Mutti mutlos

Angela Merkel bleibt Kanzlerin, das steht so gut wie fest. Begegnung mit einer, die lieber gar nicht gekommen wäre.

Eigentlich wäre auf dem Münsterplatz in Freiburg am Montag Bauernmarkt. Doch der musste weichen, aus gutem Grund. Schliesslich kommt sie, die Kanzlerin, in Fleisch und Blut und goldgelbem Blazer. Tausende stehen dicht an dicht vor der Bühne, vorne spielt eine 70er-Coverband «I will survive».

Die Band passt zu dem, was man Merkel seit Wochen vorwirft: Nicht wegen der mit Botox glattgespritzten Sängerin, im Gegenteil. Merkel, die in jenem Moment von hinten her auf das Rednerpult zusteuert, wirkt arg natürlich. Die Grossleinwand zeigt sie, wie sie mit einem Fan ein Selfie machen will, es nicht schafft, das Smartphone dann einem Sicherheitsmann gibt und ihn bittet, abzudrücken. Die Parallele zur Coverband ist eine andere: Es ist die seichte, mutlose Art ihres Auftritts, die Martin Schulz und andere der 63-Jährigen zum politischen Fallstrick knüpfen wollen.

Seit 12 Jahren ist die Physikerin an der Macht. Sie will es weitere vier Jahre bleiben, Deutschland noch ein Weilchen auf Kurs halten. Doch keine Minute nachdem sie auf die Bühne getreten ist, leistet sich die Stabilitäts-Garantin einen Fauxpas, der ihr Dilemma auf den Punkt bringt. Merkel kommt direkt aus Offenburg, wo sie mit Wolfgang Schäuble am Morgen dessen 75. Geburtstag feierte. «Ich habe mitgefeiert, leider ein bisschen kurz, weil ich ja jetzt nach Freiburg musste», sagt die Kanzlerin. Weg von der Elite, hin zum Volk. Das kann sie nicht so gut. Doch sie merkt, dass das nicht eben eine charmante Begrüssung war, und korrigiert sich. «Ich bin gerne gekommen – zu Ihnen.»

Dann kommt das, was sie gut kann: Erfolge ausweisen. Merkel spricht von Stabilität und halbierten Arbeitslosenzahlen, von sozialer Marktwirtschaft und finanziellem Erfolg. «Das Deutschland von heute, das kann sich sehen lassen. Wir wollen den Kurs fortsetzen», sagt sie.
Das sei Verwalten, nicht Regieren, sagen ihre Kritiker. Das sei ein «Anschlag auf die Demokratie», sagte einst Martin Schulz. Und die Mehrheit der Deutschen sagt am Sonntag voraussichtlich: Ach was, läuft ja alles, was solls.

In Freiburg mischen sich in den warmen Applaus derweil immer lautere Rufe. Menschen mit «Salafisten ausschaffen!»-Plakaten bahnen sich ihren Weg durch die Menge. Anders als Schulz wird Merkel nach Leistungen und Versäumnissen beurteilt, nicht nach Visionen. Dieses Privileg bleibt dem innenpolitisch unerfahrenen Schulz vorbehalten. Merkels Antwort auf die Provokanten: «Es gibt Menschen in Deutschland, die denken, das alles könne man mit Pfeifen und Brüllen schaffen. Ich sage ihnen: Das schafft man nur mit Arbeit.» Der Münsterplatz jubelt.

«Keine Experimente»

Dann fällt Merkel zurück in den alten Trott: Sie verspricht, keine neuen Schulden anzuhäufen und die nötigen Reformen anzupacken, um den Ruf des Landes zu sichern. Wie schnell der gute Ruf weg sein kann, zeige das Beispiel der deutschen Autobauer. «Da muss man das Vertrauen im Bereich des Diesels wieder herstellen.» Ein Satz, der Merkels Kommunikationsberatern Kopfschmerzen bescheren dürfte.

Kopfschmerzen bereitete Merkels Team vor zwei Jahren auch die Flüchtlingskrise. «Ein Jahr wie 2015 wird und darf sich nicht wiederholen», sagt Merkel. Alleine 2015 – in jenem Jahr, in dem Merkel die bedeutungsschweren Worte «Wir schaffen das» gesagt hatte – kamen 890 000 Flüchtlinge. Geschafft hat sies letztlich auch wegen eines umstrittenen Deals mit Erdogan, der Hunderttausende Flüchtlinge bis heute an der Weiterreise hindert. «Das ist der Weg», ruft Merkel von der Bühne. Das, und mehr Entwicklungshilfe, Auffangzentren in Nordafrika und der längst fällige Beschluss, Marokko, Algerien, Tunesien und die Länder des westlichen Balkans als sichere Herkunftsländer zu erklären.

Spannend am Auftritt der CDU-Spitzenkandidatin ist vor allem das, was sie bewusst nicht sagt. Die AfD, die Martin Schulz zwei Tage vorher auf dem Platz der Alten Synagoge zum Staatsfeind Nummer eins erklärt hat, erwähnt Merkel mit keinem Wort. Das ist entweder geschickt, weil sie den braunen Geistern am rechten Rand keine Bühne geben will. Oder eben mutlos.

Unerwähnt bleibt auch das Thema Lohngleichheit für Mann und Frau. «Der Spiegel» erklärte sie zur zentralen Frage in diesem Wahlkampf. Und Martin Schulz macht sie zur Speerspitze seines Angriffs auf die «passiven Verwalter» des Status quo. Merkel aber, die erste Frau im Kanzleramt, sie streift das Thema mit keinem Wort. Und wer in Freiburg doch noch auf eine Vision aus dem klugen Kopf der Kanzlerin hoffte, wurde mit dem Abschlusssatz vollends enttäuscht: «Keine Experimente, sondern Stabilität und Sicherheit wollen wir.»
Dann ist Merkel weg. Nur der Gemüsekorb, den ihr Freiburgs Bauern überbringen liessen, bleibt auf der Bühne zurück.

Die Umfragewerte der CD und SPD im Jahresvergleich.

Die Umfragewerte der CD und SPD im Jahresvergleich.



Martin möchte gern

Martin Schulz kämpft wie ein Gebissener um einen Sieg, den er nicht erringen kann. Sein Effort ist eindrücklich.

Zwei Tage früher, zwei Plätze weiter westlich: Das Mikrofon geht nicht, das Ersatzmikrofon auch nicht. Aber egal: Als der Mann, der Martin Schulz hätte ankündigen sollen, vorne auf der Bühne verzweifelt mit der Technik kämpft, sind eh schon alle Augen nach hinten gerichtet. Da kommt Schulz, die leise – inzwischen sehr leise – SPD-Hoffnung auf das Kanzleramt, über den Platz der Alten Synagoge spaziert, schüttelt Hände, schiesst Selfies, klatscht Genossen ab.
Es ist Samstagnachmittag und die jubelnde Menge, die Schulz willkommen heisst, täuscht für einen Moment darüber hinweg, dass die Umfragewerte der SPD so tief sind, dass manche Prognostiker schon von einer historischen Niederlage sprechen. Und wer mit Ausländern über die Wahlen spricht, erntet sowieso nur Kopfschütteln, wenn Martin Schulz zur Sprache kommt. «Deutschland hat doch schon eine Kanzlerin, nicht?», lautet der nicht ganz unverständliche Tenor. Merkel ist der unumstrittene Anker im Weltensturm, ein zentraler Player in der Liga der Mächtigen.

Doch Martin Schulz ist es «scheissegal», dass er laut den Umfragen kaum eine Chance habe. Der 61-Jährige ist auf der Bühne angekommen und reckt die Hände zum Gruss in die Luft. Er wirkt wie ein Boxer, der sich angeschlagen, aber topmotiviert in die letzte Runde eines Kampfes schleppt; eines Kampfes, den er nach Punkten nicht mehr gewinnen kann. Was er brauchte wäre ein Jahrhundert-Punch, um seiner übermächtigen Kontrahentin den Sieg in letzter Sekunde doch noch streitig zu machen.

Statt dem Angriff kommt aber erst mal die Danksagung. Schulz schielt auf seine Notizen, liest die Liste der lokalen SPD-Bundestagskandidaten ab, spricht den Namen des hiesigen Spitzenkandidaten Julien Bender falsch aus (französisch «schüliä» statt deutsch «julien») und legt den Zettel weg. Das Lächeln verschwindet aus seinem Gesicht. Die Augenbrauen verengen sich zu einer wütenden Monobraue, die Stimme wird lauter, der gelernte Buchhändler und langjährige EU-Parlamentspräsident zieht die Samthandschuhe aus.

«Schande für Deutschland»

Seine Standard-Rede, die er bis zum Wahlsonntag insgesamt 39 Mal gehalten haben wird, trägt er im Tonus des hoffnungsvollen Wutbürgers vor. Bildung («Herkunft darf nicht Schicksal sein!»), Rente («Die Würde des Alters muss in diesem Land verdammt noch mal garantiert sein!») und Aufrüstung (Merkel fordere ein «Unterwerfen unter die Trumpsche Aufrüstungspolitik!») sind seine zentralen Themen – und zwar mit Ausrufezeichen!

Er ist darauf bedacht, die grossen Fragen in den regionalen Kontext einzubetten, spricht Dinge an, «die ich hier und jetzt in Freiburg versprechen kann»; Dinge, die er zuvor schon «hier und jetzt» in Berlin, in Aachen, Lübeck und Darmstadt versprochen hat. Schulz will einer von denen sein, die da unten im aufziehenden Regen stehen. Dass er einen Anzug «ab der Stange» trägt und trotz Glatze und Wucherbart für das grosse Politparkett geeignet sei, betont er mit dem Gestus des einstigen Provinz-Bürgermeisters aus Würselen (er hat die 40 000-Seelen-Stadt von 1987 bis 1998 regiert: seine bisher einzige Exekutiv-Erfahrung). Die eine Hand im Hosensack, die andere nach vorne weggestreckt und weit gespreizt; die Power-Pose des politischen Underdogs, die er in entscheidenden Momenten immer wieder zur Schau stellt.

Einer dieser Momente ist das Versprechen, die Lohngleichheit zwischen Frau und Mann endlich zu erreichen. «Ich will nicht wie Angela Merkel einfach die Vergangenheit verwalten», ruft Schulz in die Menge. Es bleibt einer der wenigen direkten Angriffe gegen die Kanzlerin. Schulz weiss, dass er nicht punkten kann, wenn er Merkel allzu hart angeht. Und er weiss, dass er allenfalls bald auf ihre Gunst angewiesen sein wird, wenn es nach ihrer Wiederwahl am Sonntag darum geht, eine Regierungskoalition abzuschliessen.

Am meisten Applaus erntet Schulz für seinen Schlag gegen die AfD: Das sei keine Alternative für Deutschland, das sei eine «Schande für Deutschland», ruft er über die Köpfe seiner Anhänger hinweg.

Als er von der Bühne in die Menge rauscht für «all die Selfies, die wir vorher nicht machen konnten», kommt noch einmal Stimmung auf in Freiburg. Sie erinnert ein wenig an die Phase des Schulz-Hypes im Frühling, als er mit Merkel gleichauf lag und es so aussah, als hätte er tatsächlich eine Chance. Rückblickend waren die Sympathiewellen, die ihm da entgegenschlugen, wohl eher ermunternde Zurufe, respektvolle Würdigungen an einen Aussenseiter, den man für seinen Mut, überhaupt mit der Weltkanzlerin in den Ring zu steigen, ehren wollte.

Am Sonntag ist der Kampf vorbei. Ganz im Sinne von Martin Schulz ist das wohl nicht. Wahlkampf, das zeigte sein Auftritt in Freiburg, hat er drauf. Kanzler-werden-Wollen, das kann er richtig gut.