Das Klischee will es, dass alle Journalisten und Kommentatoren tendenziell einem linken Gedankengut anhängen. Ein Blick in die amerikanischen Zeitungsarchive zeigt: Das Klischee stimmt nicht. So unterstützte der «Columbus Dispatch», die währschafte Zeitung der grössten Stadt in Ohio, seit 1920 die Präsidentschaftskandidaten der Republikaner – selbst als Barry Goldwater im Jahr 1964 die Partei zu spalten drohte, blieben die anonymen Kommentatoren des «Dispatch» ihrer Linie treu.

Dieses Jahr aber ist alles anders. Am Sonntag verkündete der «Dispatch», der «moralisch bankrotte» Republikaner Donald Trump sei für das höchste Amt im Staat «nicht geeignet». Auch seine Kontrahentin Hillary Clinton sei durchaus keine perfekte Kandidatin, hiess es weiter. In dieser Wahl stehe aber «zu viel auf dem Spiel» und die Stimmenthaltung sei keine Option. Deshalb unterstütze der «Dispatch» erstmals seit 100 Jahren ein Mitglied der Demokratischen Partei für das Präsidentenamt.

Der «Dispatch» ist keine Ausnahme. Blätter wie die «Arizona Republic» in Phoenix, «The San Diego Union-Tribune» in Kalifornien und «The Cincinnati Enquirer» in Ohio brechen mit einer jahrzehntealten Tradition und sprechen sich für die Wahl von Hillary Clinton aus. Unter den 100 auflagenstärksten Zeitungen der USA befürwortet bisher kein einziges Blatt die Wahl Trumps, wie einer Zusammenstellung der Politologen Gerhard Peters und John Woolley zu entnehmen ist. Das ist aussergewöhnlich. Denn noch vor vier Jahren brachte es der Republikaner Mitt Romney auf 35 Wahlaufrufe, während 41 Blätter seinen Kontrahenten Barack Obama unterstützten.

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