Anfeindungen

«Behalte deinen Virus für dich»: Rassistische Sprüche gegen Asiaten wegen Corona in Frankreich

Chinesischer Tourist am Eiffelturm: In Paris greift die Angst vor dem Virus um sich.

Chinesischer Tourist am Eiffelturm: In Paris greift die Angst vor dem Virus um sich.

Immer mehr Menschen asiatischer Herkunft werden in Frankreich angefeindet. Die Medien berichten von vielen Beispielen.

Diskret zieht die Frau in der Pariser Vorortsbahn RER ihren Pullikragen hoch und bedeckt damit Mund und Nase. Der Grund dafür sitzt ihr im Abteil diagonal gegenüber: eine junge Asiatin mit einem grossen Reisekoffer. Auch ein junger Mann hält seine Atemorgane bedeckt. Die drei vermeiden jeden direkten Blickkontakt und schauen angestrengt auf ihr Handy. Aber allen ist klar, was in dem Abteil vorgeht: Zwei Passagiere haben offensichtlich Angst, von einer scheinbar weitgereisten Sitznachbarin mit dem Corona-Virus angesteckt zu werden.

Die kurze Filmsequenz stammt aus dem Twitterkonto #jenesuispasunvirus, zu Deutsch: «Ich bin kein Virus». Eingerichtet von einer jungen Chinesin, belegt und beklagt er die Widerstände, mit denen die Bevölkerung asiatischer Herkunft in Frankreich seit dem Aufkommen des Virus kämpft. Eine junge Frau namens Prisca schreibt, sie sei polnisch-vietnamesischer Herkunft und noch nie in China gewesen; wegen ihres fernöstlichen Aussehens werde sie aber von unten bis oben angestarrt, und oft legten die Leute dann ein Halstuch vor den Mund.

Diskriminierung in der Schule und beim Einkaufen

Und dabei bleibt es oft nicht. Französische Medien berichten mit vielen Beispielen, wie chinesischstämmige Schüler gehänselt werden, und dass langjährge Schulkollegen nicht mehr an ihrer Seite sitzen oder mit ihnen sprechen wollen. Asiatische Eltern, aber auch Arbeitnehmer rapportieren dumme Scherze («Was, du kommst ohne Mundschutz ins Büro?») bis hin zu Beleidigungen («Ihr esst doch Hundefleisch, nicht?»).

In einer Käserei in Lyon weigerte sich ein Ehepaar, von einer chinesischen Verkäuferin bedient zu werden. Im Supermarkt von Fontenay-sous-Bois östlich von Paris hörte eine philippinische Mutter, wie ein französischer Vater hinter ihrem Rücken den Sprössling anhielt, sich wegen des «chinesischen Virus» auf Distanz zu ihr zu halten. Der Vietnamesin Minh rief ein Autofahrer grundlos zu: «Behalt deinen Virus für dich, Dreckchinesin.»

Viele Fälle werden aus den Pariser Vorstädten rapportiert, weshalb der Bürgermeister von La Courneuve nördlich der Hauptstadt Paris die Schulinspektion einschaltete. Rassistische Attacken gab es auch in der Stadt Aubervilliers. Dort sind chinesischstämmige Personen, aber zum Beispiel auch Roma-Nomaden, in den vergangenen Jahren immer wieder Opfer rassistischer und krimineller Angriffe geworden.

Angst vor einer chinesischen Invasion

Das Phänomen geht allerdings über die Banlieue-Zonen hinaus. Julie, eine Japanerin, erzählte der Zeitung «Le Monde», dass sie an der renommierten Pariser Rechtsfakultät Assas aufgefordert worden sei, gefälligst nicht die anderen anzustecken – weil sie einmal hustete.

Dahinter stecke „ein ganzes Bündel von Stereotypen des kollektiven Unterbewusstseins“, erklärt die aus Vietnam stammende Kulturforscherin Mai Lam Nguyen-Conan. „Das Virus verstärkt die Ängste vor einer Invasion durch China.“ Diese Angst rühre aus der französischen Kolonialgeschichte im einstigen Siam, die das Bild gefährlicher Partisanen gezeichnet habe. Sie verwandeln sich teilweise in xenophobe Anwandlungen.

Geschürt werden sie von dem neuen Selbstvertrauen Chinas und seinem ökonomischen Aufschwung. Damit erklärt auch Sacha Lin Jung von der Vereinigung der Chinesen in Frankreich die Stigmatisierung, die ortsweise in eine regelrechte Paranoia umschlage. Nördlich von Paris sinnierte die Landzeitung «Le Courrier Picard» in einem Leitartikel ganz offen über die «gelbe Gefahr», bevor sie sich für diesen Ausdruck entschuldigte.

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