Es dauerte mehr als zwei Tage, bis der UN-Sicherheitsrat endlich eine Feuerpause für Syrien beschlossen hatte. «Ohne Verzögerung» sollten die Kriegsparteien alle militärischen Aktionen beenden, hält die am Samstag verabschiedete Resolution fest. Schon vor der Abstimmung war allerdings klar, dass der Kampf gegen dschihadistische Gruppen wie al-Kaida und den «Islamischen Staat» trotz der Feuerpause weitergehen wird. Auf Drängen Russlands dürfen während der Feuerpause auch andere Individuen, Gruppen und Einheiten mit Verbindungen zu al-Kaida und dem «IS» bekämpft werden.

Entsprechend bescheiden ist die Wirkung der Resolution: Die Gefechte in der vom Bürgerkrieg stark betroffenen Region Ost-Ghouta gingen praktisch ohne Pause weiter. Das überrascht nicht. Schliesslich lieferte die Resolution der Assad-Armee eine Art «Carte Blanche», um den Kampf gegen die vom Regime als «Terroristen» bezeichneten Gruppierungen mit voller Härte fortzusetzen.

Leiden für die Propaganda

Doch können tatsächlich alle Aufständischen in der Region Ost-Ghouta als Terroristen oder Dschihadisten bezeichnet werden? «Gemässigte» Rebellen gibt es in Syrien fast nicht mehr. Durch die Brutalität des Regimes wurden fast alle Aufständischen radikalisiert und in die Arme von dschihadistischen Gruppen getrieben. Al- Kaida nahestehende Verbände sind mittlerweile die kampfkräftigsten in Syrien. Sie wurden deshalb nicht nur von den Golfstaaten und der Türkei, sondern auch vom Westen militärisch unterstützt.

Ziel der Dschihadisten, die militärisch weiterhin aus dem Vollen schöpfen können, bleibt der Sturz von Machthaber Baschar al-Assad. Die «vorgeschobene Position» in Ost-Ghouta nur elf Kilometer vom syrischen Präsidentenpalast entfernt wollen die Dschihadisten daher unbedingt halten. Nach dem Verlust von Ost-Aleppo ist Ost-Ghouta die letzte strategisch wichtige Stellung, die der bewaffnete Widerstand in Syrien noch innehat.

Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nehmen die dschihadistischen Kämpfer genauso wenig wie das Assad-Regime und seine russischen und iranischen Verbündeten. In Ost-Aleppo hatten die Dschihadisten Zivilisten an der Flucht gehindert, um mit ihren Leiden internationale Sympathien zu gewinnen. In Ost-Ghouta kontrollieren sie die Schmugglertunnel, durch die Lebensmittel in die Vorstädte gebracht und dort zu horrenden Preisen weiterverkauft werden. Bei den Kämpfen um diese lukrativen Nachschubwege kamen Hunderte ums Leben, unter ihnen zahlreiche Zivilisten.

Das Regime greift in Ost-Ghouta brutal durch. Jede Regierung der Welt, argumentiert der syrische UNO-Botschafter, würde gegen Terrorbanden vorgehen, die ihre Hauptstadt beschiessen. In Damaskus seien in den letzten Wochen mehr als 30 Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl von rund 500 Zivilisten, die nach Aktivisten-Angaben in Ost-Ghouta getötet worden sind, bestritt der Botschafter aber hartnäckig. Das syrische Regime hat immer wieder ganze Grossstädte wie Aleppo oder Homs in kollektive Geiselhaft genommen, um den bewaffneten Widerstand auszuschalten.

Merkel telefoniert mit Putin

Was also soll die Weltgemeinschaft tun? Waffenlieferungen an die Rebellen würden die Leiden der Zivilbevölkerung nur verlängern. Als es nach dem Beginn des Volksaufstandes 2011 darauf ankam, den Widerstand zu unterstützen, legte der Westen seine Hände in den Schoss. Russland dagegen intervenierte in Syrien brutal und effizient. Moskau wird auch weiterhin seine schützende Hand über das Regime halten, weil man weiss, dass der Westen keinen Krieg riskieren wird, um das Assad-Regime zu stürzen.

Gestern telefonierten die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Sie forderten ihn auf, «maximalen Druck» auf das syrische Regime auszuüben, um die «sofortige Einstellung der Luftangriffe» zu erreichen. Der Kreml liess verlauten, man wolle die Resolution «vollständig und so schnell wie möglich» umsetzen.