Flüchtlingskrise

Balkan wird dicht gemacht – doch Schlepper bieten bereits Fahrten über die Adria an

An der griechisch-mazedonischen Grenze in Idomeni sitzen rund 13000 Menschen fest.

An der griechisch-mazedonischen Grenze in Idomeni sitzen rund 13000 Menschen fest.

Sollte die Balkanroute geschlossen bleiben, könnten die Flüchtlingsströme über die Adria nach Apulien gelangen. Die italienische Regierung ist alarmiert.

Bei klarem Wetter kann man von Apuliens Hafenstädtchen Otranto aus die albanische Küste sehen: Die Adria ist an diesem Punkt nur knapp 50 Seemeilen breit. Wer in Vlore in Albanien ein Boot besteigt, ist in ein bis drei Stunden in Italien – in Otranto oder auch im grösseren Brindisi oder in Bari. 

Bleibt die griechisch-mazedonische Grenze geschlossen, ist die Gefahr real, dass die in Idomeni gestrandeten Flüchtlinge früher oder später versuchen werden, über Albanien an die Adria zu gelangen, um von dort aus nach Apulien überzusetzen.

Griechenland teilt mit Albanien eine rund 300 Kilometer lange, nur schwer kontrollierbare gebirgige Grenze.

Noch wird diese Ausweichroute nicht benutzt. Das bestätigen sowohl das italienische als auch das albanische Innenministerium. Aber «einige hundert» syrische, afghanische und irakische Flüchtlingen hätten bereits versucht, über einen der insgesamt fünf griechisch-albanischen Grenzübergänge zu gelangen, erklärte der albanische Innenminister Saimir Tahiri vor wenigen Tagen. Man habe die Flüchtlinge allesamt nach Griechenland zurückgeschickt; nun warteten sie etwa zehn Kilometer von der Grenze entfernt darauf, bis kriminelle Schlepperbanden einen Korridor über die Adria öffneten.

Albanien kontrolliere seine Grenze, so gut es eben gehe. Aber auf einen Ansturm wie in Idomeni sei man «nicht vorbereitet», betonte der albanische Innenminister.

Fluchtrouten

Fluchtrouten

Erinnerungen an die 1990er-Jahre

Die Meerenge von Otranto war schon einmal Schauplatz eines Flüchtlingsdramas gewesen – vor genau 25 Jahren. Ab März 1991 gelangten Zehntausende Albaner, die vor der kommunistischen Diktatur und der Armut in ihrem Land flohen, über die Adria nach Apulien.

Sie waren die ersten Bootsflüchtlinge des Mittelmeers. Im italienischen Innenministerium spricht man heute noch von einem «humanitären Albtraum». Einige Bilder von damals haben sich ins kollektive italienische Gedächtnis eingegraben – vor allem jenes des schrottreifen Frachters Vlora, der am 8. August 1991 mit über 20000 Flüchtlingen an Bord in Bari eingelaufen war.

9. August 1991: Tausende albanische Flüchtlinge kommen mit dem Frachter Vlora im italienischen Bari an.

9. August 1991: Tausende albanische Flüchtlinge kommen mit dem Frachter Vlora im italienischen Bari an.

Zwar ist die Situation der 1990er-Jahre mit der heutigen nicht vergleichbar. Die Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Irak müssten erst einmal die griechisch-albanische Grenze überwinden, und ausserdem hätten sie in den albanischen Häfen mit Kontrollen zu rechnen.

Laut den Erkenntnissen der italienischen Geheimdienste bieten aber Schlepperbanden im Internet bereits die ersten Adria-Überfahrten an – zum Preis von 6000 bis 9000 Euro, die Busfahrt von Griechenland nach Albanien inbegriffen.

Der Anti-Mafia-Staatsanwalt in Bari, Cataldo Motta, weist darauf hin, dass die Meerenge von Otranto auch von Drogen- und Zigarettenschmugglern benutzt werde. Diese Schmugglerbanden, die über moderne und für Radar kaum sichtbare Power-Schlauchboote verfügten, könnten ihr Business auch auf Menschenschmuggel ausweiten.

Die Regierung von Matteo Renzi ist jedenfalls alarmiert. Umso mehr, als Italien nicht mehr darauf zählen kann, dass ein beträchtlicher Teil der Flüchtlinge wie bisher einfach unregistriert nach Norden weiterreist. Österreich hat bereits angekündigt, die Grenze am Brenner notfalls zu schliessen; die Proteste Renzis würden daran wohl wenig ändern.

Frankreich hat schon vor längerer Zeit klargemacht, dass keine Flüchtlinge mehr aus Italien aufgenommen würden, und auch die Schweiz hat ihre Kontrollen an den Grenzübergängen längst intensiviert. Der Weg nach Norden ist also bereits heute weitgehend verbaut. Falls nun plötzlich eine «Adria-Route» eröffnet würde, befände sich Italien möglicherweise sehr schnell in einer ähnlichen Lage wie Griechenland.

Da überrascht es nicht, dass Renzi am EU-Gipfel vehement an den Schengen-Vereinbarungen und damit am freien Personenverkehr innerhalb der EU festhalten wollte. Mit einer Mischung aus Belustigung und Bitterkeit nimmt man in Rom zur Kenntnis, dass nun auch in Berlin und Wien mit Nachdruck eine «europäische Solidarität» eingefordert wird.

Eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge verlangen Italien, Griechenland, Spanien und Malta schon seit vielen Jahren. Doch die nördlichen EU-Partner hatten sich immer taub gestellt und auf den Dublin-Vertrag verwiesen.

Mit der Solidarität gegenüber den Mittelmeer-Anrainern hapert es wie eh und je. Vor einem knappen Jahr hatte die EU Griechenland und Italien nach einem monatelangen, unwürdigen Gezerre um «freiwillige» Quoten versprochen, innerhalb von zwei Jahren insgesamt 160000 Flüchtlinge zu übernehmen. Nach Ablauf von einem Drittel der Zeit sind weniger als 1000 Flüchtlinge umverteilt worden – das Projekt ist grandios gescheitert.

Dabei ist nicht nur Griechenland mit einem steten Zustrom konfrontiert: Auch in Italien sind im vergangenen Jahr über 160000 Bootsflüchtlinge gelandet, und in den ersten zwei Monaten des laufenden Jahres sind weitere 9000 dazugekommen. Fast alle sind in Libyen in See gestochen. Beinahe noch mehr Angst als vor der Adria-Route hat Italien deshalb vor einer Eskalation der Gewalt in Libyen. Die tunesische Regierung schätzt, dass sich bis zu zwei Millionen Flüchtlinge auf den Weg machen könnten.

Erst zwei Hotspots in Betrieb

Angesichts der leeren Versprechen aus Brüssel hatte es Italien nicht eilig, die von der EU geforderten sechs Hotspots zur Registrierung der Flüchtlinge zu schaffen. Inzwischen stehen die meisten zwar bereit, aber in Betrieb sind erst zwei – auf Lampedusa und in Pozzallo auf Sizilien. Am 10. März soll zudem der Hotspot von Taranto in Apulien den Betrieb aufnehmen. Das wäre jener, wo hauptsächlich die Flüchtlinge der Adria-Route registriert würden.

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