete. Auch aus der Hauptstadt Tripolis wurden weitere Kämpfe gemeldet.

In der Stadt Adschdabija im Osten des Landes machten die Aufständischen nach eigenen Angaben etwas Boden gut. Sie kontrollierten den südlichen Zugang zur Stadt, wie die libysche Oppositions-Webseite «Libya al-Youm» berichtete. Die anderen Ortseingänge seien weiter unter Kontrolle der Regimetruppen.

Die Frontlinie trennt den von den Regimegegnern gehaltenen Osten des Landes vom Rest, der bis auf einige, stark unter Druck stehende Oppositions-Enklaven von Gaddafi kontrolliert wird.

Lufteinsatz ausgedehnt

Die Kampfjets aus Frankreich, Grossbritannien und den USA weiteten ihre Einsatzzone nach Süden aus. Nach Angaben aus libyschen Sicherheitskreisen bombardierten die Flieger unter anderem mehrere Ziele in der Stadt Sebha, rund 1000 Kilometer südlich von Tripolis.

Auch ein Militärflughafen in Al-Dschufra, 800 Kilometer südlich der Hauptstadt, geriet unter Beschuss. Andere alliierte Kampfbomber zerstörten Artillerie, Panzer und abgestellte Helikopter der libyschen Luftwaffe. Auch Ziele östlich Tripolis wurden unter Beschuss genommen, beispielsweise ein Militärstützpunkt im Vorort Tadschura.

Ein französischer Rafale-Kampfjet zerstörte nahe Misrata ein libysches Militärflugzeug kurz nach der Landung. Die französischen Streitkräfte bestätigten entsprechende US-Berichte.

NATO übernimmt Kommando

Nach tagelangen Diskussionen einigten sich unterdessen die NATO- Staaten nach Angaben des Mitgliedslandes Türkei auf die Übernahme des Kommandos beim Militäreinsatz in Libyen.

Die NATO werde innerhalb von ein bis zwei Tagen die Führung übernehmen, sagte der türkische Aussenminister Ahmet Davutoglu am Donnerstag. «Die Operation wird komplett an die NATO abgegeben», ergänzte Davutoglu.

Diplomaten zufolge war vor allem die Türkei dagegen, dass das Bündnis das Kommando übernimmt. Die USA wollen wegen ihres Engagements im Irak und in Afghanistan die militärische Führung des Einsatzes rasch abgeben.

Streit über Berichte

Die NATO begann bereits mit dem Aufbau einer Seeblockade vor der libyschen Küste. Nach Angaben des Kommandanten, des italienischen Vize-Admirals Rinaldo Veri, sei die Blockade bereits wirksam. Veri sagte in Neapel, es sei sehr unwahrscheinlich, dass Söldner oder Waffen illegal über den Seeweg nach Libyen gelangen könnten.

Libysche Staatsmedien meldeten, bei den Luftangriffen der Allianz in Tadschura seien auch zivile Ziele bombardiert worden. Das Fernsehen zeigte Bilder von Leichen, die zum Teil verkohlt waren. Oppositionelle bestritten, dass es sich dabei um die Leichen von Zivilisten handelt, die bei den Luftangriffen ums Leben gekommen seien. Eine objektive Überprüfung der Angaben blieb schwierig.

Unhaltbare Zustände im Kriegsgebiet

Inzwischen gibt es immer mehr Berichte über die Leiden der Zivilisten in den betroffenen Gebieten. Der britische Aussenminister William Hague sprach vor dem Parlament in London von brutalen Übergriffen libyscher Militärs auf Zivilisten. «Das entlarvt die Beteuerungen des Regimes, eine Waffenruhe angeordnet zu haben, als völligen Schwindel.»

Das Internationale Rote Kreuz sprach von schlimmen Berichten, die die Organistion erreichten. «Den Zivilisten in den Kriegszonen bleibt keine Atempause», sagten Vertreter in Genf. Auch die Ärzte kämpften unter widrigsten Umständen um das Leben der Verletzten. Das IKRK forderte den ungehinderten Zugang der Hilfsorganisationen zu den Verletzten.

Eine Gruppe von UNO-Experten kritisierten zudem in Genf, Hunderte von Menschen seien in den letzten Wochen in Libyen von den Behörden an unbekannte Orte verschleppt worden. Das systematische Verschwindenlassen von Menschen sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Vertreter des Regimes von Machthaber Muammar al Gaddafi sowie der libyschen Opposition werden nach Angaben von UNO-Generalksekretär Ban Ki Moon am Freitag an einem Treffen der Afrikanischen Union (AU) in Äthiopien teilnehmen.

Kommt es in Addis Abeba zu einer Lösung?

Die Zusammenkunft in Addis Abeba sei Bestandteil der Bemühungen einen Waffenstillstand in Libyen zu erreichen sowie eine politische Lösung, sagte Ban am Donnerstag vor dem Sicherheitsrat. Es gebe keinen Nachweis dafür, dass die Libyer wie behauptet, einen Waffenstillstand eingerichtet hätten, sagte Ban.

Sein Sondergesandter habe die Vertreter der Regierung Gaddafis gewarnt, dass der Rat «vorbereitet ist, zusätzliche Massnahmen zu ergreifen», falls man nicht die UNO-Resolution bezüglich eines Waffenstillstands respektiere, sagte der UNO-Generalsekretär.

Kommt jetzt Bewegung in die Nato? Das Bündnis wird nach den Worten des türkischen Aussenministers das Kommando über den Einsatz zur Durchsetzung des Flugverbots über Libyen übernehmen. Zuvor hatte das Parlament in Ankara einer Beteiligung der Türkei an einem militärischen Einsatz in Libyen zugestimmt.

«Unsere Forderungen zu Libyen wurden erfüllt, die Operation wird der NATO übergeben werden», wurde Ausseniminister Ahmet Davutoglu am Donnerstag vom Fernsehsender TRT zitiert. Die NATO braucht, um das Kommando über den Einsatz übernehmen zu können, die Zustimmung aller 28 NATO-Mitglieder. Die Türkei gehörte zu den Ländern, die da noch Bedenken hatten.

Er erklärte lediglich, Experten würden die von französischen Kampfflugzeugen angerichteten Schäden auswerten. Libyen verfügt über mindestens zwei Luftwaffenbasen im Hinterland. Die französische Luftwaffe hatte in den vergangenen 24 Stunden 30 Flugzeuge im libyschen Luftraum.

Ein französisches Kampfflugzeug hat nach einem Bericht des US-Senders ABC News offenbar einen libyschen Jet abgeschossen, als dieser die Flugverbotszone verletzt habe. Der Generalstab in Paris wollte den Abschuss allerdings nicht bestätigen.

Entscheidung der 28-Nato-Mitglieder steht weiter aus

Die Kommandos für die täglichen Einsätze sollen sich auf dem Nato-Stützpunkt in Neapel und auf dem Stützpunkt im norditalienischen Poggio Renatico befinden, wie der Nato-Diplomat der Nachrichtenagentur AFP in Brüssel sagte. Der Gesamteinsatz solle im militärischen Nato-Hauptquartier im belgischen Mons überwacht werden.

Während die militärischen Planungen für einen Nato-Einsatz zur Durchsetzung einer Flugverbotszone in Libyen voranschreiten, steht die politische Entscheidung der 28 Nato-Mitglieder weiter aus. Die Beratungen sollten heute in Brüssel fortgesetzt werden. Dem Diplomaten zufolge zeichnet sich jedoch ein Kompromiss ab, der es den Ländern, die den Libyen-Einsatz für falsch halten, erlauben würde, sich aus den Aktionen herauszuhalten.

Militärische und zivile Ziel getroffen

Während die USA bislang de facto die Führung der Militäraktion inne hatten, will US-Präsident Barack Obama diese nach Angaben von US-Beamten innerhalb der nächsten Tage abgeben. Dem Diplomaten zufolge wurden unterschiedliche Optionen geprüft, darunter die Abgabe des Führungskommandos an Frankreich und Grossbritannien sowie die Übergabe an Frankreich allein.

Einwohner berichteten, dass Gaddafi-Truppen den Hafen der Stadt eingenommen hätten. Zudem würden die Truppen die Gegend rund um das grösste Spital beschiessen. Scharfschützen sollen in der drittgrössten Stadt des Landes 16 Menschen erschossen haben.

Die westlichen Alliierten hatten ihre Luftangriffe die fünfte Nacht in Folge fortgesetzt. In Tripolis waren Explosionen zu hören, Flugabwehrfeuer erleuchtete den Himmel. Der stellvertretende Aussenminister Chaled Kaim sagte, Flugzeuge der Koalition hätten ein Treibstofflager getroffen. Eine Bestätigung dafür gab es nicht.

Im libyschen Staatsfernsehen hiess es, die Flugzeuge hätten Angriffe auf Tripolis und Dschafar südwestlich der Hauptstadt geflogen. Der Westen habe militärische und zivile Ziele angegriffen, hiess es. Dabei seien 18 Zivilisten und Armeeangehörige getötet worden.

Französisches Kampfflugzeug abgeschosse

Die Luftangriffe wurden auch auf den Süden des Landes ausgeweitet. Nach Angaben aus libyschen Sicherheitskreisen bombardierte die Allianz unter anderem mehrere Ziele in der Stadt Sebha, rund 1000 Kilometer südlich von Tripolis. Auch ein Militärflughafen in Al-Dschufra, 800 Kilometer südlich der Hauptstadt, geriet unter Beschuss.

Die libysche Internet-Zeitung "Al-Watan" meldete unterdessen, über Sirte, der Heimatstadt Gaddafis, sei am Mittwochabend ein französisches Kampfflugzeug abgeschossen worden. Der Pilot sei nun ein Gefangener der libyschen Armee. Für diese Nachricht gab es allerdings keine Bestätigung.

Verbot durchgesetzt

Durch den militärischen Einsatz konnte nach US-Angaben mittlerweile eine Flugverbotszone über dem nordafrikanischen Land eingerichtet werden. Damit soll verhindert werden, dass die Gaddafi-Truppen Luftangriffe auf die Bevölkerung fliegen. Laut US-Konteradmiral Gerard Hueber ist Gaddafis Luftwaffe nicht mehr einsatzfähig.

Die libysche Regierung bestreitet vehement, dass sie offensiv gegen die eigenen Landsleute vorgeht. Vielmehr würden die Regierungstruppen sich nur im Falle eines Angriffs selbst verteidigen.

Augenzeugen berichteten jedoch, auch in der Stadt Sintan südwestlich von Tripolis würden Gaddafi-Truppen Panzer und Soldaten zusammenziehen, um die von Rebellen besetzte Stadt zurückzuerobern. (Agenturen/sza)