TV-Debatte

Attacke der neuen starken Demokratin: Kamala Harris bringt Biden in Verlegenheit

Kamala Harris während ihrer ersten grossen TV-Debatte im Wahlkampf 2020: Sie ritt heftige Angriffe auf Joe Biden. Keystone

Kamala Harris während ihrer ersten grossen TV-Debatte im Wahlkampf 2020: Sie ritt heftige Angriffe auf Joe Biden. Keystone

Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris hat sich bei ihrer ersten TV-Debatte im Wahlkampf 2020 stark präsentiert – zum Leidwesen des in Umfragen führenden Joe Biden.

Es ist ja nicht so, dass sich Joe Biden, 76, nicht im Klaren darüber ist, wie schwierig es sein kann, umstrittene Positionsbezüge zu begründen. Bereits in den Siebzigerjahren, zu Beginn seiner 50 Jahre dauernden Karriere als Berufspolitiker, sagte Biden: Natürlich sei es «unappetitlich», dass er mit George Wallace, einem der damaligen Aushängeschilder der rassistischen Südstaaten-Demokraten, einer Meinung sei. «Ich will nicht mit ihm verwechselt werden.» Er lehne es aber ab, dass Washington die Integration rassengetrennter öffentlicher Schulen erzwinge.

In Delaware, Bidens Heimatstaat, seien nicht nur weisse, sondern auch schwarze Eltern dagegen, wenn die Bundesregierung lokalen Schulbezirken vorschrieben, Kinder müssten nötigenfalls in weiter entfernten Schulhäusern unterrichtet werden, damit eine ausgewogene Mischung zwischen weissen und schwarzen Schülern hergestellt werden könne. «Bussing» hiess diese Politik in der Umgangssprache, weil die Kinder mehr Zeit in den gelben Schulbussen verbringen mussten.

Gut geplanter Angriff

Erstaunlich aber ist, dass der langjährige Senator und ehemalige Vize von Präsident Barack Obama keine Erklärung für diese Positionsbezüge aus dem Ärmel schütteln kann, die für die Stammwählerinnen und -wähler der heutigen Demokratischen Partei nachvollziehbar sind. Also lief der Präsidentschaftskandidat, der gemäss sämtlichen Meinungsumfragen das grosse Feld der Möchtegern-Herausforderer von Präsident Donald Trump anführt, am Donnerstag ins Messer seiner Parteifreundin Kamala Harris (54).

Die Attacke der kalifornischen Senatorin war gut vorbereitet; ihr Wahlkampfteam stand bereit, um im entscheidenden Moment über den Kurznachrichtendienst Twitter ein altes Foto zu verbreiten, das sie als Schulmädchen zeigte.

Die Diskussion während der zweiten der beiden TV-Debatten in Miami (Florida), an denen insgesamt 6 Kandidatinnen und 14 Kandidaten der Demokraten teilnahmen, drehte sich um Polizeibrutalität und Alltagsrassismus. Harris erteilte sich das Wort, indem sie sagte: «Als einzige schwarze Person auf dieser Bühne würde ich gerne etwas sagen.» Dann wandte sie sich Biden zu, um ihm zu sagen, wie sehr es ihr wehgetan habe, dass er sich kürzlich positiv über seine Zusammenarbeit mit Südstaaten-Senatoren geäussert habe, die rassistische Positionen vertraten.

Als Kind dunkelhäutiger Ausländer – Harris’ Mutter stammt aus Indien, ihr Vater aus Jamaika – habe sie davon profitiert, dass die Rassentrennung an den Schulen ihres damaligen Wohnortes Berkeley (Kalifornien) mithilfe des «Bussing» überwunden worden sei.

Die zweite TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber fand in der Nacht auf Freitag statt.

Die zweite TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber fand in der Nacht auf Freitag statt.

Seine Zeit war abgelaufen

Biden blickte lange Zeit starr nach vorne, als Harris auf ihn einredete. Als ihm von den Moderatoren das Wort erteilt wurde, sagte er Harris, sie habe seinen Leistungsausweis falsch dargestellt. Er habe sich sein Leben lang für die Bürgerrechte aller Amerikaner eingesetzt, während Harris sich einen Namen als harte Staatsanwältin gemacht habe; aber als Senator aus einem Kleinstaat habe er sich eben auch für den Föderalismus starkgemacht. Dann bemerkte Biden, dass die 30 Sekunden, die er für seine Antwort Zeit gehabt hatte, abgelaufen waren. Er sagte «Sorry» und schwieg.

Natürlich zerstört eine solche Episode keine Politikerkarriere, so vernichtend die Einschätzungen über Biden am Tag danach auch waren. Sie zeigt aber, dass der ehemalige Vizepräsident einen Zacken zulegen muss, will er sich im Debatten-Reigen der kommenden Monate behaupten. Harris wiederum stellte sicher, dass sie im Gespräch bleibt und als potenzielle Trump-Herausforderin ernst genommen wird – und zwar nicht nur dank der Attacke auf den Umfragen-Spitzenreiter, sondern auch dank einigen treffenden Sprüchen und gut erzählten Anekdoten. Ähnlich gut schlug sich am Abend zuvor die Senatorin Elizabeth Warren, 70, während der ersten TV-Debatte.

Ganz rund lief allerdings auch für Harris die Debatte nicht. Als sämtliche Kandidaten gefragt wurden, ob sie im Zuge einer massiven Gesundheitsreform das Ende privater Krankenkassen befürworteten, antwortete die Senatorin mit Ja.

Am Tag danach, im Gespräch mit dem Fernsehsender «CBS», korrigierte sie diesen (höchst umstrittenen) Positionsbezug leicht. Sie wies darauf hin, dass die Moderatoren gefragt hätten, ob die Kandidaten bereit seien, ihre persönliche private Krankenkasse abzuschaffen. Dazu sage sie nach wie vor Ja. Sie befürworte es aber auch, dass private Zusatzversicherungen weiterhin erlaubt seien.

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