«Give a Chance»

Basler Studenten helfen an der Küste von Westafrika

Basler Studenten gründeten 2010 den Verein Give a Chance. Die Mitglieder reisen seither mehrmals jährlich nach Kamerun, um dort Schulen zu renovieren. Die bz besuchte das Projekt.

Die Umrechnung von kamerunischen Francs in Schweizer Franken ist schwierig. Der Wechselkurs ändert an jeder Strassenecke. Noch grösseren Schwankungen unterliegt die Währung Zeit: Eine kamerunische Minute kann mal eine halbe Stunde bedeuten, manchmal auch fünf. Es ist eine von vielen Herausforderungen an jene, die im westafrikanischen Land etwas auf die Beine stellen wollen. Eine andere ist die weitverbreitete Korruption: Vertrauen baut sich hier schwieriger auf als ein Haus. Als fünf idealistische Basler Studenten die Idee fassten, in Kamerun eine Schule zu renovieren, packten sie deshalb selbst an.

Im Dschungel errichteten sie unter widrigsten Bedingungen ein Schulgebäude. Sie betonierten den Boden in den Klassenzimmern und ebneten damit den Weg für zahlreiche Schülerinnen und Schüler in eine aussichtsreichere Zukunft. Schon jetzt, nur wenige Jahre später, zeigt sich: Die Quote jener Kinder, die später auf eine höhere Schule gehen konnten, stieg drastisch.

Kondome im Klassenzimmer

Yannick Zionel Hohn ist einer dieser Studis, die damals das Projekt «Give a Chance, Give a Future» ins Leben riefen und der letzte Verbliebene im Kernteam. Die Organisation ist inzwischen gewachsen. «Insgesamt zählen wir 200 Mitglieder», sagt er. Hohn ist der Präsident. Aktuell weilt er wieder mit einem Team von rund einem Dutzend Baslern in Kribi.

Die zweite Schule unter ihrer Schirmherrschaft gedeiht gut. «Früher mussten die Schüler zur Notdurft hinters Haus. In die Klassenzimmer wurde regelmässig eingebrochen, wir mussten vor Schulbeginn Präservative und anderen Unrat wegräumen», erzählt Maître Serge Botouli. Seit drei Jahren unterrichtet er dort. Er ist voll Dankbarkeit für die Hilfe aus Basel.

Im Umbruch

Die Gruppe inspiziert den Fortschritt der Sanierung: stabilere Türen, bessere Fenster, neue Farbe. Keine Frage, die Klassenzimmer dieser Schule gehören zu den besten Gebäuden weitum. Es ist das zweite Projekt; seit dem ersten hat sich einiges verändert. «Wir haben einen Vorarbeiter vor Ort angestellt, der die Bauarbeiten überwacht», erzählt der Basler SVP-Grossrat Alexander Gröflin. Seit 2013 ist er mit von der Partie, das ist sein sechster Kamerun-Aufenthalt.

Durch den Vorarbeiter kommen sie schneller voran, doch tauchen auch neue Probleme auf. Die Margen, die er sich in Abwesenheit herausnahm, sind zu gross. Die Diskussionen am Tisch im Hotel füllen den Abend. Auch daneben fallen den Baslern viele Aufgaben zu. Sie feilschen auf dem Markt um den Preis für die benötigten Elektronik-Artikel, vermessen den Platz für den zukünftigen Sportplatz, spielen Memory mit den Kindern. Für alles braucht es Geduld. Für weitere Fortschritte vernetzen sie sich mit den lokalen Behörden. Vor einigen Tagen wurden sie gar vom Generalsekretär des Präsidenten empfangen.

Eine Studentenorganisation ist die Truppe vom Sommer 2017 indes nicht. Im bunt zusammengewürfelten Team sind nur zwei unter 30. Alle wurden auf Umwegen in dieses Projekt hineingesogen. Sie verbindet, nicht mehr losgekommen zu sein von der Idee des Helfens – und vielleicht auch ein bisschen die Abenteuerlust.

Nur einer ist Handwerker, Thomas Regli: Der 24-Jährige ist gelernter Elektriker. Gröflin hat ihn in einem Tanzkurs kennengelernt, lateinamerikanische Standardtänze. An der Abschlussfeier stellen sie ihr Können zu afrikanischen Trommelrhythmen unter Beweis. Die Herangehensweise der Reisegruppe wirkt dennoch akademisch: Es gibt ein Tagesprogramm, Vor- und Nachbesprechungen, Dreiphasenmodelle. Dass das säuberlich in Folie eingefasste Tagesprogramm kaum so eingehalten wird, liegt hauptsächlich an den Kontakten in Kamerun – und zu einem gewissen Teil auch an der Herangehensweise der Helfer aus Basel.

Es scheint, sie hätten sich den lokalen Gepflogenheiten angepasst: Oft braucht es Improvisation, die Strukturen sind lose. Die beiden Fahrer, die sie auf Schritt und Tritt begleiten, sind gefordert. Die kleine Reisegruppe macht derweil mangelndes Know-how mit doppeltem Einsatz wett.

Plumpsklo für 100 Schüler

Es ist ein Kerngedanke von «Give a Chance», dass ein maximaler Anteil der Spenden ihrer Bestimmung zugeführt wird. Möglichst wenig Administration. Jeder aus der Reisegruppe zahlt Flug und Aufenthalt aus dem eigenen Portemonnaie. Die Spenden stammen zu einem grossen Teil aus Veranstaltungen, für die sie in der Schweiz ehrenamtlich krampfen. Dass möglichst viel Geld in Kamerun ankommt, wollen sich die Verantwortlichen bewahren. Dennoch befindet sich «Give a Chance» im Umbruch: Die Organisation wächst, nun braucht es andere Strukturen.

Noch während die Arbeiten laufen, besucht die Gruppe umliegende Schulen. Eine von ihnen könnte ein neues Projekt werden. Die Gebäude sind in einem bedauernswerten Zustand: Manchen fehlt das Dach, anderen grosse Teile der Mauern. Viele sind dreckig, das Plumpsklo für zuweilen über 100 Schüler ist schlicht ein grauenhafter Ort. Das Werk von «Give a Chance» an der Küste Westafrikas ist nicht abgeschlossen.

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