Swetlana Tichanowskaja

Auf der Flucht vor dem Diktator: Warum Weissrusslands Oppositionsführerin das Land verlassen musste

Nach Litauen geflüchtet: Swetlana Tichanowskaja.

Nach Litauen geflüchtet: Swetlana Tichanowskaja.

Die weissrussische Oppositionelle Swetlana Tichanowskaja ist nach Litauen ausgereist. Viele Arbeiter streiken gegen Diktator Lukaschenko.

Die weissrussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja ist in der Nacht zum Dienstag nach Litauen ausgereist. Laut ihrem Wahlstab wurde sie dazu vom Geheimdienst KGB gezwungen; im Tausch habe sie die Freilassung ihrer Wahlstabschefin Maria Moroz und deren Ausreisemöglichkeit erreicht.

Tichanowskaja selbst meldete sich am Mittwoch mit einer Videobotschaft, in der sie unter Tränen von einer souveränen Entscheidung sprach. «Ich dachte, die Wahlkampagne hätte mich abgehärtet, aber wahrscheinlich bin ich immer noch einfach eine schwache Frau», sagte sie und forderte ihre Anhänger auf, sich an die Gesetze zu halten und der Polizei nicht mehr zu widersetzen.

Aussenministerium bestätigt: Tichanowskaja ist in Litauen

Laut Tichanowskajas Wahlstab wurde das Video noch in Minsk aufgenommen und ebenso vom KGB erzwungen. Das soll in der Zentralen Wahlkommission geschehen sein, wo Tichanowskaja am Montag das vorläufige Wahlresultat anfocht und drei Stunden festgehalten wurde. Danach war sie stundenlang spurlos verschwunden. Das litauische Aussenministerium hat inzwischen Tichanowskajas Verbleib bestätigt und für ihre Sicherheit garantiert.

Von den bestimmenden drei Oppositionspolitikerinnen befindet sich damit nur noch die am Samstag kurzzeitig festgenommene Maria Koleschnikowa in Weissrussland. Weronika Tsepalo war am Samstag nach Moskau geflüchtet. Koleschnikowa und der verbleibende Teil von Tichanowskajas Wahlstab forderte am Dienstagmittag die Weissrussen auf, weiterhin friedlich gegen die Wahlfälschung zu protestieren.

Schweiz fordert Minsk zur Zurückhaltung auf

Nach der EU schlossen sich am Dienstag auch die USA einer Verurteilung der Staatsgewalt an. Das Aussendepartement in Bern forderte die weissrussischen Behörden zur Zurückhaltung auf und dazu, «friedliche Demonstrationen zuzulassen».

Laut Beobachtern in Minsk hat Tichanowskajas erzwungene oder freiwillige Ausreise keinen Einfluss auf die Protestwelle, da diese nicht von ihrem Wahlstab organisiert, sondern spontan ist. Bisher sind keine Protestführer auszumachen.

Am Dienstag trat die Protestwelle in eine neue Phase, indem sich Dutzende, teils grosse Staatsfirmen einem Streikaufruf anschlossen. Opposition und unabhängige, zumeist verbotene Gewerkschaften, hatten zu einem Generalstreik aufgerufen. Viele Firmen protestierten für eine Abdankung des amtierenden Staatspräsidenten Alexander Lukaschenko, gegen die Gewalt der Sicherheitskräfte und die landesweite Blockade des Internets.

Am Dienstag war es - wie bereits in der Wahlnacht - erneut zu Protesten im ganzen Land gekommen. Dabei kam es laut Angaben des Innenministeriums zu einem Todesfall und rund 200 Verletzten. Rund 2000 Demonstranten seien verhaftet worden, hiess es offiziell. Das Zentrum von Minsk war erneut völlig abgeriegelt, aber vor allem in den östlichen Aussenbezirken kam es zu heftigen Auseinandersetzungen.

Proteste auch in der Provinz

Vor dem Kino «Aurora» wurden Barrikaden gebaut und Molotow-Cocktails auf Sicherheitskräfte des Innenministeriums geworfen. Dabei soll sich ein Demonstrant laut offiziellen Angaben selbst tödlich verletzt haben. Auch in Dutzenden von Provinzstädten kam es erneut zu Demonstrationen. Alleine in der Kleinstadt Waukawysk an der polnischen Grenze wurden 30 Demonstranten verhaftet.

«Wir betonen nach einmal, dass wir keine Destabilisierung der Situation zulassen; wir verfügen über genügend Kräfte und Möglichkeiten», drohte Innenminister Jurij Karajeu am Staatsfernsehen.

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