Nordkorea

az-Korrespondent: So habe ich Nordkorea erlebt

Nordkorea rasselt mit dem Säbel. Nun erzählt az-Asienkorrespondent Daniel Kestenholz von seinen Erinnerungen an seine Besuche im Eremitenreich.

Viele profilieren sich derzeit als Nordkorea-Kenner, doch letztlich werden Mutmassungen und Spekulationen repetiert. Einen direkten Draht nach Pjöngjang hat niemand. Selbst der Einfluss von Peking wird überschätzt, diesem wichtigsten Verbündeten der koreanischen Kim-Dynastie.

Als die Nordkoreaner 2006 ihre erste Atombombe zündeten, erhielt Peking gerade mal zwanzig Minuten vorab einen Anruf. Worauf Peking die USA alarmierte.

Trotz modernster Spionage- und Satellitentechnik bleibt Nordkorea auch für die Amerikaner ein schwarzes Loch. Dabei geben die USA vor, mehr zu wissen als alle anderen. US-Bürgern ist die Einreise ins Eremitenreich verboten, und wer dennoch ins Land reisen kann, wird auf Schritt und Tritt von zwei Aufpassern plus Fahrer begleitet und erhält eine potemkinsche Scheinwelt vorgeführt.

Flüsse sind klar

Nordkorea ist eine bizarre Zeitreise. Von dem Moment an, da man an Pjöngjangs Sunan-Flughafen sein Mobiltelefon abzugeben hat, wird das Rad der Zeit Jahrzehnte zurückgedreht. Die Menschen in Nordkorea haben nichts. Also haben sie auch nichts zum Fortwerfen.

Wer von Pjöngjang in Richtung Provinzen und Berge fährt, wird von heiler Natur empfangen, wo selbst das glasklare Wasser in Flüssen trinkbar ist.

Nirgendwo verschandeln Industrieanlagen die Landschaft, denn es gibt kaum welche, und die paar verstreuten Häuser muten an wie Filmkulissen. Fensterglas haben Häuser auf dem Land kaum. Zerfetzte Plastikstücke dienen als Scheiben, und das in Nordkoreas klirrendem Winter. Geht es bergab, schalten Autofahrer den Motor ab und lassen rollen. Treibstoff ist zu kostbar.

Pjöngjang fortschrittlich

Pjöngjang dagegen, wo wenigstens nicht rund um die Uhr Stromunterbruch herrscht, ist geballter Fortschritt verglichen mit den Elendsprovinzen.

Wer es sich leisten kann, besucht eine der Heimbrauereien, wo die Nordkoreaner zu getrocknetem Tintenfisch mit körnigem Senf frisch gebrautes Bier geniessen.

Die meisten Menschen sind jedoch so bitterarm, dass die Aufpasser selbst dann nicht vor die Kamera des Besuchers springen, wenn Menschen entlang Strassen und in Parks essbare Kräuter sammeln.

Oberschicht geniesst ihren Reichtum

Einer kleinen Schicht wiederum scheint es blendend zu gehen, was der zunehmende Strassenverkehr beweist. Vor wenigen Jahren brauchte Pjöngjang keine Ampeln. Jetzt werden zackige Verkehrspolizistinnen durch elektronische Anlagen ersetzt, was wohl eine der einzigen Modernisierungen in diesem Land ist, das einst fortschrittlicher als der Süden war, den sich Nordkorea heute als Geisel hält.

Nur in Nordkorea kann der Führer der Zukunft komplett abgeschottet von der Aussenwelt herangezogen werden. Nicht einmal der Geburtstag von Kim Jong Un ist bekannt. Unter Staatsgründer Kim Il Sung noch war Nordkorea ein sozialistischer Vorzeigestaat.

Diktator Kim lässt sein Volk hungern

Unter dem Sohn verarmte und verhungerte das Reich. Doch seit einem Schlaganfall vor zwei Jahren ist Kim Jong Il hager wie seine Genossen. Der angeschlagene Diktator gilt je länger desto mehr als Frontfigur einer namenlosen Clique im Hintergrund, die Nordkoreas Militärmaschinerie und Repressionsapparat lenkt.

Laut US-Informationen sind bis zu 200000 Menschen in acht riesigen Arbeitslagern sowie Dutzenden von kleineren Lagern inhaftiert. In den Camps müssen selbst Kinder Strafarbeit verrichten. An den Insassen werden offenbar Experimente durchgeführt. Standrechtliche Erschiessungen sind an der Tagesordnung, wobei jedes Jahr 20 Prozent der Insassen verhungern oder vor Erschöpfung sterben.

Und doch geben die Menschen nicht auf. Abends, in den kleinen Brauereien in Pjöngjang, wird auch gelacht und man vergisst fast, in einem einzigen grossen Straflager namens Nordkorea zu sein.

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