Abgemacht haben wir in seiner Wohnung im hippen New Yorker Stadtteil Greenwich Village, doch ich begegne dem Mann mit dem bekannten TV-Gesicht bereits in der Strasse. Michael Wolff trägt eine volle Einkaufstasche nach Hause: «Ich koche heute Abend», sagt er. Beim Eingang steht ein Kinder-Kickboard. Der 64-Jährige ist vor drei Jahren nochmals Vater geworden. Er bittet ins Wohnzimmer, wo sich CD-Hüllen des Hörbuchs von «Fire and Fury» stapeln. «Ein Rätsel, warum die Leute noch CDs kaufen», sagt Wolff. Für seine Recherchen hat ihm Trump wochenlangen Zugang ins Weisse Haus gewährt, und «fast alle Angestellten plauderten mit mir», erzählt Wolff. Er glaube, dass Trump das nicht mehr machen würde. «Oder vielleicht doch? Er ist eben Donald Trump.»

Michael Wolff, Sie müssen ein reicher Mann sein.

Michael Wolff: Das sagt man mir.

Wie viele Exemplare von «Fire and Fury» haben Sie verkauft?

Zwei Millionen in den USA und inzwischen fast eine Million in Europa.

Seit der Buch-Lancierung im Januar wurde Trumps Präsidentschaft noch hektischer: Er feuert nun Spitzenleute im Wochentakt, und zwei angebliche Geliebte enthüllten Sex-Skandale. Wann kommt Ihr nächstes Buch?

Gute Frage. Als ich das erste schrieb, wusste ich, dass es den ersten Akt dieser Präsidentschaft behandelt – und dass es zwei weitere Akte geben würde. Nun stehen wir eindeutig im zweiten Akt. Jedermann kommt zum Schluss, dass dieser Präsident gefährdet ist. Von überall her fliegen Giftpfeile auf ihn zu.

Im ersten Akt bekämpften sich im Weissen Haus mindestens drei Fraktionen, doch in den letzten Wochen zeigte sich, dass Trump jeden entlässt, der nicht zu 100 Prozent auf seiner Linie liegt.

Man kann jetzt sagen: Er ist allein. Ganz allein zu Hause.

Wirklich? Trump feuerte zwar Aussenminister Rex Tillerson, Sicherheitsberater H. R. McMaster und andere Exponenten, aber er findet nach wie vor Ersatz – Leute, die ihn in seinen Instinkten bestärken und seine Ziele teilen.

In Wahrheit sind das die einzigen Leute, die diese Jobs überhaupt annehmen. Noch schlimmer ist es bei seinen Anwälten: Buchstäblich keiner will für Trump arbeiten.

Interview mit Michael Wolff

Interview mit Michael Wolff

Sein Trump-Buch «Fire and Fury» hat sich millionenfach verkauft. Wir haben Michael Wolff in seiner New Yorker Wohnung zum Interview getroffen.

Der Präsident twitterte, jede Kanzlei wolle für ihn arbeiten.

Die Anwälte, die er findet, sind entweder pensioniert, oder es sind keine «A-Anwälte». Wir sehen den Präsidenten auf ein Amtsenthebungsverfahren zusteuern – und dies ohne Anwälte.

Trump verlässt sich jetzt ganz auf sich selber. Ist das nicht ein Zeichen seiner Unabhängigkeit: Vom Establishment, von der Republikanischen Partei?

Mehr und mehr, ja.

Genau das wollten seine Wähler. Was soll daran falsch sein?

Was wollten sie? Man kann es so sehen: Eine Generation lang waren die Bürger zunehmend desillusioniert von der Politik und den Politikern, darum wählten sie 2016 das exakte Gegenteil. Hier haben wir nun einen Mann, der temperamentsmässig, sprachlich, intellektuell und sexuell das pure Gegenteil dessen ist, was ein Politiker sein sollte. Es ist das grosse Experiment. Eines, das gescheitert ist.

Gescheitert? Gemäss einer CNN-Umfrage ist Trump populärer als seine Partei.

Wenn uns die Trump-Ära eines gelehrt hat, dann dies: Mit Umfragen sollten wir vorsichtig sein.

Trump ersetzt viele der geschassten Berater und Beamten mit TV-Kommentatoren – er holte Larry Kudlov als Wirtschafts- und John Bolton als Sicherheitsberater. Warum?

Trump mag Medien-Typen, aber eben: Er muss nehmen, wen er jetzt noch kriegt. Ich kenne und mag Larry Kudlov, aber seine Karriere bei CNBC war ... (zögert)

… vorbei?

Ja. Bei John Bolton dasselbe. Er brauchte einen neuen Job.

Auch Sie sind ein Medien-Typ. Wie würden Sie reagieren, wenn Trump Ihnen ein Job anböte?

Unter all den unwahrscheinlichen Dingen, die passieren könnten, ist das wahrscheinlich das unwahrscheinlichste.

Immerhin hat Trump Ihren Buchverkauf angekurbelt, indem er wütende Tweets über Sie abgesetzt hat. Worauf Sie gehofft hatten.

Ich bin dankbar.

Inwiefern bestimmt der rechtslastige TV-Sender Fox News, während dessen Sendungen Trump twittert, seine politischen Ansichten und Entscheidungen?

Eigentlich schaut Trump ja nicht Fox News, sondern CNN, weil er denkt,
das sei die grosse Marke. Er reagiert mehr gegen CNN, als dass er zugunsten von Fox reagiert.

Sie haben auch ein Buch über Medien-Mogul Rupert Murdoch geschrieben, der Fox News besitzt. Wie beurteilen Sie das Verhältnis der beiden alten Männer?

Murdoch hält Trump für einen Idioten. Zugleich glaubt er, dass es wichtig ist, eine Beziehung zu dem Mann zu haben, der Präsident ist. Trump seinerseits hält Murdoch für den ultimativen Unternehmer, einen Mann, der alles erreicht hat.

Trump bezeichnete Medien wie die «New York Times», die «Washington Post» und CNN als «Feinde». Reagieren die Medien geschickt auf diese Angriffe?

Trump und die Medien, das ist eine verrückte symbiotische Beziehung. Sie ist fast sexualisiert. Beide brauchen einander und profitieren gegenseitig. Beide zittern vor Entzücken. Trump ist die goldene Gans für alle Medien.

Ist das langfristig gut?

Aus Business-Sicht gibt es kein «langfristig». Jedes Medium versucht Donald Trump auszuquetschen für alles, was er hergibt – im Bewusstsein, dass wir alle erledigt sind, wenn er weg ist.

Wir werden erledigt sein?

Ja, viele Medien überleben zurzeit buchstäblich mit Donald Trump.

Er twittert ununterbrochen, attackiert jeden Kritiker – aber er hat noch nie Porno-Darstellerin Story Daniels und die andere Frau angegriffen, die angeblich eine Affäre mit ihm hatte. Sind diese Frauen eine Bedrohung für die Präsidentschaft?

Ja, das sind sie. Sehr sogar. Seit Trumps Pussy-Gate-Krise (er prahlte im Wahlkampf damit, er könne als Star Frauen überall anfassen, die Red.) hat die Welt eine kulturelle Revolution erlebt, die in Teilen auch auf diese Krise zurückzuführen ist. Das ultimative Ziel der #MeToo-Bewegung ist Donald Trump.
Er ist das mächtigste Symbol für das, was das neue Verständnis von Belästigung ausmacht. Trump ist wahrscheinlich der grösste Belästiger aller Zeiten.

Wird seine Ehe die Präsidentschaft überdauern?

Ich weiss es nicht. So wie es aussieht, gibt es in dieser Ehe eine Vielzahl von Arrangements. Das gibt es wohl in jeder Ehe. Aber seine sind ungewöhnlicher.

Sie erwähnen Melania Trump in Ihrem Buch nur selten. Welche Rolle spielt sie?

Keine. Eine Rolle zu spielen – das ist nicht Teil dieses Arrangements. Melania will keine Rolle, und ihr Mann will nicht, dass sie eine hat.

Die grösste Bedrohung für die Präsidentschaft dürfte ein Mann sein: Robert Mueller, der Sonderermittler in der Russland-Affäre. Könnte diese zu einem Amtsenthebungsverfahren führen?

Absolut. Mueller ist ein bedeutendes Risiko. Aber ich bin mir nicht einmal sicher, ob er das grösste ist. Das unmittelbarste Risiko besteht darin, dass die Republikaner bei den Kongresswahlen (im kommenden November, die Red.) ihre Mehrheit verlieren und Trump dann einem Amtsenthebungsverfahren entgegenblickt.

Steve Bannon, Trumps ehemaliger Chef-Stratege, sagte Ihnen, dass die Chance bei 33,3 Prozent liegt, dass es wegen Mueller ein Amtsenthebungsverfahren gibt. Sehen Sie das auch so?

Inzwischen ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, ich schätze sie auf über 50 Prozent.

Es ist klar, dass sich die Russen in die Wahlen 2016 eingemischt und Trumps Kampagne begünstigt haben. Die grosse Frage aber bleibt offen: Hat Trumps Team mit den Russen zusammengearbeitet?

Für ein solches Zusammenspiel, also für eine Verschwörung, bräuchte es Absicht. Und die ist juristisch sehr schwer nachzuweisen. Dummheit kann helfen, sich gegen den Vorwurf der Absicht zu verteidigen. Diese Typen können eher aus Dummheit denn aus einem Plan heraus handeln.

Trump sagte einst: «Ich mag Konflikte.» Könnte es sein, dass er sogar ein Amtsenthebungsverfahren will, weil ihn das für Monate ins Scheinwerferlicht stellen würde?

Eine Angewohnheit von Trump ist es, den Sieg zu verkünden in einer Situation, die jeder andere Mensch als Niederlage sehen würde. Das ist ein Talent seiner Laune. Wenn er denkt, dass er einen Weg aus dieser Präsidentschaft findet und sich dabei zum Sieger erklären kann, dann würde er ihn nehmen. Er könnte dann das Amtsenthebungsverfahren als extrem parteiischen Effort bezeichnen, ihn, den rechtmässigen Präsidenten, zu entfernen.

Und sich dann als Märtyrer feiern?

Aber sicher.

Der grösste Konflikt und die grösste Show könnte in Trumps Augen ein Krieg sein. Er hat Berater ernannt, die als Falken gelten. Denken Sie, Trump könnte gegen Iran oder Nordkorea einen Krieg anzetteln?

Ich glaube nicht, dass Donald Trump die Fähigkeit hat, einen Krieg zu beginnen. Krieg ist etwas unglaublich Komplexes, ein bürokratisches Unterfangen. Da geht es nicht einfach darum, den Knopf zu drücken. Man muss eine ganze Reihe von Entscheidungen treffen, um an diesen Punkt zu gelangen. Eine Entscheidung zu treffen, erfordert fünf weitere Entscheidungen. Man befindet sich dabei in einem intellektuellen Ökosystem, in dem Trump nicht funktionieren kann. Er ist nicht imstande – zu dumm, wenn Sie so wollen – um einen Krieg zu beginnen.

Er selber sieht sich möglicherweise sehr wohl dazu imstande.

Das macht keinen Unterschied. Man muss, um einen Krieg zu beginnen, in einem Raum sitzen. Trump aber hält
es kaum länger als drei Minuten aus in einem Raum mit Generälen. Er kann das nicht. Die Vorstellung, dass Krieg etwas Dummes ist, stimmt nicht. Krieg ist anstrengend, kompliziert. Zu kompliziert für Donald Trump. Das würde für jedermann offensichtlich, wenn er es versuchen würde, und das kann er nicht zulassen.

Sie sagen, Trumps Dummheit bewahre die USA vor einem Krieg?

Das glaube ich, ja.

Es heisst, der nordkoreanische Diktator Kim bereite sich minutiös auf das Treffen mit dem US-Präsidenten vor. Und Trump?

Dieses Treffen wird nie stattfinden.

Was macht Sie so sicher?

Weder Trump noch Kim haben wirklich ein Interesse daran. Trump wird davon abgebracht werden.

Es ist doch in seinem Interesse, dass er sich als der beste Dealmaker beweisen kann: Nur er schafft es, Kim die Atomwaffen wegzunehmen.

Sie denken in traditionellen politischen Dimensionen. Sie haben eine rationale Sicht auf Ursache und Wirkung. Trump tickt anders. Er weiss nichts über Nordkorea und nichts über die Atomwaffen. Abgesehen davon: Er ist kein Dealmaker. Manchmal beansprucht er Deals, die andere ausgehandelt haben, für sich. Zu verhandeln, das ist ein detail-orientierter Vorgang. Trump ist ausserstande, kann sich nicht mit Details befassen.

Man wundert sich, wie dieser 71-Jährige seine intensiven, schwindelerregenden Arbeitstage physisch bewältigt. Er führt einen Mehrfrontenkrieg gegen seine Gegner, übt sein Amt aus – und findet noch Zeit, TV zu schauen.

Jeder Tag ist für ihn ein existenzieller Tag. Wie er das durchsteht? So wie er sein ganzes Leben durchgestanden hat: Indem er TV schaut und Freunde anruft. Er arbeitet nicht sehr hart.

Sie zeichnen ein verheerendes Bild dieses Präsidenten und dieser Präsidentschaft. Doch Trump verfügt über eine treue Basis, und seit Amtsantritt hat er auch traditionelle republikanische Wähler für sich gewonnen. Unterschätzen Sie ihn?

Seine Basis hat sich nicht in dem Masse vergrössert, wie er sich das vorgestellt hat. Und er hat keine Partei, die wirklich hinter ihm steht. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass ihm der Kongress entgleitet – ein möglicherweise tödliches Ereignis.

Die meisten Leute sind noch immer hungrig nach Trump-Storys. Warum können wir nicht wegschauen?

Es ist nicht so kompliziert: Trump ist ein TV-Talent. Er macht alles für die Kamera und für das Publikum. Lassen wir Kategorien wie Gut und Böse oder links und rechts mal beiseite: Da haben wir ganz einfach eine Weltklasse-Figur.

Der Tag wird kommen, wo wir genug davon haben.

Das mag aus politischer Sicht so sein, aber Sie müssen das aus dramaturgischer Sicht betrachten. Wer steht am Morgen nicht auf und denkt: Oh mein Gott, das ist unglaublich. Un-glaub-lich! Kein einziges Mal in acht Jahren Obama ist jemand aufgewacht und hat gesagt: Das ist unglaublich. Es ist empirisch belegt: Trump ist die grösste Story aller Zeiten.