Helles Lachen dringt bis zur Bushaltestelle. Zwei Mädchen amüsieren sich köstlich mit einem Handy, das sie gerade kichernd konsultieren. Die beiden rund 15-Jährigen sitzen auf einer Haustreppe im Quartier Abbatoires in Nizza. Kleines Detail: Beide tragen einen rabenschwarzen Ganzkörperschleier, der nur ihre hübschen Gesichter offenlässt.

Hier oben, wo die Hügel des Hinterlandes von Nizzas beginnen, gehört diese Kleidung bald schon zum Alltag. Ein paar Schritte weiter wohnte Mohammed Lahouaiej-Bouhlel, der an der Strandpromenade von Nizza letzte Woche mit einem Lastwagen 84 Menschen zu Tode fuhr.

Anschlag in Nizza: Zusammenfassung der Fakten

Anschlag in Nizza: Zusammenfassung der Fakten (15. Juni 2016)

Mit einem LKW rast ein 31-jähriger Frankotunesier durch die feiernde Menschenmenge an der Strandpromenade und tötet dabei mindestens 84 Menschen. Erst nach rund 2 Kilometern kann seine Amokfahrt gestoppt werden.​

Die «Promenade des Anglais» ist hier etwa so weit weg wie der Mond. Dort unten, zwischen Casino Ruhl und Hotel Negresco, wo Paläste und Pailletten prangen, wo sich französisches Savoir-vivre mit italienischer Grandezza mischt – dort zeigen die Damen der Schöpfung so viel braun gebrannte Haut wie möglich.

«Der Islam ist unschuldig»

Oben in der Banlieue-Zone wartet Imam Ahmed Boulaya vor dem Spital Pasteur-2. Er besucht verletzte Attentatsopfer, liest ihnen Passagen aus dem Koran vor. «Dieser Wilde respektiert den Islam nicht», sagt er. «Der Islam ist unschuldig.» Gut gemeinte Worte. Bloss hörten die Jugendlichen nicht mehr darauf, meint die klinische Psychologin Amélie Boukhobza in ihrer Praxis an der Avenue Félix Faure. Die schlanke, hochgewachsene Frau hat die Vereinigung «Entr’Autres» gegründet, um gegen die «geistige Dschihadisierung» anzukämpfen, wie sie sagt.

Der Trend zur islamistischen Radikalisierung habe sich in Nizza seit 2012 stark beschleunigt. Auch wenn der genaue Bezug des Attentäters zur Terrorsphäre noch ungeklärt sei, ist Boukhobza keineswegs überrascht von dem Anschlag: «Wir warteten geradezu darauf. Es gab schon Messerattacken auf ein jüdisches Gemeindezentrum, und 2014 wurde ein Anschlag auf den Karneval von Nizza in letzter Minute vereitelt.»

Doch warum Nizza, diese scheinbar reiche Stadt mit dem mediterranen Flair? Die Psychologin holt Atem und erzählt. In Marseille, der armen und chaotischen Hafenstadt am anderen Ende der Côte d’Azur, seien die Nordquartiere noch berüchtigter. Dort verhinderten aber die Drogenbanden, dass sich die Salafisten breitmachten. Im bürgerlichen Nizza habe die starke Polizei den Drogenhandel wirksam bekämpft. Nicht aber die Islamisten.

Um die Jahrtausendwende seien viele Vertreter algerischer Islamistengruppen wie FIS oder GIA nach Nizza übersiedelt, einige auch jenseits der Grenze in Italien, um der französischen Polizei zu entgehen. Der Bekannteste ist Omar Omsen, ein charismatischer Senegalese, früher für Mord verurteilt. Im Viertel um Pasteur-2 wohnhaft gewesen, habe er in Nizza Dutzende von Jugendlichen zur Abreise nach Syrien oder Irak überredet. Seitdem er selber in Syrien sei, hätten andere Hassprediger seinen Platz eingenommen.

«Sie agieren vor Moscheen, Sportclubs und Mittelschulen, und ihr Einfluss nimmt überall zu», erzählt Boukhobza. «Im jüngsten Ramadan wurde hier eine muslimische Kellnerin von Gästen geohrfeigt, weil sie Alkohol servierte. Viele Lehrer berichten uns, dass sie seit zwei, drei Jahren keinen normalen Unterricht mehr halten können.

Im Musikunterricht wollten die Schüler keine Musik hören, im Zeichenunterricht keine nackten Figuren zeichnen. In der Biologie weigern sie sich, über Darwins Theorien zu sprechen, und im Fach Geschichte unterbrechen sie den Lehrer mit dem Hinweis, nein, der Islam sei die erste Weltreligion gewesen.»

«Der Antrieb ist politisch»

Ältere Jugendliche würden zudem in ihrem Gefühl von Diskriminierung und Erniedrigung bestärkt und zur Rache angehalten, meint Boukhobza. «Dieser Opferdiskurs ist der Nährboden des Terrorismus. Es ist eine politische Ideologie mit einem religiösen Einschlag, die individuelle Motive von fragilen, gewaltbereiten Jugendlichen benützt.»

Sicherheitsexperte Albert A. Stahel zum Anschlag von Nizza

Sicherheitsexperte Albert A. Stahel zum Anschlag von Nizza (15. Juli 2016)

Die Psychologin betont, der Antrieb sei politisch. «Das sind keine Psychopathen, die ihre suizidären Neigungen übertragen. Von Vergleichen etwa mit dem Co-Piloten der Germanwings-Maschine, der andere Leute mit sich in den Tod riss, halte ich nichts. Diese Terroristen handeln politisch.» Auch, wenn sie willentlich Kinder überfahren, wie nun in Nizza geschehen? «Durchaus», bekräftigt die Psychologin. «Sie sind überzeugt, Gutes zu tun – gegen die Korruption des Westens, gegen die Ungläubigen und persönlich für einen Platz im Paradies.»

Keine Polizei vor Haus des Täters

Boukhobzas Verein leistet mühsame Feldarbeit in Schulen, Sozialdiensten und Polizeiwachen, um sie über diese Zusammenhänge aufzuklären. Eine bitternötige Mission hier an der Hügelflanke, wo entlang der gesamten Buslinie 6 kein einziger Polizist zu sehen ist. Während an der Strandpromenade sogar das Militär patrouilliert, ist sogar das ehemalige Wohnhaus des Attentäters unbewacht.

Gedenkanlass für Terrorismus-Opfer aus Yverdon

Gedenkanlass für Terrorismus-Opfer aus Yverdon (18. Juli 2016)

Rund 150 Personen haben am Montagabend in Yverdon-les-Bains VD der beiden Opfern des Terroranschlages von Nizza gedacht. Einige Anwesende hinterliessen Plüschtiere und Kinderzeichnungen neben einer brasilianischen Fahne - in Erinnerung an das Herkunftsland der Mutter.

Das ärgert auch eine junge Frau, die allein an der Haltestelle Vauban wartet. Wegen der Terrorgefahr nehme sie den Bus nur noch in Notfällen, meint die Senegalesin, die mit einem ärmellosen T-Shirt und zerrissenen Jeans gekleidet ist. Offenherzig schimpft sie über die «sogenannten Dschihadisten», die ihrer Religion so viel Leid zufügten. Ob sie es wagen würde, im hiesigen Viertel einen Rock zu tragen? Darauf gibt die Frau keine Antwort mehr, denn jetzt kommen ein paar männliche Passanten an die Haltestelle.