Sexuelle Gewalt

Bedrängt, belästigt, begrapscht: Warum verlieren Partygänger jegliche Scham?

Kölner Polizisten kontrollieren beim Hauptbahnhof einen Verdächtigen. (Archivbild)

Kölner Polizisten kontrollieren beim Hauptbahnhof einen Verdächtigen. (Archivbild)

In Köln wurden Frauen sexuell belästigt. Doch wen trifft überhaupt sexuelle Gewalt? Wann kommt es zu Massenübergriffen? Und wie ticken die Täter? Wir haben zu den wichtigsten Fragen die wichtigsten Antworten.

1. Kann man eine Anzeige erstatten, wenn man am Po begrapscht wird?

Jemanden unerlaubt anfassen respektive begrapschen ist eine Straftat. Je nachdem handelt es sich um eine Tätlichkeit, eine sexuelle Belästigung oder gar eine sexuelle Nötigung. Ohne erstattete Anzeige beginnt die Polizei nur in Fällen von sexueller Nötigung von sich aus zu ermitteln.

2. Was empfiehlt die Polizei?

Bei einem entsprechenden Vorfall sollte man sofort den Notruf (Nummer 117) verständigen. Weiter empfiehlt es sich, Aussehen und Fluchtrichtung des Täters zu merken und dies ebenfalls der Polizei mitzuteilen. Eine Anzeige sollte sobald als möglich bei einer Polizeiwache erstattet werden. Staatsanwaltschaften haben spezielle Fachgruppen für die Ermittlung bei Sexualdelikten.

3. Ist es möglich, eine Anzeige bei einer Polizistin statt bei einem Polizisten zu erstatten?

Dies wird von den meisten Opfern sexueller Gewalt gewünscht. Auf Anfrage erfüllen alle Polizeikorps diesen Wunsch. Manche Kantonspolizeien gehen noch weiter: Bei ihnen gilt allgemein der Grundsatz, dass weibliche Opfer durch eine Polizistin befragt werden müssen.

4. Wie kommt es zu einem sexuellen Massenübergriff wie an Silvester in Köln?

Auch für Fachleute lässt sich diese Frage derzeit nur schwer beantworten. Die Rechtspsychologin Monika Egli-Alge sagt gegenüber der «Nordwestschweiz», sie kenne keine Fälle ähnlichen Ausmasses. Die Geschäftsführerin des Forensischen Instituts Ostschweiz verweist auf den klassischen Gruppendruck: «Wenn jemand damit beginnt, eine moralische Grenze zu überschreiten, wollen sich andere keine Blösse geben.» Manche wollten dabei besonders mutig auftreten, einige ihre eigene Position sichern. Die eigene Kontrollinstanz verliert laut Egli-Alge rasch an Einfluss – auch wenn diese normalerweise gut funktioniert. Auch angefragte Kantonspolizeien teilen mit, dass ein Übergriff wie in Köln eine bisher ungekannte Dimension sei. Schweizer Polizisten haben noch keine derartigen Erfahrungen gemacht.

5. Welche Rolle spielt der kulturelle Hintergrund bei Massenübergriffen?

Noch ist wenig über die Täter von Köln bekannt, noch sind die Fakten rar. Doch die öffentliche Debatte dreht sich bereits über die Abschiebung von straffällig gewordenen Flüchtlingen. Und schon ist die Rede vom «ausgeprägten Sexualtrieb» arabischer oder afrikanischer Männer. Solche Annahmen sind nicht nur falsch, sondern absurd. Rechtspsychologen sehen die Ursache eines Massenübergriffes in der Sozialisierung der Täter: Wird Sexualität in einer Kultur tabuisiert, sind gewisse moralische Vorstellungen hoch angesetzt. Fällt die Hemmschwelle dann doch, kann die Enthemmung dann umso heftiger ausfallen.

6. Sexuelle Gewalt trifft vor allem Frauen. Wer ist davon betroffen?

Über 90 Prozent der Opfer sexueller Gewalt in der Schweiz sind weiblich. Sexuelle Gewalt gegen Frauen kennt verschiedene Formen. Und wie in vielen Ländern geschieht sie hierzulande vor allem hinter verschlossenen Türen. Der gefährliche Ort für eine Frau ist, statistisch gesehen, ihr eigenes Zuhause: Die eigene Wohnung ist in über zwei Dritteln der Fälle sexueller Gewalt der Tatort. Die Täter sind Partner, Ex-Partner oder auch Bekannte. Die meisten Vergewaltigungen werden als Beziehungsdelikt registriert. Noch häufiger ist sexuelle Gewalt ohne Körperkontakt. Dazu gehören Belästigungen im Internet, Exhibitionismus oder Voyeurismus. Vier von fünf angezeigten Straftaten gegen die sexuelle Integrität werden hierzulande aufgeklärt. Allerdings: Viele Fälle werden erst gar nicht aktenkundig. Experten sprechen von einer hohen Dunkelziffer. Nun, nach der Schande von Köln, scheint es aber so zu sein, dass betroffene Frauen vermehrt Anzeigen erstatten und die Dunkelziffer zumindest kurzfristig abnimmt.

Massenhafte sexuelle Übergriffe an Silvester in Köln: «Irgendeiner fing an, das wurde dann extremer»

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7. Wie ticken die Täter von sexueller Gewalt?

Verallgemeinerungen sind schwierig. «Sexuelle Gewalt wird nur von triebstarken Männern verübt» – zumindest diese gern zitierte Annahme ist wissenschaftlich längt widerlegt. Ebenso stimmt es nicht, dass nur junge und attraktive Frauen zu Opfern werden. Empirische Studien zeigen: Gerade Belästigungen oder Übergriffe haben für die Täter nichts mit Lust oder Intimität zu tun. Täter würden kaum jemals von «einem Erlebnis» berichten, schreibt die deutsche Soziologin Ruth Seifert. «Vergewaltigung ist keine sexuelle Handlung, sondern ein Gewaltakt.»

8. Im Ausgang müssen Frauen damit rechnen, dass sie gegen ihren Willen belästigt werden. Wie oft passiert das?

Im Rausch von Musik und Alkohol verlieren Partygänger manchmal jegliche Scham. Das Problem wird gerne verharmlost. Doch schon vor fünf Jahren zeigten Befragungen des Kinderspitals Zürich: Dass Frauen im Ausgang sexuell belästigt werden, ist quasi der Normallfall. Für die Studienautoren erreichte diese Enttabuisierung eine neue Dimension. Junge Frauen werden begrapscht oder von Fremden zu Oralsex aufgefordert. Sexuelle Belästigung kann aber auch ein Pfiff auf der Strasse oder ein blöder Spruch über den Ausschnitt sein.

9. Ist es für die Polizei schwieriger, sexuelle Straftaten aufzuklären, die in grossen Menschenmassen stattfinden?

Ja, denn die Täter tauchen in der Menge unter. Das gilt aber nicht nur für Sexualdelikte, sondern auch für Taschendiebstähle oder Schlägereien. Ein Beispiel für ein unaufgeklärtes Sexualdelikt an einer Grossveranstaltung ist das Wohler Open-Air «Touch The Air» im Jahr 2011: Ein junger Mann zwang eine Frau zum Oralsex; er ist immer noch nicht gefasst. Weil Hinweise fehlten, wurde das Verfahren mittlerweile sistiert.

10. Kommt es in typischen Schweizer Partynächten wie Silvester, Fasnacht oder der Street Parade zu einer Häufung sexueller Gewalt?

Die jüngsten Entwicklungen mit Anzeigen in diversen europäischen Städten deuten darauf hin, dass diese Frage mit Ja zu beantworten ist. Laut Angaben verschiedener Kantonspolizeien finden Sexualdelikte, wenn sie im öffentlichen Raum stattfinden, vor allem in alltäglichen Situationen statt. Zum Beispiel, wenn ein Täter eine Frau im Zug oder Bus unsittlich berührt oder sonst wie belästigt.

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