Chemiewaffen

«Assads Chemiewaffen sind innert weniger Stunden einsatzfähig»

Oliver Thränert

Oliver Thränert

Politologe Oliver Thränert glaubt nicht, dass Baschar al-Assad Giftgas gegen die eigene Bevölkerung einsetzt. Der 53-jährige Sicherheitsexperte ist Leiter des Think Tank am Center for Security Studies an der ETH Zürich. Seine Forschungsgebiete konzentrieren sich auf Rüstungskontrolle und Abrüstung von nuklearen, chemischen und biologischen Waffen.

Die USA haben das Assad-Regime vor dem Einsatz von Chemiewaffen gewarnt. Verfügt Syrien wirklich über solche Waffen?

Davon kann man ausgehen. Zum einen sind sich die internationalen Nachrichtendienste einig darüber, zum anderen hat es Syrien im Sommer indirekt zugegeben.

Wie gross ist dieses Arsenal?

Die grössten Bestände an chemischen Waffen lagern in Russland und in den USA. Diese beiden Länder sind jedoch Mitglieder des Chemiewaffen-Übereinkommens und sind seit Jahren dabei, ihre Bestände aus dem Kalten Krieg zu vernichten. Syrien ist dem Abkommen nie beigetreten und es kann angenommen werden, dass sie über das grösste Vorkommen im Nahen Osten verfügen. Auch Ägypten besitzt vermutlich chemische Kampfstoffe.

Welche Mengen muss man sich da vorstellen?

Es gibt keine offiziellen Einschätzungen. Es dürften aber mehre hundert Tonnen sein.

Wie kamen sie zu dieser Menge?

Man geht davon aus, dass Hafiz al-Assad, der Vater des heutigen Herrschers Baschar al-Assad, in den 1980er-Jahren eine Grundsatzentscheidung getroffen hat. Er wollte gegenüber der israelischen Atombewaffnung ein eigenes Abschreckungspotenzial entwickeln, das nicht auf Kernwaffen beruht, sondern auf chemischen Waffen. Woher das Wissen und die Rohmaterialien für dieses Arsenal stammen, darüber kann nur spekuliert werden.

Wie schwierig ist es, diese Waffen herzustellen?

Für Kampfstoffe wie Senfgas, Sarin oder VX braucht es chemische Expertise, besonders um sie in grösseren Mengen herzustellen und sicher lagern zu können. Um die Kampfstoffe mittels Raketen zum Einsatz zu bringen, braucht es ebenfalls sehr spezifisches Know-how.

Angeblich bereiten die syrischen Militärs den Einsatz der Chemiewaffen vor. Wie lange dauert das?

Das hängt davon ab, wie die Kampfstoffe gelagert sind, ob sie in Sprengköpfe abgefüllt sind oder ob sie noch abgefüllt werden müssen. Sind die Bedingungen optimal, handelt es sich um wenige Stunden.

Sollten die Amerikaner in Syrien einfallen – wie können sie dieses Arsenal neutralisieren?

In der Presse ist die Rede von 75000 Soldaten, die die Lagerstätten sichern müssten. Beim Neutralisieren der Waffen kommt es darauf an, wie schnell es gehen soll und für wie wichtig der Schutz der Umwelt erachtet wird.

Nämlich?

Je umweltverträglicher die Substanzen entschärft werden, desto länger dauert es. Im schlimmsten Fall werden sie im Meer versenkt, aber das löst das Problem nicht, denn Senfgas etwa neutralisiert sich nicht von selber. Die Senfgas-Fässer, die nach 1945 in der Ostsee versenkt wurden, rosten und die Chemikalien treten aus.

Sind die Amerikaner die führenden Experten für die Vernichtung?

Die USA verfügen über die grösste Erfahrung. Auch Russland hat Möglichkeiten. Der springende Punkt ist, unter welchen Bedingungen Chemie-Waffen zerstört werden müssen. Im Chaos eines Bürgerkriegs muss es schnell gehen.

Trauen Sie Assad den Einsatz von Chemiewaffen denn zu?

Ich kann es mir kaum vorstellen, denn es wäre eine Einladung an die USA zu einer Militärintervention. Die Gefahr ist wohl eher, dass die Kampfstoffe im Chaos in die falschen Hände geraten.

An wen denken Sie?

Israel ist besorgt, dass Hamas oder Hizbollah an die Chemiewaffen gelangen wollen. Ob diese Gruppen das Giftgas dann aber einsetzen würden, steht auf einem anderen Blatt.

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